Dona Nobis Pacem von Neumeier (Foto: Kiran West)

50-jähriges Dienstjubiläum

Uraufführung „Dona Nobis Pacem“: Das sind die berühmtesten Choreografien von John Neumeier

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AUTOR/IN
Franziska Kiedaisch

Seitdem John Neumeier 1973 als Ballettdirektor und Chefchoreograf ans Hamburg Ballett kam, hat sich dort vieles getan. Heute gilt die Compagnie dank Neumeiers Einfluss als eine der besten weltweit. Mit „Dona Nobis Pacem“ findet nun zu seinem 50. Dienstjubiläum eine der letzten Uraufführungen von Neumeier als Compagnie-Chef in Hamburg statt. Das sind seine bekanntesten Choreografien der vergangenen Jahrzehnte.

Berühmte Ballett-Inszenierungen von John Neumeier (Foto: Kiran West)
„Der Nussknacker“ (1971): Ein Klassiker in neuem Gewand: Neumeier verlegt die Handlung des berühmten Märchen-Balletts vom Vorweihnachtsabend auf den 12. Geburtstag von Marie – und erzählt mit seinem „Nussknacker“ eine Geschichte vom Abschied von der Kindheit und dem Moment des Erwachsenwerdens. Kiran West
„Dritte Sinfonie von Gustav Mahler“ (Uraufführung: 1975): John Neumeiers erstes abendfüllendes sinfonisches Ballett. Die Inszenierung wird weltweit gefeiert: So bezeichnete die „New York Times“ das Ballett als eine „der größten klassischen Choreografien unseres Jahrhunderts“. Kiran West
„Illusionen – wie Schwanensee“ (1976): „Ich stehe auf dem Standpunkt, dass etwas nicht modern ist, nur weil es heute und jetzt in diesem Moment entsteht, sondern modern ist auch, wie ich über die Vergangenheit denke, wie ich den Fundus des klassischen Tanzes für ein heutiges Thema benutze“, sagte John Neumeier einmal bei SWR2. Seine „Schwanensee“-Interpretation ist dementsprechend mehr als die bloße Nacherzählung eines Märchens. Kiran West
„Ein Sommernachtstraum“ (1977): Die Tanzfassung des Shakespeare-Stückes von John Neumeier begeistert nach wie vor das Publikum. Zur Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy und György Ligeti interpretiert Neumeier die Geschichte über Irrungen und Wirrungen der Liebe auf eine moderne und bildgewaltige Weise. Kiran West
„Die Kameliendame“ (1978): Eines der bekanntesten Handlungsballette des studierten Literaturwissenschaftlers Neumeier schildert zur Musik von Frédéric Chopin die Geschichte aus der Feder von Alexandre Dumas. Kiran West
„Matthäus-Passion“ (1981): John Neumeier bezeichnete das Ballett im Gespräch mit SWR2 einmal als das „wahrscheinlich wichtigste Werk“. Definitiv ist es eines der Schlüsselwerke im Schaffen von Neumeier. Zur Musik von Johann Sebastian Bach widmet sich das Ballett den Anfängen des sakralen Tanzes und dem christlichen Thema von Schuld und Vergebung. Kiran West
„Bernstein Dances“ (1998): In dieser Ballett-Revue fasst John Neumeier seine 20-jährige Beschäftigung mit dem Werk Leonard Bernsteins zusammen. In den zeitlos schlichten Kostümen von Giorgio Armani und einem Bühnenbild, das von den New-York-Fotos von Reinhart Wolf inspiriert ist, werden populäre und weniger bekannte Bernstein-Werke zitiert. Kiran West
„Nijinsky“ (2000): Schon als Kind ist Neumeier von dem Jahrhunderttänzer Vaslav Nijinsky fasziniert. Er sei begeistert von Nijinskys Ausstrahlung, seiner Präsenz, und auch von seiner Vorbildrolle für den modernen Tanz, sagt Neumeier bei SWR2. In seinem Ballett gehe es ihm nicht nur um die „äußere“ Gestalt Nijinsky, sondern auch um die „innere“. Das Ballett „Nijinsky“ sei damit „eine Landschaft seiner Seele“. Kiran West
„Préludes CV“ (2003): In Zusammenarbeit mit der Komponistin Lera Auerbach ist dieses Neumeier-Ballett über Beziehungen, Liebe, Leidenschaft und Tragik entstanden. „Ich war von Lera Auerbachs Musik bewegt und habe mir, ohne viel nachzudenken, Tänzer ausgesucht, die ich in dieser Musik ,gehört‘ habe“, formulierte Neumeier einmal seinen Zugang zur Choreografie. Kiran West
„Ghost Light“ (2020): Die Neumeier-Choreografie zu Schuberts Musik erzählt von Situationen, Erinnerungen und Emotionen während der Corona-Pandemie und reflektiert die geltenden Einschränkungen, wie das Abstandsgebot, für den Tanz. Die Zeitschrift tanz wählte „Ghost Light“ zur „Produktion des Jahres 2021“ und auch einen Opus Klassik in der Sparte „Innovatives Konzert“ erhielt das Ballett. Kiran West
„Beethoven-Projekt II“ (2021): John Neumeier ehrt Ludwig van Beethoven. Nach dem „Beethoven-Projekt“ aus dem Jahr 2018 entsteht im Beethoven-Jubiläumsjahr eine zweite tänzerische Hommage an den großen Komponisten. Beethovens siebte Sinfonie bildet das Zentrum, neben einer Violinsonate und Ausschnitten aus dem Oratorium „Christus am Ölberge“. Kiran West

John Neumeier – Vom Publikum und der Fachwelt gefeierter Ballett-Star

Erneut übersetzt der 83 Jahre alte Ballett-Meister, der sein Amt 2024 als Hamburger Ballettchef an Demis Volpi abgeben wird, nun die Musik von Johann Sebastian Bach in Tanz. Mit „Dona Nobis Pacem“ widmet er eine Choreografie der h-Moll-Messe.

Ob Neumeier nach dieser Neukreation in seiner letzten Saison als Hamburger Ballettchef noch einmal eine Uraufführung auf die Bühne bringt, lässt er zu diesem Zeitpunkt noch offen. Fest steht jedoch bereits, dass seine Neuinszenierung im Herbst auch im Festspielhaus Baden-Baden im Rahmen des Festivals „The World of John Neumeier“ zu erleben sein wird.

Beteiligt an der neuen Neumeier-Ballett-Kreation ist auch das Vocalensemble Rastatt. Holger Speck, künstlerischer Leiter und Gründer des Vokalensembles übernimmt zudem bei „Dona Nobis Pacem“ die musikalische Leitung.

In der Vergangenheit wurde Neumeier, der 1973 als jüngster Ballettdirektor Deutschlands in Hamburg antrat, immer wieder für seine außergewöhnlichen Choreografien vom Publikum und der Fachwelt gefeiert – etwa für seine Interpretationen der „Dritten Sinfonie von Gustav Mahler“ oder der „Matthäus-Passion“.

Auch seine großen Handlungsballette und die Adaptionen berühmter literarischer Vorlagen sind Markenzeichen für John Neumeier und finden weltweite Beachtung.

Berühmte Ballett-Inszenierungen von John Neumeier (Foto: Kiran West)
Die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach ist die musikalische Grundlage für John Neumeiers neue Choreografie „Dona Nobis Pacem“, die nun Uraufführung feiert. Kiran West

Zeitgenossen John Neumeier: „Ballett, das bin ich.”

Seit fast 50 Jahren schreibt John Neumeier Tanzgeschichte. In den 1960er Jahren kam der gebürtige Amerikaner nach Deutschland und ist seit 1973 Ballettdirektor und Chefchoreograf des Hamburg Balletts und seit 1996 auch Ballettintendant an der Staatsoper in Hamburg.

SWR2 Zeitgenossen SWR2

Zeitwort 16.8.1973: John Neumeier wird Ballettdirektor in Hamburg

Seit fast fünf Jahrzehnten leitet Neumeier mittlerweile die Hamburger Kompagnie. Sein Werk umfasst mehr als 160 Choreographien.

SWR2 Zeitwort SWR2

Ballett „Der große Nijinsky“ – John Neumeiers Choreografie über den Jahrhunderttänzer

Der große Nijinsky

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Gespräch „Die Unsichtbaren“: John Neumeier erinnert an verfolgte Tänzer im Nationalsozialismus

Deutschland war einst Zentrum für modernen Tanz - bis die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen. Von der Pionierarbeit vieler Tänzerinnen und Tänzer blieb danach nicht viel übrig, sagt der Historiker Ralf Stabel. Star-Choreograph John Neumeier erinnert nun mit seinem Tanz-Projekt „Die Unsichtbaren“ an Tanz-Pioniere wie Gret Palucca und Rudolf von Laban.
Ralf Stabel hat für Neumeier die Biografien der verfolgten Tänzerinnen und Tänzer aufgearbeitet und ist dabei bislang auf rund 300 Namen gestoßen. „Das Beschämende ist, dass es erst des Anstoßes von John Neumeier bedurfte, um diese Leben zu erforschen," sagt Stabel.
Von Ausgrenzung über Flucht und Deportation bis hin zur Ermordung reichen die Schicksale der politisch Verfolgten. Ihrer wird nicht nur mit der Inszenierung gedacht, sondern auch mit einer „Memorial Wall“, die im Foyer alle bisher recherchierten Personen zeigt. Und es dürften wohl weit mehr sein, so Stabel.

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Musikgespräch Die Tänzer Ida Stempelmann und Lennard Giesenberg über John Neumeiers „Die Unsichtbaren“

Anfang Oktober ist er in Baden-Baden: John Neumeier mit seiner Kompanie, dem Hamburg Ballett, Tänzern aus der Ukraine und dem Bundesjugendballett. „Die Unsichtbaren“ heißt die Tanzcollage, die dieses Jahr im Festspielhaus zur Aufführung kommt. Ida Stempelmann und Lennard Giesenberg sind ehemalige Bundesjugendballett-Mitglieder und tanzen mittlerweile beim Hamburg Ballett als Gruppentänzer. Sie erzählen in SWR2 von den Voraussetzungen zur Aufnahme in die Kompanie und ihren Rollen in der Tanzcollage.

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Franziska Kiedaisch