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Die neue Ballettdirektorin am Badischen Staatstheater in Karlsruhe, Bridget Breiner, zeigt in Karlsruhe die Wiederaufnahme ihres ersten Handlungsballetts: „Ruß – eine Geschichte von Aschenputtel“ von 2013.

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Breiner hatte damals gerade die Leitung des „Ballett im Revier“ in Gelsenkirchen übernommen und die Geschichte von Aschenputtel ins Bergarbeitermilieu der 40er Jahre verlegt. Nun hat sie für ihre neue Wirkungsstätte in Karlsruhe eine Neufassung erarbeitet. Bridget Breiner ist eine interessante Neuinterpretation des sattsam bekannten Märchenstoffs gelungen. Sie schafft es eindrucksvoll, klassisches Ballett mit modernen Elementen zu verbinden.

Bühne Ballett „Ruß – Eine Geschichte von Aschenputtel“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe

Ballett „Ruß – Eine Geschichte von Aschenputtel“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe (Foto: Badisches Staatstheater/ Costin Radu )
Kurz steht sie allein im Scheinwerferlicht: Livia (Francesca Berruto), ein junges schüchternes Mädchen, eine der beiden späteren Stiefschwestern von Aschenputtel. An diesem Abend soll ihre Version der berühmten Märchenhandlung erzählt werden, sollen ihre Gefühle im Mittelpunkt stehen. Dazu gehört natürlich auch ihre Vorgeschichte, ihr Leben, bevor ihre Mutter den Vater von Aschenputtel heiratete. Badisches Staatstheater/ Costin Radu Bild in Detailansicht öffnen
Man sieht Livia im Kreis ihrer ersten Familie, alle in strahlend weißem Sonntagsstaat. Einen kurzen Wimpernschlag später fehlt plötzlich der Vater in diesem Gruppenbild. Mutter und Töchtern werden die vornehmen Kleider vom Leib gerissen. Die Mutter nimmt daraufhin das Schicksal in die Hand, zerrt und schiebt ihre Töchter über die Bühne, vorbei an schwer arbeitenden Bergarbeitern. - Auf dem Bild: Francesca Berruto als Livia, Sara Zinna als Sophia, José Urrutia als Vater, Alba Nadal als Mutter und Rita Duclos als Clara. Badisches Staatstheater/ Costin Radu Bild in Detailansicht öffnen
Bridget Breiner hat die Männer in rußverdreckte Kleider gesteckt, sie tragen Schiebermützen und schwere schwarze Stiefel, in denen sie mal kräftig Rhythmen stampfen, mal leichtfüßig Pirouetten drehen. Mal zu Musik aus dem Aschenbrödel-Fragment von Johann Strauss, mal zu alten Arbeiterliedern aus den USA von Woody Guthrie oder Sarah Ogan Gunning. Badisches Staatstheater/ Costin Radu Bild in Detailansicht öffnen
Die Tänzerin Alba Nadal (links) verkörpert die „böse Stiefmutter“ mit großer Ausdruckskraft, ohne dabei je pathetisch zu werden: Ihre ruppigen Bewegungen und ihr stets unter Hochspannung stehender Körper drücken Verzweiflung aus, aber vor allem Durchhaltewillen und Strenge gegenüber ihren Töchtern. Ein krasser Gegensatz zu der liebevollen Beziehung des Vaters zu Aschenputtel, die hier Clara heißt. Badisches Staatstheater/ Costin Radu Bild in Detailansicht öffnen
Als die beiden das erste Mal auf die Bühne kommen, spielen sie mit einem imaginären Ball. Er, ein besser gestellter Vorabreiter im weißen Hemd, sie in kurzen Hosen mit rußverdrecktem Gesicht und bloßen Füßen – herrlich leichtfüßig und burschikos zugleich in dieser Rolle Rita Duclos. Livia sieht beiden voller Neid zu. Nachdem ihre Mutter Aschenputtels Vater als neuen Versorger geheiratet hat, wird Livia versuchen, Claras (also Aschenputtels) Freundin zu werden – doch die beiden sind zu verschieden. - Auf dem Bild: Francesca Berruto und Ledian Soto als Mitch. Badisches Staatstheater/ Costin Radu Bild in Detailansicht öffnen
Bridget Breiner verleiht beiden jungen Frauen zwei völlig unterschiedliche Körpersprachen und Tanzstile. Clara ist ungekünstelt und lebensfroh, Livia unsicher und steif. Zum bohrenden Neid kommt quälende Eifersucht hinzu. Der Prinz (Ledian Soto), der in Bridget Breiners Version der Sohn eines Kohlebarons ist, scheint Gefallen an Livia zu finden. Als er sie beim ersten Treffen herumwirbelt, ist die junge Frau verängstigt, wird dann aber wie Wachs in seinen Händen – und wir erleben Livia zum ersten Mal strahlend. Wie Francesca Berruto diese Verwandlung verkörpert, ist faszinierend schön und zum ersten Mal an diesem Abend wird ihr großes Können deutlich. Badisches Staatstheater/ Costin Radu Bild in Detailansicht öffnen
Am Schluss kann sich Livia von Neid und Eifersucht befreien und geht ihren eigenen, selbstbestimmten Weg. Bridget Breiner ist eine interessante Neuinterpretation der sattsam bekannten Märchenstoffs gelungen. Und sie schafft es eindrucksvoll, klassisches Ballett mit modernen Elementen fließend - und inhaltlich sinnvoll - zu verbinden. Langer, begeisterter Applaus für die Karlsruher Neufassung. - Auf dem Bild: Clara Carolin Steitz und J. R. Prince Maxime Quiroga Badisches Staatstheater/ Costin Radu Bild in Detailansicht öffnen

„Ruß – eine Geschichte von Aschenputtel“. Ballett von Bridget Breiner am Badischen Staatstheater Karlsruhe. Musik von Johann Strauss (Sohn), Woody Guthrie, Nina Simone u.a. Ab 8 Jahren. Die nächsten Aufführungen am 19. Januar, 9. und 23. Februar 2020.

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