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Dauer
Sendedatum
Sendezeit
12:33 Uhr
Sender
SWR2

Mit „Bunbury“ inszeniert Pinar Karabulut am Badischen Staatstheater Karlsruhe Oscar Wildes Komödie „The importance of being earnest” als schrill-buntes Geschlechter-Verwechslungsspiel. Was eine Utopie nach dem Bild der New Yorker Ballroom-Szene sein soll, wirkt als Komödie hohl, weil am Ende so gar kein Ernst (Ernest) dabei ist.

Bühne „Bunbury“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe

„Bunbury“ am Staatstheater Karlsruhe (Foto: Badisches Staatstheater Karlsruhe / Felix Grünschloß)
Ein lila Plüschsofa, ein goldener Vorhang und ein paar rosa Papppalmen stehen auf der Bühne, als Algy im schrillen Aerobicanzug mit wilder Föhnmähne auf die Bühne hüpft und lasziv ihre Übungen vollführt. Algy ist in der Inszenierung von Pinar Karabulut eine Frau, gespielt von einer Frau (Lucie Emons). Und Jack ist ihre Freundin, gespielt allerdings von einem Mann (Thomas Schumacher). Badisches Staatstheater Karlsruhe / Felix Grünschloß Bild in Detailansicht öffnen
Oscar Wilde hatte dieses Freundespaar zwar mit homoerotischen Zügen ausgestattet, aber Algy und Jack waren eben immer noch Männer, die sich an Frauen heranmachten. Bei Karabulut weiß man überhaupt nicht mehr, wer welchen Geschlechts ist und auf wen steht - aber das ist ja auch völlig egal. Badisches Staatstheater Karlsruhe / Felix Grünschloß Bild in Detailansicht öffnen
Zumal sich Algy und Jack auch noch jeweils ein zweites Ich zugelegt haben, um sich noch exzessiver ausleben zu können. Das führt natürlich zu Verwirrungen, zum Beispiel auch sprachlichen Verwirrungen, als Algy (Lucie Emons) das Zigarettenetui ihrer Freundin mit einer Widmung findet – und gar nichts mehr kapiert. Badisches Staatstheater Karlsruhe / Felix Grünschloß Bild in Detailansicht öffnen
Das schrille Spiel um Identitäten nimmt seinen Lauf und ist anfangs auch noch witzig und scharfzüngig. Scharf sind übrigens alle aufeinander. Sogar die ältere Mutter (André Wagner, links) kann sich kaum zurückhalten und springt jeden lüstern an. Aber als sich ihre Tochter Gwendolyn verliebt (Leander Senghas, 2.v.r.), wird sie schlagartig zur kühlen Geschäftsfrau. Die Verehrerin ihrer Tochter muss ihre Vermögensverhältnisse offenbaren. Badisches Staatstheater Karlsruhe / Felix Grünschloß Bild in Detailansicht öffnen
Um wirkliche Liebe geht es auch ihrer Tochter Gwendolyn nicht (Leander Senghas, 2.v.r). Sie hat sich einfach nur in den Namen „Ernst“ verliebt. Dumm nur, dass Ernst in Wirklichkeit Jack ist (Thomas Schumacher, r.). Da es ihm aber ernst ist mit Gwendolyn, will er sein erfundenes zweites Ich gerne aufgeben. Badisches Staatstheater Karlsruhe / Felix Grünschloß Bild in Detailansicht öffnen
Doch so einfach ist das nicht. Denn auch die junge Cecily hat sich in den bzw. die vermeintliche Ernst verliebt. Spätestens als Cecily (Sonja Viegener, links) auftaucht, wird die Komödie völlig überdreht. Und in dem grellen Partygeschrei gehen auch die geschliffenen Kalauer von Elfriede Jelineks Textfassung zunehmend unter. Übrig bleibt nur hohles Geplapper. Natürlich hat auch schon Oscar Wilde das Geplapper ausgestellt, aber es diente bei ihm noch als Kritik an der Verlogenheit und Doppelmoral seiner Zeit. Badisches Staatstheater Karlsruhe / Felix Grünschloß Bild in Detailansicht öffnen
Nicht zu vergessen: der Autor musste im Jahr der Uraufführung dieser Komödie wegen seiner Affären mit Männern ins Gefängnis. Bei Pinar Karabuluts Inszenierung hat niemand Lust auf Gesellschaftskritik. Hier wird nur gefeiert – so als könne heute jeder leben und lieben wie er wolle. Badisches Staatstheater Karlsruhe / Felix Grünschloß Bild in Detailansicht öffnen
Pinar Karabulut hat sich wohl etwas zu sehr in die schrill-bunte gelebte Utopie der New Yorker Ballroom-Szene verliebt. Doch selbst eine Komödie wirkt hohl, wenn gar kein Ernst dabei ist. Badisches Staatstheater Karlsruhe / Felix Grünschloß Bild in Detailansicht öffnen

„Bunbury” von Oscar Wilde in der Übersetzung von Elfriede Jelinek und in der Regie von Pinar Karabulut am Badischen Staatstheater Karlsruhe. Die nächsten Aufführungen am 18. Januar und am 16. Februar 2020.

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