Bühne

Auf der Suche nach schwarzer Identität: „1000 Serpentinen Angst“ am Gorki Theater Berlin

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AUTOR/IN
Ina Beyer

Die 1985 geborene Autorin Olivia Wenzel erzählt in ihrem Roman „1000 Serpentinen Angst“ von ihrem Leben als junge, in der DDR geborene Schwarze Frau. Das Buch spielt in Sprüngen zwischen Zeiten, Orten und Generationen in Weimar und Berlin, nimmt die Leser*innen mit auf Reisen nach Polen, Vietnam oder die USA.

Erzählt wird die Familiengeschichte mit linientreuer Großmutter und einer rebellischen Punkerin als Mutter, aber auch vom Versuch, seinen eigenen Platz zu finden in der Gesellschaft, dem eigenen Leben, zwischen den Kulturen. Regisseurin Anta Helena Recke hat zum ersten Mal am Berliner Gorki Theater inszeniert.

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Wenig Kulisse und eine abstrakte Lichterwelt

Weiß gerahmt die leere Bühne, nur eine Leinwand hängt schräg gekippt in der Mitte. Sie wird im Laufe des Abends immer wieder mit schwarz-weißen Mustern bespielt werden, während über das Portal wechselnde Farben laufen. Blau, gelb rot oder grün. Viel mehr Kulisse gibt es an diesem Abend nicht zu sehen.

In diese abstrakte Bilder- , besser Lichterwelt, treten alsbald sieben Darsteller*innen. Sie geben der Ich-Erzählerin aus Olivia Wenzels hier aufgeführtem autofiktionalem Roman „1000 Serpentinen Angst“ vielfache Stimme und Gestalt. Wie im Buch werden zunächst vor allem Fragen gestellt.

Man erfährt nicht viel über die Lebensumstände der Protagonistin

Fragen an sich selbst. Es sind Fragen, die bohren, beuteln, belasten. Weil sie Angst machen. Die sie stellt ist eine schwarze junge Frau, Mitte der achtziger Jahre in der DDR geboren. Viel erfährt man über die Lebensumstände nicht - weder vor, noch nach der Wende.

Im zähen Zwiegespräch geht es, latent aggressiv, eher um eine generelle Suche. Wo bist du jetzt? heißt es immer wieder. Wo ist dein Platz? Wo kommst du her? Wer bist du? Die enge Beziehung zum Zwillingsbruder bricht jäh ab – er nimmt sich mit 19 das Leben.

Das Verhältnis zur linientreuen Oma und der rebellischen Mutter, einer Punkerin, ist gestört. Die Mutter musste bleiben, während der Vater kurz nach der Geburt der Kinder nach Angola zurückgegangen ist. Mit ihm tauscht die Erzählerin nur sporadisch E-mails. Mehr nicht.

Sterile Installationen, steife Choreographien und wenig Inhalt

Alles wird mehr oder weniger angedeutet, kurz und grell ins Licht gesetzt, bevor es hinter einer nächsten Anekdote wieder verblasst. Schnell sind die Sprünge von der Gegenwart in die Vergangenheit, zwischen Ländern, Beziehungen und Befindlichkeiten.

Immer wieder aber beugt sich die Angst über den Zeilenrand. Angst vor Rassismus. Angst, nirgends dazuzugehören. Während im Buch aber immer auch Raum für Humor, Emotion und Intuition bleibt, regiert auf der Bühne Pathos, Logos und Abstraktion.

Figuren im engeren Sinne gibt es nicht, Jeder spricht mal alle, ab und zu nur schälen sich Freundin, Bruder oder Mutter aus der Sprecher*innengruppe. Einzig die Ich-Erzählerin ist deutlicher erkennbar. Die Suche nach schwarzer Identität aber bleibt allzu sehr im Ungefähren, Angedeuteten.

Regisseurin Anta Helena Recke flieht in sterile Installationen, steife Choreografien, lässt vortragen statt hinterfragen. Mehr Inhalt weniger Künstlichkeit - Buch, Thematik und Theater hätten es verdient.

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Ina Beyer