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Von Martina Klein

Als erstes Auftragswerk unter Intendant Tamasz Detrich hat das Stuttgarter Ballett „Aufbruch“ auf die Bühne gebracht, einen Ballettabend über hundert Jahre Bauhaus und Weimarer Verfassung in Koproduktion mit dem Nationaltheater Weimar. Dafür haben Edward Clug, Katarzyna Kozielska und die erstmals in Stuttgart vertretene Niederländerin Nanine Linning drei Stücke choreografiert. Eine gelungene Stuttgarter Uraufführung für den neuen Ballett-Chef.

Aufbruch! Ballettabend (Foto: Pressestelle, Stuttgarter Ballett - Foto: Stuttgarter Ballett)
Bauhaus oder Verfassung – für eines mussten sie sich entscheiden. Bei Katarzyna Kozielska ist sofort klar, worum es geht. Denn da steht sie, Wilhelm Wagenfelds Leuchte WA 24. Die Halbkugel aus Milchglas trägt in XXL-Format eine Tänzerin auf dem Kopf. Der übrige Körper steckt in schwarzem Latex.Auf dem Bild: Mizuki Amemiya und Diana Ionexcu in der Choreografie von Katarzyna Kozielska. Pressestelle Stuttgarter Ballett - Foto: Stuttgarter Ballett Bild in Detailansicht öffnen
Wir sind in der Bauhaus-Werkstatt, mittendrin im Thinktank. Geschäftig bewegen sich hier Männer, aber auch Frauen. Sie tragen alle denselben Jumpsuit mit kurzen Beinen und hoher Taille, die Frauen mit androgynem Bubikopf – gleichberechtigt.Auf dem Bild: Diana Ionescu und Ciro Ernesto Mansilla in der Choreografie von Katarzyna Kozielska. Pressestelle Stuttgarter Ballett - Foto: Stuttgarter Ballett Bild in Detailansicht öffnen
Wir gehen durch die Werkstätten, wo Stoffe mit Rautenmuster gewebt werden, aus denen sich Tänzer und Tänzerinnen ein- und auswickeln und in denen Entwürfe entstehen, wie das des Triadischen Balletts, das eine Geisterhand auf der Bühne skizziert.Auf dem Bild: Alicia Garcia Torronteras und Matteo Crockhard-Villa in der Choreografie von Katarzyna Kozielska. Pressestelle Stuttgarter Ballett - Foto: Stuttgarter Ballett Bild in Detailansicht öffnen
An mechanische Puppen erinnern zu Teilen auch die Bewegungen. Nur die Oberkörper scheinen eine andere Sprache zu sprechen. Wie im Charleston-Rhythmus schlenkern die Arme um den Körper, und die Hände scheinen ständig etwa zu greifen und zu deuten mit ausgestrecktem Zeigefinger, schau dahin oder daher.Auf dem Bild: Diana Ionexcu, Ciro Emesto Mansila und Daniele Silingardi in der Choreografie von Katarzyna Kozielska. Pressestelle Stuttgarter Ballett - Foto: Stuttgarter Ballett Bild in Detailansicht öffnen
Die Konzentration auf das Wesentliche, auch ein Bauhausprinzip, macht sich der rumänische Choreograph Edward Clug zu eigen. Der Titel „Patterns 3 against 4“ meint den Poly-Rhythmus in den Werken von Steve Reich. Die Patterns, Muster, greift Clug aber auch auf der Bühne auf, mit drei Tänzerinnen und vier Tänzern, alle von Kostümbildner Leo Kulaß in schwarzen langen Hosen und weißen Oberteilen gekleidet.Auf dem Bild: Ami Morita, Fabio Adoriso, Hyo-Jung Kang und Roman Novitzky in der Choreografie von Edward Clug. Pressestelle Stuttgarter Ballett - Foto: Stuttgarter Ballett Bild in Detailansicht öffnen
Mit einfachen Grundschritten aus dem Ballettsaal finden die sieben immer wieder zu anderen Formationen im leeren Raum. Zur Spielwiese wird die Bühne mit überdimensionalen Winkelkonstruktionen von Bühnenbildner Marko Japelij. Sie bilden Balkone, hinter denen die Tänzer verschwinden, wieder auftauchen, oder sie sitzen mit hängenden Beinen über der Brüstung. Ganz leicht kommt das alles daher, mit hoher Präzision und großer Dynamik getanzt.Auf dem Bild: Marti Fernández Paica, Roman Novitzky, Fabio Adorisio und Adhonay Scares da Silva in der Choreografie von Edward Clug. Pressestelle Stuttgarter Ballett - Foto: Stuttgarter Ballett Bild in Detailansicht öffnen
Den Schlusspunkt setzt Nanine Linning mit ihrem Debut in Stuttgart. Die Farbe blau ist ihre Hommage an das Bauhaus. Ihr Thema aber ist „Revolte“.Auf dem Bild: Aurora De Mori, Jessica Fyfe, Fraser Roach, Adrian Oldenburger und Noan Alves in der Choreografie von Nanine Linning. Pressestelle Stuttgarter Ballett - Foto: Stuttgarter Ballett Bild in Detailansicht öffnen
Haben wir nach 100 Jahren schon alles erreicht, fragt die niederländische Choreographin rhetorisch. Nein. Da steht das Individuum im lila Licht eines nahenden Unwetters, allein mit seiner Unzufriedenheit, mit seiner Wut.Auf dem Bild: Alessandro Ciaquinto und Ensemble in der Choreografie von Nanine Linning. Pressestelle Stuttgarter Ballett - Foto: Stuttgarter Ballett Bild in Detailansicht öffnen
Aber dann werden es immer mehr, weitere Individuen schließen sich an. Die Bewegungen werden drängender, dynamischer. Sprünge, Stöße mit angespannten Armen und Händen.Auf dem Bild: Angelina Zuccarini und Ensemble in der Choreografie von Nanine Linning. Pressestelle Stuttgarter Ballett - Foto: Stuttgarter Ballett Bild in Detailansicht öffnen
Am eindrucksvollsten gelingen Linning dabei die Bilder, in denen 16 Tänzer eins werden, breitbeinig zum Angriff bereit stehen, während sich ihre Köpfe und Rümpfe wie ein Körper bewegen. Das sind starke Momente, unterstützt durch die Kostüme von Irina Shaposhnikova. Von ihr stammen auch die Masken, mit denen die Tänzer in langen  Röcken wie Samurais zum Schluss auf die Bühne stürmen, natürlich in blau – die Revolte, der Kampf, ist auf den Barrikaden angekommen.Auf dem Bild: Angelina Zuccarini und Ensemble in der Choreografie von Nanine Linning. Pressestelle Stuttgarter Ballett - Foto: Stuttgarter Ballett Bild in Detailansicht öffnen
Viel Stoff, viel Botschaft und ein aufwühlender Abschluss dieses Abends. „Aufbruch“ - drei Choreografien, die alle auch für sich stehen könnten, im Jahr der Jubiläen aber eine gelungene Anknüpfung an ein aktuelles Thema sind.Auf dem Bild: Mizuki Amemiya und Moacir de Oliveira in der Choreografie von Katarzyna Kozielska Pressestelle Stuttgarter Ballett - Foto: Stuttgarter Ballett Bild in Detailansicht öffnen
Auch für Ballettintendant Tamasz Detrich ist es ein Aufbruch, denn die Absage an das Modell eines Hauschoreographen zwingt ihn, stets neue Choreographen an das Haus zu holen. Ein gelungener Auftakt - jetzt darf es mit einem großen Handlungsballett weitergehen.Auf dem Bild: Das triadische Ballett aus der Choreografie von Katarzyna Kozielska. Pressestelle Stuttgarter Ballett - Foto: Monica Menez Bild in Detailansicht öffnen

Ballettabend „Aufbruch“. Eine Koproduktion des Deutschen Nationaltheaters Weimar und des Stuttgarter Balletts. Mit Uraufführungen von Edward Clug, Katarzyna Kozielska und Nanine Linning. Die nächsten Aufführung am 16., 24. und 29. April.

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