Opernkritik "Benjamin" von Peter Ruzicka in Heidelberg

Von Daniel Stender

Im Mittelpunkt von Peter Ruzickas Oper "Benjamin" steht die Lebensgeschichte des Philosophen Walter Benjamin, die geprägt war von Verfolgung, Flucht und Suizid. Nach der Uraufführung im Sommer 2018 in Hamburg, folgte nun in Heidelberg die erste Neuinszenierung von Ingo Kerkhof. Ein gelungener Opernabend, meint Daniel Stender.

Zuspitzung auf den Suizid

Im spanischen Grenzort Portbou erinnert heute ein Denkmal an den Philosophen Walter Benjamin, der sich hier – aus Angst, von der spanischen Polizei an die Deutschen ausgeliefert zu werden – im Herbst 1940 das Leben nahm. Das tragische Ende Benjamins ist der Fluchtpunkt, auf den Peter Ruzickas Oper "Benjamin" zuläuft – eine nachvollziehbare Zuspitzung, denn wie übersetzt man das Leben eines Denkers in Musik, Handlung, Spannung?

Dauer

Verschränkung mit Benjamins Philosophie

Peter Ruzicka entscheidet sich dafür, das Leben des Denkers und sein Denken zu verschränken. Auch die Inszenierung von Ingo Kerkhof an der Oper Heidelberg folgt dieser Entscheidung. Das wird gleich im Prolog deutlich, wenn der Opernchor in Alltagskleidung über die Bühne läuft. Zu sehen ist eine Seminarsituation mit Stühlen, Tischen und großen Papierstapeln.

Immer wieder werden einzelne Blätter aufgehoben, werden Zitate Benjamins gelesen – vor allem geht es um den "Engel der Geschichte", der fortwährend auf die Trümmer der menschlichen Vergangenheit schaut. Dass diese Zitate von Benjamin stammen, wird überdeutlich durch das Schild mit der Aufschrift "Walter", das neben die jeweiligen Leser gehalten wird. Irgendwann sind es eins, zwei, viele Walters, die im Chor gegeneinander lesen. Bis sich aus der Menge Miljenko Turk herausschält, die Walter-Benjamin-Brille, den Bart, den Anzug anzieht und das eigentliche Stück beginnt.

Probenfoto zum Musiktheater "Benjamin" von Peter Ruzicka (Foto: Pressestelle, Theater und Orchester Heidelberg - Foto: Sebastian Bühler)
Im Bild: Denise Seyhan als Dora K. und Ks. Winfrid Mikus als Bertolt B. mit dem Chor Pressestelle Theater und Orchester Heidelberg - Foto: Sebastian Bühler

Betonung des Fragmentarischen

Der Prolog ist gelungen – zeigt er doch, dass der Denker Walter Benjamin, dessen Werk überwiegend Fragment geblieben ist, heute auch fragmentarisch rezipiert wird, als eine Art Philosophie-Joker, den man dann zieht, wenn es passend erscheint und der, weil es kein geschlossenes Werk gibt, selten ganz falsch sein kann.

Der Einstieg in die Oper über die wild durcheinander gelesenen Zitate ist auch eine Art Gebrauchsanweisung für Ruzickas Oper: Hier darf man keine Vollständigkeit erwarten. So wird zum Beispiel Benjamins Kunstwerk-Aufsatz über das Kino nur angedeutet, indem Miljenko Turk einen Film auf die Leinwand wirft, der die Wellen eines Meeres zeigt. Vielleicht ist es das Mittelmeer, über das Benjamin nicht fliehen konnte, über das vielleicht uns heute noch unbekannte afrikanische Denker nicht fliehen können.

Spärliche aktuelle Verweise

Aktuelle Verweise bleiben im Verlauf des Abends ansonsten spärlich, stattdessen wird Benjamin zwischen jüdischer Philosophie und Marxismus stehend gezeigt. Diese Prinzipien werden durch bekannte Vertreter verkörpert. Es treten auf: Gershom Scholem und Bertolt Brecht, Mystik und Materialismus. Eine Synthese dieser Gegensätze, an der sich Benjamin immer wieder abarbeitet, scheint zunächst Asja Lacis zu verkörpern, die auf Benjamins Liebe aber nur als knallharte Dogmatikerin des Bolschewismus antwortet.

Probenfoto zum Musiktheater "Benjamin" von Peter Ruzicka (Foto: Pressestelle, Theater und Orchester Heidelberg - Foto: Sebastian Bühler)
Im Bild: Miljenko Turk als Walter B. und Yasmin Özkan als Asja L. mit dem Chor Pressestelle Theater und Orchester Heidelberg - Foto: Sebastian Bühler

Mitwirkende arbeiten perfekt zusammen

Das hat durchaus komische Momente, wenn Yasmin Özkan in bourgeoiser Koloratur Agit-Prop-Hauptsätze singt. An diesen Stellen gelingt Darstellern und Regie das Kunststück, sowohl die Institution Oper als auch den linken Dogmatismus zu unterlaufen. Das Orchester des Theaters Heidelberg, die Sänger, vor allem der Chor – alle arbeiten hier perfekt zusammen. Es gibt zwar Passagen, die quälend lang werden, etwa wenn Benjamin Kreidelinien über den Boden zieht. Oder auch die Regie-Idee, dass viele Darsteller im Laufe des Stückes mit Benjamin-Bärten und -Brillen auftreten: Sind "wir" etwa alle Benjamin? Oder sind "wir" nicht doch eher die Nachkommen seiner Verfolger?

Dieser Opernabend ist gelungen. Vor allem der Schluss verwandelt die Tragik Benjamins – den Suizid – in einen bewussten Schritt: Besser in Portbou sterben als den Nazis in die Hände fallen.

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