Oper

„Blühen“ inszeniert von Fassbaender: Ein Riesenerfolg in Frankfurt

STAND
AUTOR/IN
Bernd Künzig

„Die Betrogene“ heißt die letzte Erzählung Thomas Manns. Der Librettist Händl Klaus hat sie sich als Grundlage eines neuen Librettos für den slowenischen Komponisten Vito Zuraj ausgesucht. Ihr neues gemeinsames Musiktheaterstück „Blühen“ ist als Auftragswerk der Oper Frankfurt in der Nebenspielstätte des Bockenheimer Depots mit dem Ensemble Modern aus der Taufe gehoben worden.

Audio herunterladen (3,7 MB | MP3)

In der Natur getäuscht

Aurelia, eine Frau in ihren reifen Jahren, Mutter der erwachsenen Tochter Anna und des pubertierenden Sohnes Edgar, erlebt ihren zweiten Frühling. Sie verliebt sich in einen wesentlich jüngeren englischen Sprachlehrer ihres Sohnes, den höchst attraktiven Amerikaner Ken.

In der frühlingshaften Natur glaubt sie selbst noch einmal zu erblühen und wieder zu einer menstruierenden Frau zu werden, liefert sich einen Verbalkampf mit ihrer die Natur als Malerin abstrahierenden Tochter und gibt sich der erwachten und erwiderten Leidenschaft hin.

Doch Doktor Muthesius diagnostiziert tödlichen Gebärmutterkrebs. In den Armen ihres jungen Liebhabers und im Beisein der Kinder stirbt sie, von der Natur getäuscht und betrogen.  

Oper als Dialog der Körper im Raum

In seinem Libretto für Vito Zurajs im Bockenheimer Depot uraufgeführtes Auftragswerk der Oper Frankfurt hat der Autor Händl Klaus auf das schwadronierende Zuckerwerk von Thomas Manns zugrundeliegender Erzählung „Die Betrogene“ verzichtet und schafft stattdessen mit den für ihn charakteristisch knappen Dialogszenen ein Kondensat dieser so schlichten, wie empfindsam existenziellen Alltagstragödie.

Oper ist für diesen Librettisten auch heute noch ein Dialog der Körper im Raum. Ein sprachlich fein austariertes Pingpongspiel geschliffener Sätze. Und ein tönendes Übergangsritual, um für Tod und Sterben nicht nur Worte, sondern auch Töne und Klänge zu finden.  

Passgenauer Kontrapunkt

Der Komponist Vito Zuraj liefert dafür den passgenauen musikalischen Nervenkontrapunkt. Er ist dem im Graben unter der souveränen Leitung von Michael Wendeberg spielenden Ensemble Modern auf den Leib geschrieben.

Da wuchert es, dräut mit dunkler Tiefe, pflanzt dem klanglich Erblühenden schon den Hauch des Todes ein und wandelt sich am Ende in ein sich in ätherische Höhen zerfließendes, gläsern zerbrechendes Requiem.

Wir hören die letzten Schläge des versagenden Herzens, mit der Totenglocke erlöscht sein Puls, bevor es mit den letzten hochsirrenden Flageolettönen entschwebt.

Präzise Textverständlichkeit

Wie sein vielleicht großes Vorbild Richard Strauss vermag es Vito Zuraj die Sprachbilder des Librettos in tönende zu übersetzen, zu vertonen. Ein klar kalkulierter dynamischer Bogen, der vom nervös Vegetativen zum entschleunigten Verlöschen führt.

Dazu eine so eminent wohltuend präzise Textverständlichkeit, wie man ihr leider zu selten im neuen Musiktheater begegnet. Mit fünf Hauptpersonen und einem zumeist vokalisierenden, chorischen Ensemble, das für die Stimme der unerbittlichen Natur steht, ist „Blühen“ in der Tradition einer Ensembleoper komponiert.

Ein Ensemblewunder

Darauf ist auch die schnörkellose Inszenierung der Gesangslegende Brigitte Fassbaender ausgerichtet. Die Sängerin inszeniert ganz aus dem Geist der Gesangskunst.

Martina Segna formt dazu eine Bühne aus einem Wald, an dessen Stämme Knospen kleben, die schon jenes monströse, die Hinterwand aufsprengende Krebsgeschwür erahnen lassen, vor dem der Arzt Muthesius wie ein antiker Todesbote in Erscheinung tritt.  

Die Solisten bilden ein Ensemblewunder. Bianca Andrew als Aurelia ist so glaubwürdig wie berührend. Die Anna von Nika Goric als Tochter mit Klumpfußhandicap wandelt sich zu einer den mütterlichen Verlust Betrauerenden.

Riesenerfolg für die zeitgenössische Oper

Jarret Porter ist ein einfühlsamer Sohn, der machtvolle Bass von Alfred Reiter verkörpert den Arzt als archaischen Todeskünder. Und der lyrische Tenor von Michael Porters Ken ist ein zutiefst ehrlich Liebender.

Die Uraufführung von Vito Zurajs und Händl Klaus' „Blühen“ an der Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot ist ein Riesenerfolg für die zeitgenössische Oper.

Musikgespräch Diese Frau soll 80 sein? Opernlegende Brigitte Fassbaender im Gespräch

Kaum zu glauben, aber wahr: Die Opernlegende Brigitte Fassbaender wird 80 Jahre alt. Im SWR2 Musikgespräch mit Ulla Zierau berichtet die umtriebige Sängerin, Gesangspädagogin und Regisseurin von den sprudelnden Kraftquellen ihres außergewöhnlichen Arbeitspensums, blickt zurück auf die besonderen Momente ihrer Karriere und ist bereits voller Vorfreude auf die nächsten Herausforderungen auf der Opernbühne.

SWR2 Treffpunkt Klassik SWR2

Schlecht gelaunt am Schreibtisch Twitteraccount „Thomas Mann Daily“ zeigt den ganzen Frust im Homeoffice

Thomas Mann galt als extrem diszipliniert und hat über seinen Schaffensprozess penibel Tagebuch geführt. Der Twitteraccount „Thomas Mann Daily“ postet täglich kurze Zitate aus diesen Tagebüchern und offenbart das alltagsnahe Bild eines Jahrhundertschriftstellers, der die meiste Zeit frustriert und übellaunig am Schreibtisch saß. Die Community feierts.

Buch-Tipp Berührend unmittelbar: Die Memoiren der Sängerin Brigitte Fassbaender

Die Sängerin Brigitte Fassbaender hat während ihrer langen Karriere um die Wahrheit nie einen Bogen geschlagen, sich selbst nie verbogen. Auch das hat es ihr ermöglicht, viele Jahrzehnte auf der Bühne zu stehen. Jetzt schaut sie in Buchform auf ihr Leben zurück, nachdem sie im Juli ihren 80. Geburtstag feierte. Christoph Vratz hat ihre Erinnerungen gelesen.

SWR2 Treffpunkt Klassik SWR2

STAND
AUTOR/IN
Bernd Künzig