Bühne „Der Prozess“ in Heidelberg: Kafka trifft auf Karneval

Ein Mensch wird angeklagt und weiß nicht warum - Franz Kafkas „Prozess“ ist eine finstere Parabel auf die potentielle Willkür totalitärer Staaten. Am Theater Heidelberg bricht Moritz Schönecker mit den gängigen Erwartungen an den Stoff. Gekonnt vermischt er die düstere Handlung mit einer großen Portion Quatsch und Klamauk. Das gefällt nicht allen.

Theater Heidelberg „Der Prozess“ nach Franz Kafka in Bildern

Der Prozess nach Franz Kafka (Foto: Pressestelle, Theater und Orchester Heidelberg - Sebastian Bühler)
In der Heidelberger Inszenierung von „Der Prozess“ treffen Kafka und Karneval aufeinander. Auf absurde Art verrührt der Regisseur Moritz Schönecker Schuld, Quatsch und Moral. Dem Heidelberger Ensemble machen die vielen Rollen- und Kostümwechsel sichtbar Spaß. Es interpretiert Kafka entgegen der gängigen Erwartungen.Im Bild: Marco Albrecht, Katharina Uhland Pressestelle Theater und Orchester Heidelberg - Sebastian Bühler Bild in Detailansicht öffnen
Josef K. ist eine Frau, beziehungsweise die Rolle wird gekonnt-irritierend von Sophie Melbinger gespielt – der einzigen „normalen“ Person im Stück. Sie will verstehen, warum sie verhaftet wurde, was ihr vorgeworfen wird. Doch ihre Fragen gehen unter im Gelächter, in der Gleichgültigkeit der anderen Figuren. Im Bild: Sophie Melbinger Pressestelle Theater und Orchester Heidelberg - Foto: Sebastian Bühler Bild in Detailansicht öffnen
Josef K. wird von zwei Personen gespielt. An der Seite Sophie Melbingers läuft – wie ein Schatten, gleich gekleidet, meist ohne Worte – Sambujang Touray. Touray ist schwarz, offenbar geflüchtet. Die Situation von K., dem schuldlos Schuldigen, wird so auf Menschen projiziert, denen die Abschiebung droht.Im Bild: Nicole Averkamp, Sophie Melbinger, Sambujang Touray Pressestelle Theater und Orchester Heidelberg - Foto: Sebastian Bühler Bild in Detailansicht öffnen
Sambujang Touray bleibt ein Rätsel. Man wüsste gern, wie er in das Ensemble integriert wurde, ob ihm tatsächlich die Abschiebung droht. Oder ist es ganz anders und er spielt das alles nur? Als Zuschauer findet man sich in der Rolle des Sachbearbeiters wieder, der prüft, wie plausibel Tourays Angaben sind.Im Bild: Nicole Averkamp und Hendrik Richter Pressestelle Theater und Orchester Heidelberg - Foto: Sebastian Bühler Bild in Detailansicht öffnen
Kafkas Prozess wird oft als Parabel auf totalitäre Systeme gedeutet, in denen der Einzelne nach Gesetzen verurteilt wird, die er nicht versteht. Ist es zulässig, das auf die Diskussion um Abschiebung zu übertragen? Ist das Unverständnis, mit dem Geflüchtete auf die Sprache der deutschen Bürokratie reagieren, vergleichbar mit der Bürokratie, die Josef K. am Ende tötet?Im Bild: Marco Albrecht Pressestelle Theater und Orchester Heidelberg - Foto: Sebastian Bühler Bild in Detailansicht öffnen
Die Heidelberger Inszenierung hält sich nicht lange mit derartigen Fragen auf, sie solidarisiert sich überraschend eindeutig und militant. Plakativ werden Slogans angeführt, Touray trägt Sätze wie „Stop Deportation“ auf die nackte Haut geschrieben.Im Bild: Sambujang Touray Pressestelle Theater und Orchester Heidelberg - Foto: Sebastian Bühler Bild in Detailansicht öffnen
Als Zuschauer wird man zu einer Positionierung gezwungen. Das nervt und soll wohl auch nerven. Diese gelungene Inszenierung will mehr sein als die Bebilderung eines Klassikers, dessen Autor sprichwörtlich für hoffnungslose und absurde Situationen steht.Im Bild: Sophie Melbinger Pressestelle Theater und Orchester Heidelberg - Foto: Sebastian Bühler Bild in Detailansicht öffnen
Ein Klassiker, zu dem die schwarz-weißen Bilder der Verfilmung von Orson Welles gewohnheitsmäßig gehören. All das wird von diesem bunten, grellen, albernen Abend indes unterlaufen.Auf dem Bild: Nicole Averkamp Pressestelle Theater und Orchester Heidelberg - Foto: Sebastian Bühler Bild in Detailansicht öffnen
Karneval als Subversion, Kafka als Klamauk - das gefällt nicht allen. Einige Besucher gehen vorzeitig, in den Applaus mischt sich ein ausdauernder „Buh“-Rufer. Konsequent ist diese Inszenierung allemal. Respekt.„Der Prozess“ nach Franz Kafka in der Inszenierung von Moritz Schönecker läuft noch bis zum 27. Mai am Theater Heidelberg. Informationen und Tickets finden Sie hier. Im Bild: Katharina Uhland und Nicole Averkamp Pressestelle Theater und Orchester Heidelberg - Foto: Sebastian Bühler Bild in Detailansicht öffnen
Dauer

„Der Prozess“ nach Franz Kafka in der Inszenierung von Moritz Schönecker läuft noch bis zum 27. Mai am Theater Heidelberg, die nächsten Vorführungen sind am 8., 14. und 21. März. Informationen und Tickets finden Sie hier. 

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