STAND

Volker Lösch inszeniert Beethovens Oper „Fidelio” in Bonn radikal als Freiheitsoper der Kurden. Darin treten mehrere Dissidenten und Kurden auf, prangern Menschenrechtsverletzungen an.

Bühne Leonore und die Kurden: Volker Lösch inszeniert Beethovens „Fidelio” in Bonn

„Fidelio“ am Theater Bonn (Foto: Theater Bonn / Thilo Beu)
Die Liveübertragung auf eine Großleinwand zieht die Aufmerksamkeit auf sich, die Musik tritt weit in den Hintergrund. Fünf von Regisseur Volker Lösch ausgewählte Dissidenten und Kurden halten jede Menge Erdogan-Karikaturen in laufende Kameras: Die Karikaturen zeigen den türkischen Staatpräsidenten mal als Sultan, mal als Dönerbudenbetreiber, der mit scharfer Klinge Freiheitsrechte beschneidet. Theater Bonn / Thilo Beu
Neben dem echten Regisseur der Inszenierung gibt es einen zweiten, auf der Bühne: Schauspieler Matthias Kelle (Mitte rechts) spielt die hinzuerfundene Rolle des Regisseurs eines Fidelio-Neudrehs. Er will wissen, was die Machtmenschen Erdogan und Don Pizarro verbindet, den Gouverneur des Staatsgefängnisses aus der Beethoven-Oper. Theater Bonn / Thilo Beu
Don Pizarro (Mark Marouse) weiß, dass Willkür und zu großes Unrecht nicht ans Tageslicht dürfen. Genau solche Willkürtaten aber beklagen die von Regisseur Volker Lösch eingeladenen Dissidenten und Kurden. Beispielsweise Süleyman Demirtas. Dessen Bruder Selahattin Demirtas war Mitgründer der Kurdenpartei HDP und machte Präsident Erdogan Probleme. Er ist schon lange in der Türkei in Haft. Theater Bonn / Thilo Beu
Goethe-Medaillen-Träger Dogan Akhanli berichtet im Rückblick von Gewalt gegen ihn und auch von Tritten gegen den Bauch seiner Frau in einem türkischen Gefängnis und seiner daraus folgenden Radikalisierung. Das ist ein eindringlicher Moment. Theater Bonn / Thilo Beu
Es folgen Schilderungen vieler weiterer Fälle, dazu immer Bilder von Inhaftierten und von türkischen Prozessakten. Als ein verblutendes Opfer eines Granatenangriffs gezeigt wird, verlassen mehrere Besucher unter Protest die Premiere. Theater Bonn / Thilo Beu
Vor der Bonner Oper demonstrieren Vertreter der kurdischen Gemeinde und verlangen ein Ende jeglicher wirtschaftlicher Unterstützung und Kooperation mit der Türkei. Womöglich sind sie es auch, die aus dem Parkett heraus schon in der Schlussszene losklatschen, als via Leinwand zu einem Waffenembargo gegen die Türkei aufgerufen wird. Theater Bonn / Thilo Beu
Von Beethovens Musik wurde keine Note gestrichen. Ihre Wirkung bleibt in Bonn dennoch marginal. Weil Regisseur Volker Lösch lieber übers Auge statt übers Ohr emotionalisiert, durch die Mittel von Dokumentarfilm und Livebroadcasting: Fast immer wird groß gezoomt auf die Berichterstattenden (hier: Kieran Carrel als Jaquino und Marie Heeschen als Marzelline). Theater Bonn / Thilo Beu
Von den ursprünglichen Sprechtexten Sonnleithners und Treitschkes zwischen den Arien und Chören ist dagegen keine Spur mehr in Bonn. Stattdessen wird verwiesen auf Gratis-Postkarten am Ausgang: fertig adressierte Protest- und Unterstützungsschreiben für in der Türkei inhaftierte Kurden teils mit, teils ohne deutsche Staatsangehörigkeit. Theater Bonn / Thilo Beu
Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel wird in der neuen Bonner Fidelio-Produktion aufgefordert, die Bundeswehr von türkischem Staatsgebiet abzuziehen und einen Exportstopp für deutsche Waffen an die Türkei zu verhängen. Theater Bonn / Thilo Beu
Regisseur Volker Lösch bleibt sich seiner Linie treu: Wenn er sich für eine Deutung entschieden hat, dann propagiert er diese unerbittlich - und lässt damit auch dem Publikum kaum mehr Interpretationsspielräume. Theater Bonn / Thilo Beu
Wenn man sich nicht so sehr für die Gattenliebe Leonores interessiert, kann man in Beethovens Oper vor allem einen Aufruf zu Widerstand gegen Folter- und Unterdrückungssysteme sehen. Fraglich ist, was Löschs Lesart vom „Fidelio“ als Freiheitsoper für die Kurden zum friedlichen Miteinander von Kurden und den vielen Erdogan-Wählern in Deutschland beisteuert. Theater Bonn / Thilo Beu
STAND
AUTOR/IN