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Aus der Not eine Tugend machen - diese Kunst beherrscht der Direktor des Theaterhauses Stuttgart, Eric Gauthier. In der Corona-Pandemie hat er die Produktion „The Dying Swans Project“ aus dem Boden gestampft.

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Ein sechzehnteiliges Videoprojekt namens „Dying Swans“

Der Abend ist kalt auf dem Stuttgarter Schlossplatz, aber Barbara Melo Freire tanzt: Im Durchzug unter den langgestreckten Kolonnaden des Königsbaus bäumt sie sich auf, geht, wie von einem Schlag getroffen in die Knie, erhebt sich wieder, um plötzlich nach vorn zu schnellen, in einem kurzen, atemlosen Sprint.

Ein Mann mit einer Kamera rennt rückwärts vor ihr her - denn hier entsteht eins von sechzehn Videos. „Dying Swans“ heißt das Projekt, und der Mann, der es sich ausgedacht hat, drückt sich in eine Nische des Gebäudes, um nicht ins Bild zu laufen.

Gauthier und seine Inszenierungen sind ein Publikums-Hit

Eric Gauthier ist Chef der Truppe „Gauthier Dance“ am Theaterhaus in Stuttgart. Was er in den letzten Jahren aufgebaut hat, darf man ohne Übertreibung ein „kleines Wunder“ nennen - selbst im ballettverwöhnten Stuttgart.

Eric Gauthier - Tänzer, Choreograf und künstlerischer Leiter von Gauthier Dance (Foto: Pressestelle, DanceWorld_Foto: Maks_Richter)
Eric Gauthier: Tänzer, Choreograf und künstlerischer Leiter von Gauthier Dance Pressestelle DanceWorld_Foto: Maks_Richter

Spitzenproduktionen in dauerausverkauften Sälen, dazu ein Festival, bei dem Gauthier neben den Profis regelmäßig die halbe Stadt zum Tanzen bringt. Aber in Coronazeiten kommt selbst ein „Charismatiker“ wie er an seine Grenzen.

Nach ein paar Tagen hatte Gauthier Choreograph*innen aus der ganzen Welt für sein Projekt gewonnen

Gauthier sagt über die Ideenfindung: „Ich saß im Studio, ich hab‘ meiner Mannschaft, Gauthier Dance, erzählt: Es wird keine Shows geben im Februar und März. Dann habe ich alle Köpfe so hängen sehen. Dann hab' ich gelacht im Kopf und gesagt: Ihr seht alle aus wie dying swans. Dann bin ich in mein Büro gegangen und hab gedacht, ist ein schönes Thema, theoretisch.“

Und praktisch ebenfalls: Ganz „Beziehungskünstler“ hatte Gauthier nach ein paar Tagen schon nicht weniger als 16 Choreograph*innen aus der ganzen Welt dafür gewonnen, sich je ein Solo auszudenken: Eins für jedes Mitglied seiner Kompanie.

„The Dying Swans Project“ von Gauthier Dance (Foto: Pressestelle, Jeanette Bak)
Shawn Wu in Anita Hanke, Taleb’s Theory Pressestelle Jeanette Bak Bild in Detailansicht öffnen
Izabela Szylinska in Itzik Galili, Emovere Pressestelle Jeanette Bak Bild in Detailansicht öffnen
Theophilus Veselý in Smadar Goshen, Kamma Pressestelle Jeanette Bak Bild in Detailansicht öffnen
Andrew Cummings in Eric Gauthier, Covid Cage Pressestelle Jeanette Bak Bild in Detailansicht öffnen
Anneleen Dedroog in Andonis Foniadakis, AELLΩ Pressestelle Jeanette Bak Bild in Detailansicht öffnen
Bruna Andrade in Kinsun Chan, SILENT SWAN Pressestelle Jeanette Bak Bild in Detailansicht öffnen
Garazi Perez Oloriz in Mauro Bigonzetti, la Cigna Pressestelle Jeanette Bak Bild in Detailansicht öffnen

Koproduzenten und Sponsoren ermöglichen die Realisierung des Projekts

Immer ausgerichtet am berühmten Vorbild, am „Sterbenden Schwan“ - jenem Bravourstück, ohne das seit hundert Jahren kaum ein Galaabend mit Balletteinlage auskommt. Jedes der 16 hochmodernen Stücke lässt das Klischee, auf das es anspielt, hinter sich - ohne es dabei zu parodieren.

Aber selbst die besten Absichten genügen nicht. Um ein Projekt wie dieses wahr zu machen, braucht es Geld. Auch dafür konnte Eric Gauthier seine wichtigste Ressource nutzen: seine Beziehungen. Koproduzenten und Sponsoren holte er in Rekordzeit mit ins Boot.

Die meisten Proben fanden online statt

Die Proben konnten starten. Viele von ihnen per Internet. Auf dem großen Bildschirm vor dem Spiegel im Tanzsaal von Gauthier-Dance in Stuttgart erkennt man Virginie Brunel, Choreographin aus Montreal, der Heimatstadt Gauthiers. Per Zoom ist sie von dort dazugeschaltet, um letzte Korrekturen vorzunehmen.

Barbara Melo-Freire setzt zu einer wilden Drehung an. Die Ärmel ihrer schlichten weißen Jacke verwickeln sich, die krampfhaft weitgespreizten Finger erzeugen augenblicklich ein Bild gebrochener Flügel.

In ein paar Tagen schon wird das „Dying Swans Project“ online gehen. Ein großes, wenn auch virtuelles Publikum wird es ganz sicher haben - und das kann schließlich auch ein Quäntchen Trost gebrauchen. Da tut es gut, zu sehen, dass die „sterbenden Schwäne“ bei Gauthier Dance in Stuttgart genau das tun, was sie am besten können: Sie tanzen!

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