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In den 1920er Jahren zählte Hans Gál zu den erfolgreichen und viel gespielten Opernkomponisten. Nach 1933 musste Gál aufgrund seiner ungarisch-jüdischen Abstammung nach England emigrieren, sein Werk geriet in Vergessenheit.

Am Theater Heidelberg wurde nun die chinesische Märchenoper „Die heilige Ente“ zum ersten Mal seit 1933 als Bühnenwerk wiederaufgeführt. Eine Parodie auf die zur Zeit der Uraufführung 1923 noch florierende Mode der Märchen- und Wagneropern. Und auch in der Gegenwart kann dieses Opernfeuerwerks noch begeistern.

Die Heilige Ente am Theater Heidelberg (Foto: Susanne Reichardt )
Wer eine Oper allen Ernstes „Die heilige Ente“ nennt, ist entweder nicht ganz bei Trost oder meint es nicht ernst. Letzteres ist der Fall bei der am Heidelberger Theater nach fast hundert Jahren wieder aufgeführten Oper von Hans Gál: Der Librettist Karl Michael von Levetzow hat eine geniale Parodie auf die zur Zeit der Uraufführung 1923 noch florierende Mode der Märchen- und Wagneropern geschrieben. Susanne Reichardt Bild in Detailansicht öffnen
Dass zur gleichen Zeit der Wagner-Sohn Siegfried eine Märchenoper namens „Die heilige Linde“ schrieb, spricht für sich. Kenner*innen der Operngeschichte haben an den Verballhornungen von Knittelversen und Stabreimen in der „Heiligen Ente“ seine helle Freude. Ganz ungeniert wird Wagners „Tristan und Isolde“ oder „Parsifal“ aufs Korn genommen. Aber wer so grandios ironisiert, muss lieben, worüber er sich amüsiert. Susanne Reichardt Bild in Detailansicht öffnen
Die verwirrende Handlung ist Strategie. Die Götter langweilt die beweihräuchernde Verehrung der Menschen und so beschließen sie deren Verwirrung. Dem durch Liebeständelei unaufmerksamen Kuli Yang klauen sie kurzerhand die zum heiligen Festmahl bestimmte Ente. Der Mandarin ist über die entschwundene Ente so erbost, dass er Yang einen Kopf kürzer machen will. Susanne Reichardt Bild in Detailansicht öffnen
Obwohl die Mandarinsgattin Li entdeckt, dass sie mit einem Unterschichtsrepräsentanten angebändelt hat, setzt sie sich dennoch für den armen Tropf ein. Als letzten Wunsch sehnt der nur noch das Vergessen herbei. Das schenken die Götter mit einem allgemeinen Rauschzustand, in dem Levetzow wohl auch seine irr-rasanten Verse gedichtet hat. Und treiben das Ganze auf die Spitze, indem sie die Gehirne von Mandarin und Kuli tauschen. Susanne Reichardt Bild in Detailansicht öffnen
Yang schafft als Mandarin nicht nur den Henker, sondern auch die Götter ab. Das wird denen denn doch zuviel und alles wird durch einen Gegenrausch wieder rückgängig gemacht. Das Fazit der am Ende entschwindenden Götter: Man soll nicht mit Menschenhirnen spielen. Wäre es nicht so bitter, könnte man auch das schon als Parodie auf den Größenwahn der Nazis lesen, die dem Librettisten, dem Komponisten und der Oper in Deutschland den Garaus machten. Susanne Reichardt Bild in Detailansicht öffnen
Auf Zeitgeistiges verzichtet Sonja Trebes in ihrer klugen wie enorm spielfreudigen Inszenierung. Die Mischung aus märchenhafter Chinoiserie, Martial Arts-Göttern und Straßenalltag funktioniert perfekt. Susanne Reichardt Bild in Detailansicht öffnen
Beim Rausch hängt der Himmel voller Mohnblüten und am Ende findet buchstäblich der große Kehraus statt. Das gelangweilte Götter-Denkmal, das hier alles durcheinanderwirbelt, wird tüchtig demontiert. Das reicht schon als Kritik autoritärer Strukturen, die Gál und Levetzow auch meinten. Susanne Reichardt Bild in Detailansicht öffnen
Als Komponist war Gál sicher kein Vertreter einer innovativen Moderne. Aber die eklektische Mischung aus Wagner, Puccini, Strauss und Schreker ist raffiniert und klangsicher orchestriert, ohne ins Platte zu geraten. Gál nimmt die Opernparodie Levetzows ernst. Dietger Holm am Dirigentenpult des Philharmonischen Orchesters tut das gleiche mit Gáls Partitur. Susanne Reichardt Bild in Detailansicht öffnen
Chor und Ensemble sind ungemein homogen und fabelhaft agil. Ipča Ramanovič als Mandarin, Winfrid Mikus als Yang, der Bonze von Wilfried Staber, João Terleira als Hofmeister, James Homann und Hye-Sung Na als Gaunerpärchen sind grandios, Caryl Owen als Li herausragend mit ihrer Wagner-Stimme. Susanne Reichardt Bild in Detailansicht öffnen
Es mag sein, dass die Oper gewisse Längen hat. Aber nach fast hundert Jahren des Vergessens will man sie auch vollständig hören. Historisch abgründig wie das Geschehen in der Oper diese selbst erfasst hat. Man darf das Theater Heidelberg und seine Operndirektorin Ulrike Schumann mit dieser Ausgrabung eines Opernfeuerwerks als heroisch bezeichnen. Susanne Reichardt Bild in Detailansicht öffnen

Die heilige Ente. Ein Spiel mit Göttern und Menschen, von Hans Gál. Theater Heidelberg, nächste Aufführungen am 13.3., 30.3. und 17.4.

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