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Kulturthema am 24.2.2018 von Christian Gampert

Mit einem Triumph kehrt Claus Peymann nach Stuttgart zurück. Auf Druck von Hans Filbinger musste er das Staatstheater 1979 als Intendant verlassen. Seine berühmte Spende an die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin für eine Zahnbehandlung hatte die Gemüter erhitzt. In Shakespeares „König Lear“ zeigt er jetzt großes Schauspielertheater mit berührenden Szenen. Und erzählt mit der Geschichte des starrköpfigen alten Königs, der von seinen Töchtern geliebt werden will, wohl auch von sich selbst.

Großartige, entscheidende Szenen

Im Grunde besteht der ganze „Lear“ nur aus zwei, drei entscheidenden Szenen – dem Werben der Töchter um die Gunst des Vaters, dem Umherirren des verrückt gewordenen alten Lear in der Heide, Glosters Blendung – und die sind in Stuttgart großartig.

Der ganze große Rest, die Intrigen und blutigen Scharmützel, sind schmückendes Beiwerk und auch dramaturgisch, obgleich von Shakespeare, oft sehr langatmig - und hier stößt dann auch der Regisseur Claus Peymann an seine Grenzen.

Wunderbare, klar strukturierte Black Box als Bühnenbild

Karl-Ernst Hermann hat eine wunderbare, klar strukturierte Black Box auf die Bühne gebaut. Aus drei durchsichtigen Türen stürzen die Protagonisten herein, im zweiten Teil dienen sie leider nur noch zu einem dürftigen Auf- und Abtritt-Theater.

In der Mitte hängt fast den ganzen Abend lang die Krone, die ist umkämpft: der altersmüde Lear will sich zurückziehen und bittet seine drei Töchter um Ergebenheits-Adressen. Es geht ums Erbe, da muss man schmeicheln und tricksen.

Lears Töchter: kalte, berechnende Salonschlangen

Das tun jedenfalls die beiden Salonschlangen Regan und Goneril, kalt und berechnend gespielt von Caroline Junghanns und Manja Kuhl. Nur die dritte, Cordelia, die als Papas Liebling und jugendlicher Springinsfeld auf die Bühne gekommen ist, kann die rechten Worte nicht finden.

Ihre Szene ist schon die entscheidende, und sie ist prekär, weil das Umschlagen von Lears Gemütszustand völlig abrupt erfolgt. Vom freigiebigen, gütigen Vater wandelt er sich von einer Sekunde auf die andere zu einem zornigen, verbitterten, beleidigten alten Mann.

Martin Schwab als König Lear (Foto: Schauspiel Stuttgart - Foto: Thomas Aurin)
Martin Schwab als König Lear in der Inszenierung von Claus Peymann am Stuttgarter Schauspiel. Schauspiel Stuttgart - Foto: Thomas Aurin

Martin Schwab als Lear: Abgründe des machtlosen Rentnerdaseins

Doch Martin Schwab, der den Abend mit seiner ungeheuren und doch unaufdringlichen Präsenz trägt, macht das alltagsnah und nachvollziehbar: aus dem Wolkenkuckucksheim des narzisstischen Alleinherrschers stürzt da einer auch in die Abgründe des machtlosen, ressentimentgeladenen Rentnerdaseins.

Er ist enttäuscht, weil gerade seine Lieblingstochter ihm ihre Zuneigung nicht zeigen kann, und die starke Lea Ruckpaul als Cordelia sieht nicht ein, dass sie öffentlich dumme Floskeln hervorstoßen soll.

Lea Ruckpaul als Cordelia: geerdet, ohne philosophisches Gezappel

Dass sie dann auch den Narren spielt, der den verstockten Lear durch seine Leere und Einsamkeit führt, ist ein nicht ganz neuer, aber doch schöner Kunstgriff der Regie – der auch dadurch aufgewertet wird, dass die junge, aber sehr geerdete Schauspielerin Lea Ruckpaul hier nicht den Zappler und Pseudophilosophen gibt.

Generalprobe: Peymann inszeniert "König Lear" am Schauspiel Stuttgart (Foto: Schauspiel Stuttgart - Foto: Thomas Aurin)
Peter René Lüdicke (Kent), Martin Schwab (König Lear) und Lea Ruckpaul (Narr) Schauspiel Stuttgart - Foto: Thomas Aurin

Sie hat als Narrenkappe zwar eine Art Prinzenmütze auf, als sei sie aus dem rheinischen Karneval gefallen, aber sie führt den starrsinnigen Alten mit heiligem Ernst wie eine respektlose Pflegerin, die dem immer seniler werdenden Patienten unangenehme Wahrheiten zu sagen hat.

Lear in hellsichtiger Demenz

Martin Schwab ist ein wunderbarer Lear. An seiner Figur wird auch Peymanns Fähigkeit sichtbar, die Verworrenheit der Shakespeare-Welt auf einen heutigen Empfindungs-Kosmos herunterzubrechen.

Schwab tänzelt und schwankt. Bisweilen gibt er auch den fidelen Greis (oder deutet das an). Aber insgesamt spielt er eine Art hellsichtige Demenz: einen, der unnütz und verbittert ist, sich in den Wahn flüchtet und erst dadurch zu sich selbst kommt.

Generalprobe: Peymann inszeniert "König Lear" am Schauspiel Stuttgart (Foto: Schauspiel Stuttgart - Foto: Thomas Aurin)
Lea Ruckpaul (Cordelia, Lears Tochter) und Martin Schwab (König Lear) Schauspiel Stuttgart - Foto: Thomas Aurin

Von der bösen Welt endlich etwas begriffen

Als er am Ende die tote Cordelia in den Armen hält wie Maria den toten Jesus, hat er endlich etwas von der bösen Welt begriffen. "Ihr seid alle aus Stein! Hätt ich eure Augen, eure Zunge, mein Jammern würde den Himmel sprengen! Dahin ist sie, für immer!"

Stark ist auch die Parallelhandlung, die Konkurrenz der Söhne Edgar und Edmund um die Gunst des von der Macht brutal misshandelten Gloster, den Elmar Roloff als todessüchtigen Blinden spielt.

Gutes - und sehr altes - Schauspielertheater

Eine Spiegelung der Lear-Figur. Das alles ist sehr gutes und sehr altes Schauspielertheater der achtziger Jahre, mit viel Ruhe und Konzentration und gelegentlichen Eruptionen.

Je länger die Aufführung dauert, desto mehr werden auch die Schwächen dieser Peymannschen Methode sichtbar: die Aufführung verliert sich in den Windungen des Stücks.

Triumphale Rückkehr von Peymann nach Stuttgart

Am Ende aber ist das doch eine triumphale Rückkehr des von Hans Filbinger vertriebenen Claus Peymann an seine Wirkungsstätte. Großer Jubel - und ein paar kleine Buhs.

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