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„Tambora“ von Giuseppe Spota mit dem Ensemble von „tanzmainz” ist ein fantasievoller, sehenswerter Tanzabend am Mainzer Staatstheater.

Bühne Venus-Fantasien: „Tambora“ von Giuseppe Spota am Staatstheater Mainz

„Tambora“ am Staatstheater Mainz (Foto: Staatstheater Mainz / Andreas Etter)
Schwarze Lavabrocken türmen sich auf der Bühne des Großen Hauses am Staatstheater Mainz. Lichtdesigner Avi Yona Bueno, genannt Bambi, lässt lange Lichtstrahlen von oben in den dunklen Bühnenraum hineinbrechen. Eine gespenstige Szenerie. Tänzer in silbernen Ganzkörperanzügen bewegen sich dazu wellenartig mit dem Rücken zum Publikum. Staatstheater Mainz / Andreas Etter
An ihren Füssen und am Hals leuchtet ein roter Streifen. Die Tänzer wirken, als seien sie Teil der noch flüssigen Lava, die sich über weite Strecken und unaufhaltsam ergießt. Sie bahnen sich den Weg, rollen aus Löchern im Boden und stapeln sich übereinander. So beginnt die Uraufführung „Tambora“, benannt nach dem Ausbruch des gleichnamigen Vulkans auf der indonesischen Halbinsel Sumbawa im Jahr 1815. Tambora überzog damals Europa mit Asche. Missernten und Hungersnöte forderten insgesamt mehr als 80.000 Todesopfer. Staatstheater Mainz / Andreas Etter
Giuseppe Spota bringt die aus den Fugen geratenen Kräfte auf die Bühne. Nicht etwa mit dem erhobenen Zeigefinger. Sondern er kontrastiert feinfühlig faszinierende Traumwelten mit dem Schrecken der Natur. Das Bühnenbild, das er selbst geschaffen hat, ergänzt Zachary Chant. Der dem Mainzer Publikum als Tänzer bekannte Australier hat für „Tambora“ ein ausnehmend beeindruckendes Videodesign geschaffen. Während die einen auf der Bühne noch tanzen, schweben andere Tänzer nackt und kopfüber wie barocke Engel von herab, als würden sie sich gerade aus einem Gemälde lösen, um mit der Lavamasse zu verschmelzen. Staatstheater Mainz / Andreas Etter
Die Gesteinsbrocken sind allerdings aus Schaumstoff, große weiche und flexible Matten, auf denen das Mainzer Ensemble – das mittlerweile in Partystimmung ist und Haute Couture trägt, ausgelassen, revuehaft und akrobatisch herumturnt. Während wir uns also vergnügen, geht eigentlich die Welt unter. Staatstheater Mainz / Andreas Etter
Seine Kritik an unserem Lebensstil verpackt Giuseppe Spota geschickt in schöne und teils skurrile Bilder. Zuweilen wird auch der Bühnenboden hoch und runtergefahren – vielleicht ein wenig zu oft - und man hat den Eindruck, die Kompanie sei eine Gruppe schaulustiger Touristen, die sich wagemutig dem gefährlichen Vulkan nähern wollen. Staatstheater Mainz / Andreas Etter
Die schönste Idee des fantasievollen 36-jährigen Choreografen Giuseppe Spota ist aber, wenn er die Tänzerin Noemi Calzavara – bemerkenswerter Neuzugang im Mainzer Ensemble seit dieser Spielzeit – als Venus inszeniert. Allerdings wird diese nicht, wie bei Sandro Botticelli aus einer Muschel geboren, sondern schlängelt sich splitternackt mit langem rötlich wallendem Haar aus einer riesigen gespaltenen Schaumstoffmatte. Staatstheater Mainz / Andreas Etter
Allerdings wird diese von Noemi Calzavara verkörperte Venus nicht, wie bei Sandro Botticelli, aus einer Muschel geboren, sondern schlängelt sich splitternackt mit langem rötlich wallendem Haar aus einer riesigen gespaltenen Schaumstoffmatte. Staatstheater Mainz/Andreas Etter
Calzavara wird bis zum Schluss dieser vielschichtigen Choreografie, die ohne zusammenhängende Handlung auskommt, im Hintergrund allein bis zum Ende tanzen, sich winden und drehen wie eine auflodernde Flamme. Dazu spielt das Philharmonische Orchester des Staatstheaters die Komposition „Wheater One“ von Michael Gordon, kraftvoll nuanciert zwischen bedrohlich und hoffnungsvoll – und wahnsinnig schön. Staatstheater Mainz / Andreas Etter
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