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Geradlinig, tiefsinnig und abgrundtief schwarz: Die Salome als männermordendes Ungeheuer ist in neueren Aufführungen der Oper von Richard Strauss von der Bühne längst verschwunden.

Barrie Kosky setzt an der Oper Frankfurt einen anderen Akzent, er zeigt Salome als Jugendliche in einer perversen Familie. Die Botschaft dahinter: erst durch die Umstände wird aus dem Mädchen das Monstrum.

Eine gelungene Inszenierung, einziger Schwachpunkt: Die Dirigentin Joanna Mallwitz führt das Orchester mit zu wenigen Nuancen durch die Partitur von Richard Strauss.

„Salome“ von Richard Strauss an der Oper Frankfurt (Foto: Oper Frankfurt / Monika Rittershaus)
Eine Hauptrolle spielt der Verfolgerscheinwerfer. Mit raschen Wechseln setzt er die vier zentralen Figuren dieses Kammerspiels in Szene. Es ist der Lichtstrahl des im Stück vielfach beschworenen Mondes, kalt, erbarmungslos beobachtend. Die Stimmen der übrigen Personen kommen zumeist aus dem Off. Oper Frankfurt / Monika Rittershaus Bild in Detailansicht öffnen
Es ist eine perverse Familie, die Kosky hier präsentiert. Der kindergeile Stiefvater Herodes, die frustrierte Mutter Herodias und der bewegungssüchtige Teenager Salome. Der Außenseiter Jochanaan aber ist der perverseste von allen: ein angstgetriebener Heiliger, der den Berührungen durch Salome keineswegs abgeneigt ist. Stimmmächtig spielt ihn Christopher Maltman mit entsprechender Abgründigkeit. Oper Frankfurt / Monika Rittershaus Bild in Detailansicht öffnen
Kein Wunder, dass für die lebenslustige, von Anfang an tanzende Salome — dargestellt von Ambur Braid — unterdrückte Sexualität in perverse Fetischisierung umschlägt. Der berüchtigte „Tanz der sieben Schleier“: auf dem Boden sitzend entwindet Salome mit zunehmenden Qualen einen endlosen Ballen des blonden Jochanaan-Haars aus ihrem Unterleib. Freud lässt grüßen. Oper Frankfurt / Monika Rittershaus Bild in Detailansicht öffnen
Koskys Lösung ist so treffsicher wie genial: bloß nicht der sonst übliche Striptease, sondern die Zurichtung einer Jugendlichen. Nicht die anderen sind die Hölle, sondern die eigene Familie. Mit den raschen Lichtwechseln der brillanten Lichtführung von Joachim Klein gerinnen die Personenkonstellationen zu Snapshots aus dem Album der Familie Herodes. Oper Frankfurt / Monika Rittershaus Bild in Detailansicht öffnen
Am Ende wird’s grässlich. Denn Richard Strauss' Oper nach Oscar Wildes sprachlicher Bilderflut um den geköpften Täufer ist eine veritable Sauerei. Da hängt der überdimensionale blutende und abgeschlagene Kopf am Fleischerhaken und nach dem Kuss auf die toten Lippen, stülpt sich Salome die Hülle über ihren Kopf: „Denn das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes“, singt Salome. Herodes hat das letzte Wort. Irgendwann muss Schluss sein. Oper Frankfurt / Monika Rittershaus Bild in Detailansicht öffnen
So grandios Koskys psychologisch genaue, szenisch wie gestisch ausgefeilte Inszenierung ist, so pauschal dirigiert leider Joanna Mallwitz am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters Strauss' schillernde Partitur. Ein kammermusikalischer Zugriff wie auf der Bühne hätte da gutgetan. Oper Frankfurt / Monika Rittershaus Bild in Detailansicht öffnen
Oft ist es sehr laut. Und das führt bedauerlicherweise auch zu einer gewissen Überanstrengung der ansonsten stimmlich guten, darstellerisch grandiosen Ambur Braid im Schlussmonolog. An manchen Stellen geht sie in den Wogen des Orchesters unter. Da stimmt die Balance von Dirigat und Regie nicht ganz. Oper Frankfurt / Monika Rittershaus Bild in Detailansicht öffnen
Claudia Mahnke als Herodias und AJ Glueckert als Herodes singen souverän und mit enormer Spiellust. Oper Frankfurt / Monika Rittershaus Bild in Detailansicht öffnen
Ein sängerischer Höhepunkt ist der volltönende, klangschöne Tenor von Gerhard Schneider in der kurzen Partie des Salome-Anbeters Narraboth. Alle kleinen Rollen sind gut besetzt. Barrie Kosky ist eine geradlinige, psychologisch tiefschürfende und abgrundtief schwarze „Salome“ gelungen. Musikalisch ist aber noch einiges nach oben offen. Oper Frankfurt / Monika Rittershaus Bild in Detailansicht öffnen

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