Nibelungenlied in Neufassung

Aus Rivalinnen werden Verbündete – die „Hildensaga“ von Ferdinand Schmalz am Theater Baden-Baden

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AUTOR/IN
Marie-Dominique Wetzel

In der Überschreibung des Nibelungenlieds von Ferdinand Schmalz stehen die beiden Königinnen Brünhild und Kriemhild im Mittelpunkt. Regisseurin Isabel Osthues gelingt am Theater Baden-Baden eine sehr konzentrierte, energiegeladene Inszenierung, die den starken Text des Bachmann-Preisträgers Ferdinand Schmalz bestens zur Wirkung bringt.

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Ein anderer Lauf des Schicksals

Brünhild und Kriemhild streiten sich, wer zuerst den Dom zu Worms betreten darf. Soweit so bekannt. Doch Halt. Was, wenn das Schicksal einen anderen Lauf genommen hätte? Hier an diesem Wendepunkt?

Anstatt sich vor dem Dom zu Worms gegenseitig zu demütigen, verbünden sich also die beiden Königinnen. Doch die Geschichte endet trotzdem im Blutbad.

In Ferdinand Schmalz’s Fassung verrät Kriemhild, die von Siegfrieds Betrug weiß, ganz bewusst Brünhild die Schwachstelle ihres Mannes. Damit ist das Schicksal von Siegfried besiegelt.

Konzentrierte Inszenierung

Auf geht’s zur Jagd – von der kaum einer lebend zurückkommt. Brünhild weiß genau, dass sie zwar für den Augenblick gewonnen hat, aber dass der Kampf ewig weitergeht, weil der Mensch dem Menschen ein Wolf ist:

Schauspielerin Sophia Platz hat als Brünhild eine starke Bühnenpräsenz und man nimmt ihr beides ab: die ungestüme junge Frau voller Leidenschaft und Wut, aber auch die gebrochene, desillusionierte Königin.

Die Inszenierung von Isabel Osthues versucht erst gar nicht, an die opulente Freiluft-Uraufführung der „Hildensaga“ in Worms anzuknüpfen, sondern setzt in ihrer sehr konzentrierten Inszenierung in Baden-Baden mit Erfolg auf die Wirkmacht des starken Texts des Bachmann-Preisträgers Ferdinand Schmalz.

Das sehr reduzierte Bühnenbild von Jeremias Böttcher verstärkt noch diese schlichte Wucht. Und auf dem Bühnenhintergrund malt die Schicksalsgöttin unablässig mit Kreide den Schicksalsfaden an die Wand bis er alles bedeckt und heillos verknotet ist.

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Höher, schneller, nasser – unter diesem Motto könnte das Bühnenbild für das Stück „hildensaga. ein königinnendrama“ bei den Nibelungenfestspielen 2022 zusammengefasst werden. Der Däne Palle Steen Christensen hat diese Kulisse entworfen – eine gigantische Wasserlandschaft, für die die Schauspieler teilweise sogar Tauchunterricht nehmen mussten. Das ist beeindruckend, aber in Zeiten knapper Ressourcen auch bedenklich. Den Veranstaltern ist das Problem bewusst. Sie versuchen, den Energiebedarf so gering wie möglich zu halten.

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Das gab es in 800 Jahren Nibelungen-Epos nicht: Autor Ferdinand Schmalz lässt Kriemhild und Brünhild in seinem Stück „hildensaga. ein königinnendrama“ aus ihrer Opferrrolle emanzipieren und zeigt die Königinnen als machtvolles Frauenduo. Unter der Regie von Roger Vontobel stimmt jeder Blick, jede Geste, jedes Wort des beeindruckenden und hochkarätigen Ensembles – ein nahezu perfekter Theaterabend.

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Marie-Dominique Wetzel