"Das 1. Evangelium" am Staatstheater Stuttgart von Kay Voges Monumentale Bilderflut

Kulturthema am 20.1.2018 von Christian Gampert

In der letzten Saison des Intendanten Armin Petras stemmt das Schauspiel Stuttgart noch einmal ein Mammutprojekt: „Das 1. Evangelium“, frei nach dem Matthäus-Evangelium. Petras hat den für seine opulente, bilderreiche Erzählweise bekannten Kay Voges als Regisseur engagiert. Der sorgt für eine aggressive Bilderflut - mit eigenem Bühnenbildner und einer ganzen Video-Mannschaft.

Die Leber wächst bekanntlich mit ihren Aufgaben. Auch das Stuttgarter Staatstheater hat mit dem „1. Evangelium“ einen enormen Anstieg an Leistungsfähigkeit zu verzeichnen - zwar nicht unbedingt geistig, aber doch in der Bühnen- und Beeindruckungsmaschinerie.

Das Leben Jesu als Monumentalfilm

Das Leben Jesu als Monumentalfilm mit gleichzeitigen Bühnen-Exaltationen - das überholt mühelos jede Castorf-Premiere und ist dabei doch viel kürzer, nämlich nur zweieinhalb Stunden lang.

Es beginnt hübsch blutig mit Christi Geburt und endet vorhersehbar mit dem Kreuzestod, dazwischen Weihrauch, Matthäuspassion, Erzengel, Gottesmutter, Pontius Pilatus, Judaskuss und „Mein Gott, warum hast du mich verlassen“.

"Live-Making-of der Passionsgeschichte" - "Das 1. Evangelium" am Schauspiel Stuttgart (Foto: Schauspiel Stuttgart - Foto: JU)
"Live-Making-of der Passionsgeschichte" - "Das 1. Evangelium" am Schauspiel Stuttgart Schauspiel Stuttgart - Foto: JU

Bunuel, Ku-Klux-Klan, Fellini, Tocotronic

Dazu kommen Fragmente aus der Gegenwart, Bunuels Auge, der Engel der Geschichte, der Ku-Klux-Klan, Texte von Fellini bis Heiner Müller und Tocotronic, Figuren wie Niki de Saint Phalle und ein Pseudo-Kinsky. Und natürlich jede Menge christliche Ikonographie, von der Pietà bis zu Johannes dem Täufer.

Kay Voges, der Regisseur, will uns die Wirkmächtigkeit biblischer Bilder und Geschichten vorführen, die natürlich auch heute noch viel präsenter sind, als wir alle glauben.

Überangebot von Bildern und Figuren

Zwar behauptet Voges, er mache den Zuschauer selbst zum Monteur der auf der Bühne angebotenen Bilder. In Wahrheit passiert aber etwas anderes, etwas sehr Katholisches: der Zuschauer wird überwältigt von einem Überangebot von Bildern und Figuren, die sich karussellartig auf der Bühne drehen.

Voges führt uns aber auch vor, wie die Bilder des Christentums produziert werden - dass sie Menschenwerk sind. Und das ist eine gute Idee: wir sehen ein Kamera-Team, das die Szenen eines opulenten und ziemlich hysterischen Jesus-Streifens filmt.

Hysterischer Jesus-Streifen - die Passionsgeschichte als Filminszenierung in "Das 1. Evangelium" am Schauspiel Stuttgart (Foto: Schauspiel Stuttgart - Foto: JU)
Hysterischer Jesus-Streifen - die Passionsgeschichte als Filminszenierung in "Das 1. Evangelium" am Schauspiel Stuttgart Schauspiel Stuttgart - Foto: JU

Bildregie: Voxi Bärenklau

Diese Bilder erscheinen auf Großleinwand, werden live geschnitten, gesampelt, verlangsamt, und es ist durchaus die Frage, ob der wahre Regisseur des Abends nicht eher oben in der Bildregie sitzt und Voxi Bärenklau heißt.

Voges schließt an Pier Paolo Pasolini an, der das Leben Jesu verfilmt hat, allerdings viel karger und bescheidener. Bei Voges sind die sehr heutigen Auseinandersetzungen innerhalb der Film-Crew die zweite Spielebene, und das ist zum Teil sehr witzig, manchmal, in der trashigen Übertreibung, auch nervig.

Passionsgeschichte einer Filmproduktion

Dass auch das Machen eines Films eine Passionsgeschichte ist, wird an mehreren Figuren klar, von der körperlich an die Grenzen gehenden Jesus-Darstellerin Julischka Eichel bis zum (von Paul Grill gespielten) Regisseur des Films, der am Ende selbst sein Kreuz tragen muss.

Der Filmregisseur (Paul Grill) muss sein eigenes Kreuz tragen. "Das 1. Evangelium" am Schauspiel Stuttgart (Foto: Schauspiel Stuttgart - Foto: JU)
Der Filmregisseur (Paul Grill) muss sein eigenes Kreuz tragen. "Das 1. Evangelium" am Schauspiel Stuttgart Schauspiel Stuttgart - Foto: JU

Das Problem des Abends besteht in seiner Überwältigungs-Strategie. So wie die katholische Kirche uns das menschliche Leiden als etwas Unvermeidliches und sogar Stärkendes verkauft, den Gläubigen aber immer klein macht, so macht auch Voges den Zuschauer klein.

Der Zuschauer - ein armer Wurm

Er ist ein armer Wurm, der vor dem riesigen Theater-Apparat quasi kniet und von oben mit ästhetischen Gaben bedacht wird. Dass die mit postmoderner Nonchalance angerichtet sind, ist immerhin ein kleines Zugeständnis.

Die Film-Crew hat amerikanisches Format, und auf der Bühne drehen sich: alte Autos, ein Wohnwagen, eine Paradies-Bar, ein Andachts-Ecklein mit Heiligen, eine Zelle in der Psychiatrie, in der ein epileptisch zuckender Lazarus liegt.

Objekt einer aggressiven Bilderflut

Es gibt einen Tempel und römische Soldaten wie bei Ben Hur. Man schaut all dem zum Teil durchaus sympathisierend zu, fühlt sich aber auch als Objekt einer aggressiven Bilderflut. Das Theater ist der Ort der Gurus – ein solcher will Kay Voges mit Sicherheit sein. Wie Jesus.

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