Bühne

Oper „Sibirien“ bei den Bregenzer Festspielen erzählt auch von russischer Gegenwart

STAND
AUTOR/IN
Karsten Umlauf

Der Komponist Umberto Giordano gilt als „One Hit Wonder“: seine Erfolgsoper „Andrea Chenier“ war vor zehn Jahren auch bei den Bregenzer Festspielen zu sehen. Dabei hat Giordano noch viele weitere Opern komponiert. Seine liebste –„Sibirien“ – war nach der Uraufführung 1903 erfolgreicher als Puccinis „Madame Butterfly“, verschwand jedoch später von der Bildfläche. Im Bregenzer Festspielhaus wird sie nun ergänzt durch kurze Schwarzweiß-Videofilme und erzählt dabei auch von der russischen Gegenwart.

Audio herunterladen (4 MB | MP3)

Giordanos Oper spielt in einem Arbeitslager

Es gibt definitiv bessere Zeitpunkte, eine Oper mit dem Titel „Sibirien“ vorzustellen, in der ein russischer Soldat in den Krieg ziehen soll, aber wegen eifersüchtiger Schlägerei ins Arbeitslager nach Sibirien kommt, und in der die Gefahr, irgendwas an russischer Vergangenheit zu romantisieren, definitiv gegeben ist. Eigentlich möchte man davon gerade nichts hören.

Dass es sich trotzdem lohnen kann, sich mit der Oper von Umberto Giordano zu beschäftigen, liegt einmal an der Idee des Komponisten und seines Librettisten Luigi Illica, neben aller russophilen Mode der Zeit eine Geschichte der Leidenschaften und des Leids zu erzählen, aus der Sicht einer Frau.

„La Traviata“ auf russisch.

Stephana ist die in der Oper des späten 19. Jahrhunderts so beliebte „heilige Hure“: sie arbeitet für den Zuhälter Gleby als Edelkurtisane, will aber aufhören, nachdem sie den Soldaten Vassili kennen gelernt hat. Nach einem Streit mit einem Freier, dem Prinzen Alexis, muss Vassili ins Arbeitslager nach Sibirien. Stephana reist ihm nach um dort mit ihm zusammen zu leben. Bei einem gemeinsamen Fluchtversuch werden sie verraten und Stephana stirbt. „La Traviata“ auf russisch.

Sibirien (Foto: Pressestelle, Karl Forster)
Szene aus "Sibirien": Stephana und Vassilij Pressestelle Karl Forster

Giordano wollte aber zusammen mit Kollegen wie Pietro Mascagni oder auch Giacomo Puccini moderner sein als Verdi. Und realistischer. Er wollte etwas über die Härten des Lagers erzählen, über Armut auf dem Land. Im sogenannten Verismo konnte man auch sprechen, schreien oder schluchzen.

Wiener Symphoniker äußerst beweglich unter dem entfesselten Valentin Uryupin

Die Wiener Symphoniker unter dem entfesselten Valentin Uryupin spielen äußerst beweglich und decken das solide Ensemble um Scott Hendricks als Gleby und Ambur Braid als Stephana nie zu. Die Musik ist durchaus dramatisch, sehr abwechslungsreich, aber häufig auch romantisch grundiert und heiter. Dem Inhalt von Zwangsarbeit, Tod und Verzweiflung mag das nicht so recht entsprechen, auch wenn Giordano versucht hat, zum Beispiel mit dem „Lied der Wolgaschlepper“ eine Portion Schwermut zu unterfüttern. Dass das bei uns durch Ivan Rebroff und Co vor langer Zeit zum fellmützigen Klischee erstarrt ist, kann man dem Komponisten nicht vorwerfen

Sibirien (Foto: Pressestelle, Karl Forster)
Erzählerfigur in "Sibirien": eine ältere Italienerin mit russischen Wurzeln begibt sich Anfang der 1990er-Jahre auf die Spuren ihrer Familie Pressestelle Karl Forster

Schwarz-Weiß-Videos im Stil der Nouvelle Vague

Regisseur Vasily Barkhatov hat,  um diesen Klischees zu entkommen, eine Figur dazuerfunden, aus deren Sicht er das Ganze erzählen lässt: eine ältere Italienerin mit russischen Wurzeln, die sich Anfang der 1990er Jahre mit der transsibirischen Eisenbahn auf die Spuren ihrer Familie begibt, sich erinnert, dabei einiges verklärt.

Im Schwarz-Weiß-Stil der Nouvelle Vague sind jedem Akt Videos vorangestellt, die dann in die Bühnenhandlung übergehen. Es gibt dabei ein paar sehr berührende Bilder, die großartige Bühne von Christian Schmidt vollzieht diese Brüche mit. Aus dem Moskauer Salon öffnet sich plötzlich der Blick auf eine graue sibirische Wasserlandschaft, Wände werden mit Videoeffekten umtapeziert, dann fährt wieder bühnenbreit eine Archivschrankwand rein, vor der die ältere Frau sitzt und Akten recherchiert.

Szenenbild der Oper „Sibirien“ von Umberto Giordano bei den Bregenzer Festspielen 2022 (Foto: Pressestelle, Karl Forster)
Szenenbild der Oper „Sibirien“ von Umberto Giordano bei den Bregenzer Festspielen 2022 Pressestelle Karl Forster Bild in Detailansicht öffnen
Szenenbild der Oper „Sibirien“ von Umberto Giordano bei den Bregenzer Festspielen 2022 Pressestelle Karl Forster Bild in Detailansicht öffnen
Szenenbild der Oper „Sibirien“ von Umberto Giordano bei den Bregenzer Festspielen 2022 Pressestelle Karl Forster Bild in Detailansicht öffnen
Szenenbild der Oper „Sibirien“ von Umberto Giordano bei den Bregenzer Festspielen 2022 Pressestelle Karl Forster Bild in Detailansicht öffnen
Szenenbild der Oper „Sibirien“ von Umberto Giordano bei den Bregenzer Festspielen 2022 Pressestelle Karl Forster Bild in Detailansicht öffnen

Vergangenheitsbewältigung statt Phantasmagorien wären nötig

Diese Zusatzfigur ist als Grundidee nachvollziehbar, nutzt sich auf der Bühne aber dann irgendwann ab und wirkt einfach nicht mehr zwingend genug. Zumal der halbe Schluss dieser Idee zum Opfer gefallen und hopplahopp zusammengestrichen scheint. Schade. Immerhin erinnert die Oper an das, was in Russland so bitter nötig scheint: der unverstellte Blick in die eigene Vergangenheit, um die Gegenwart zu verstehen. Anstatt sich an Phantasmagorien von Zaren und Kosaken festzuklammern.

Rezension Abgebrochene Premiere Madame Butterfly bei den Bregenzer Festspielen - ein Versprechen auf Poesie und Konzentration

Giacomo Puccinis Oper „Madame Butterfly“ gilt als intimste seiner großen Opern. Das Kammerspiel um eine 15-jährige Geisha aus Nagasaki, die einen US-Soldaten heiratet, hatte gestern Premiere auf der Seebühne in Bregenz. Allerdings nur bis ein Gewitter für den Abbruch sorgte. Der Rest wurde danach halbszenisch im Festspielhaus gezeigt.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

Bühne Bregenzer Festspiele starten mit Puccinis „Madame Butterfly“

Mit der Oper „Madame Butterfly“ von Giacomo Puccini beginnen am Mittwochabend, 20.7., die 76. Bregenzer Festspiele. Das Werk, das 1904 in der Mailänder Scala uraufgeführt wurde, ist erstmals bei den Bregenzer Festspielen zu sehen. Regie führt Andreas Homoki, das Bühnenbild stammt von Michael Levine. 26 Aufführungen soll es geben, fünf Wochen dauerten die Proben auf der Seebühne im Bodensee.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

STAND
AUTOR/IN
Karsten Umlauf