"Die stillen Trabanten" am Deutschen Theater Berlin Clemens Meyer als Theater-Klamauk

Von Julia Haungs

Gesellschaftliche Randexistenzen sind das große Thema des Schriftstellers Clemens Meyer. Auch das Theater greift immer wieder gerne auf seine Texte zurück. Seinen aktuellen Erzählband "Die stillen Trabanten" hat Armin Petras am Deutschen Theater Berlin auf die Bühne gebracht, unter anderem mit Schauspieler Peter Kurth, bekannt aus der ARD-Serie "Babylon Berlin". Herausgekommen ist greller Theater-Klamauk, der Meyers Figuren leider nicht wirklich nahe kommt.

Melancholische Nachtstücke

Die Geschichten von Clemens Meyer sind melancholische Nachtstücke: Ein Lokführer kommt nicht darüber hinweg, dass sich jemand vor seinen Zug geworfen hat.

Ein Imbissbudenbetreiber studiert den Koran, um die muslimische Nachbarin, die er heimlich liebt, zu verstehen. In der Bahnhofskneipe kommen sich nach Feierabend eine Friseurin und eine U-Bahn-Putzfrau näher.

Neun Geschichten auf der Bühne

"Die stillen Trabanten" sind unauffällige Menschen aus den Randbezirken der Großstadt. Aus den Vierteln, wo die Hochhäuser stehen. Mit denen sich die gesellschaftliche Mitte nur beschäftigt, wenn sie zum Brennpunkt werden.

Von den neun Geschichten aus Meyers Erzählband von 2017 hat Regisseur Armin Petras sechs ausgewählt. Ein Ensemble von sechs Schauspielern, unterstützt von einem Bühnenmusiker, übernimmt alle Rollen.

Träume vor kargen Requisiten

Manchmal teilen sie sich auch eine, zum Beispiel wenn sich die Erzählebenen überlagern und sich eine Figur an ihr jüngeres Ich erinnert. Wie in der Geschichte vom alten Security-Mann, der in seiner Nachtschicht plötzlich glaubt, an einem der Fenster des Flüchtlingsheims seine frühere Liebe zu erkennen.

Die Bühne von Olaf Altmann ist denkbar minimalistisch. Requisiten gibt es kaum. Im ersten Teil besteht das Bühnenbild einzig aus fünf beweglichen Holzwänden, die auf einer Drehbühne kreisen.

Viel Gerenne und viel Geschrei

Im zweiten Teil sind auch die verschwunden. Und die Figuren rennen und schreien sich durch den kahlen Bühnenraum, in dem es höchstens mal schneit oder der Bühnennebel wallt.

Das Gefühl von Einsamkeit und Unbehaustheit in einer unwirtlichen Welt mag das treffend widerspiegeln. Assoziationsräume öffnen sich dagegen keine.

Lieblose Regie von Armin Petras

Das liegt vor allem an der lieblosen Regie von Armin Petras. Dabei gilt der ehemalige Intendant des Stuttgarter Staatsschauspiels als Experte für prekäre Ost-Biographien.

2008 hat er auch schon Meyers Debütroman "Als wir träumten" für die Bühne adaptiert. Trotzdem hat man das Gefühl, dass Petras mit den Figuren der "Stillen Trabanten" nicht wirklich viel anfangen kann.

Klamauk mit Tiere-Raten

Wo der Autor seinen traurigen Gestalten eine stille Würde verleiht, kippt die Theateradaption oft ins Laute, Grelle und Klamaukige. Streckenweise wähnt man sich im Impro-Theater. Es gibt ein albernes Tiere-Raten.

Bozidar Kocevski spielt in einer furiosen Solonummer zig Fernsehprogramme durch. Und Alexander Khuon darf den Berlinern ausführlich zeigen, wie man richtig schön schwäbelt. Die Lacher sind garantiert.

Peter Kurth mit rauer Wahrhaftigkeit

Mit der Handlung haben diese Regie-Mätzchen aber nichts zu tun. Stattdessen dehnen sie den Abend zur Überlänge und nehmen ihm jede Rhythmisierung. Einzig der großartige Peter Kurth verleiht seinen Figuren durchgängig eine raue Wahrhaftigkeit.

Die Regie dagegen drückt sich vor einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den Träumen, Sehnsüchten und Ängsten dieser gesellschaftlichen Randexistenzen. Die leise Poesie von Meyers Texten findet keine szenische Entsprechung.

So ist dieser Theaterabend wie ein Trabant am Himmel, der den Text mit gleichbleibendem Abstand umkreist, ohne ihm wirklich nahe zu kommen.

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