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Dante als Splatter-Movie: „Inferno“ von Lucia Ronchetti als Bühnenfilm an der Oper Frankfurt

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Dantes „Inferno“ als Oper – geplant war in Frankfurt eigentlich ein Gesamtkunstwerk: Die Musik von Lucia Ronchetti sollte um ein szenisches Spektakel und mit dem Film von Kay Voges und Marcus Lobbes um eine bewegte, szenische Kulisse ergänzt werden. Aus Hygienegründen kann die Oper nun zunächst nur konzertant erklingen. Aus der uraufgeführten Musik und den vorbereiteten Bildern wird daher ein Film, der ab dem 11. Juli 2021 im Bockenheimer Depot zu sehen ist. So entsteht ein szenisches Kunstwerk, von dem Co-Filmautor Kay Voges, Intendant am Wiener Volkstheater, überzeugt ist, dass es tief in Dantes Bild- und Vorstellungswelten hineinführt.

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Wie würde die Höllenreise von Dante heute aussehen?

„Das Grundthema des Bühnenabends ist eigentlich die erste Zeile der Dichtung“, sagt Kay Voges in SWR2: „,In der Mitte meines Lebens befand ich mich in einem dunklen Wald, und der rechte Weg war mir versperrt.‘ Es geht um einen Menschen in der Mitte seines Lebens, der sich fragt: ,Wo geht es jetzt eigentlich hin?‘“

Für den Theater- und Filmemacher ist klar, dass die „Midlife-Crisis“ des Dichters in eine aktuelle Bildsprache übersetzt werden muss: „Wir haben uns gefragt, wie würden eigentlich diese Bilder von Dantes Höllenreise heute aussehen“, so Voges. „Wir haben uns als Vorlage den Film von 1911 genommen, einen der ersten Bühnen-Stummfilme überhaupt, immer noch ein wunderbarer geschichtlicher Fund, und haben diesen Film in die Jetzt-Zeit übertragen.“

Szenenbilder von Dantes „Inferno“ von Lucia Ronchetti an der Oper Frankfurt (Foto: Oper Frankfurt | Daniel Dornhoefer)
Dante geht hier nicht in eine Hölle, die irgendwo tief unter der Erde ist. Kay Voges: „Unsere Hölle ist eigentlich fast wie ein Plattenbau. Man geht die Höllenkreise nicht in die Erde hinab, sondern von Stockwerk zu Stockwerk und trifft dort all die Verdammten in den verschiedenen Plattenbauzimmern.“ Oper Frankfurt | Daniel Dornhoefer Bild in Detailansicht öffnen
In den seltsamen Räumen begegnet Dante jede Menge skurriler Situationen und kommt dem Zentrum seiner eigenen Ängste dabei immer näher. Oper Frankfurt | Daniel Dornhoefer Bild in Detailansicht öffnen
Der frühe Dante-Stummfilm von 1911 liefere wichtige szenische Vorlagen, sagt Kay Voges. Sie wirke wie ein Fantasy-Roman, in dem Fabelwesen auftreten. „Daraus können wir auch als Freunde von B-Movies jede Menge Reminiszenzen ableiten, die anzuschauen großes Vergnügen machen wird.“ Oper Frankfurt | Daniel Dornhoefer Bild in Detailansicht öffnen
Heute lasse sich nur noch schwer nachzuvollziehen, welche Figuren in Dantes Inferno damals alle gemeint gewesen seien, sagt Kay Voges. Schließlich habe sich der Dichter ganz auf seine damaligen Zeitgenossen bezogen. „Wir haben diese Zeitgenossen ausgetauscht, bei uns kommt Margret Thatcher vorbei, und Marilyn Monroe werden wir wiedersehen.“ Oper Frankfurt | Daniel Dornhoefer Bild in Detailansicht öffnen
Die Hölle wirkt wie Bilder aus einem Albtraum. Immer wieder habe der Dante-Film von 1911 Vorlagen geliefert. Kay Voges: „Es ist ein Stummfilm-Theater mit Special Effects, über die wir alle sicher etwas grinsen können.“ Oper Frankfurt | Daniel Dornhoefer Bild in Detailansicht öffnen
„Wir sehen Versuche, Monster auftreten zu lassen, die Hölle zu visualisieren, es ist wirklich eine Perle der Filmgeschichte.“ Oper Frankfurt | Daniel Dornhoefer Bild in Detailansicht öffnen

Diese Szenario führe in ein Delirium der Phantasie, „in die Ängste und in die Sehnsüchte eines taumelnden Menschen“, erklärt Kay Voges. „Und das ist, ähnlich wie bei Dante, auch sehr lustig. Man hat das Gefühl, Dantes Inferno ist der erste Splatter-Roman, der je geschrieben worden ist.“

Oper „Inferno“ von Lucia Ronchetti: „Die Komposition ist irre“

Für ihn und Marcus Lobbes als Filmautoren sei es entscheidend, nach langer Vorbereitung nun auch die Musik von Lucia Ronchetti hören zu können. „Wir sind glücklich, dass das Notenmaterial von Lucia Ronchetti nun endlich einen Klang erhalten hat“, sagt Voges über die Auftragskomposition, „wir warten seit eineinhalb Jahren darauf, endlich die Musik hören zu können.“

Die Höreindrücke von Kay Voges: „Die Komposition ist irre, es sind Klanggebäude, die Frau Ronchetti erzeugt hat, mit Trompeten, mit Pauken, mit einem Streichquartett und einem relativ kleinen Chor, einem Quartett, das singen wird, und Sprecherinnen und Sprechern vom Schauspielhaus Frankfurt, eine sehr untypische Besetzung.“ Das Spektrum der Musik beschreibe sehr schön diese Höllenreise von Dante und seine verschiedensten Begegnungen.

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