Bühne

An der Ambition erstickt: Ewelina Marciniak inszeniert „Iphigenia“ in Salzburg

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AUTOR/IN
Sven Ricklefs

Die polnische Regisseurin Ewelina Marciniak ist bekant für ihre politisch eigenwilligen Theaterarbeiten. Bei ihrer Inszenierung des Iphigenie-Mythos bei den Salzburger Festspielen, frei nach Euripides und Goethe und nach einem Text der polnischen Dramatikerin Joanna Bednarczyk, steht sexueller Missbrauch im Zentrum der Opfererzählung. Ein interessanter Versuch, der aber an den eigenen Ambitionen scheitert.

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In der Jetzt-Zeit ist Iphigenie eine aufstrebende Pianistin

Die Namen sind die gleichen geblieben und auch die Familienkonstellationen, in deren Mittelpunkt Iphigenie steht, ragen herüber aus der Antike: Agamemnon heißt Agamemnon, sein Bruder heißt Menelaos, ihre Frauen sind Klytämnestra und Helena. Iphigenie liebt Achilles, und sie ist die Schwester von Orest.

So weit so gut, nur, dass man sich in der Jetztzeit befindet, Agamemnon ein Professor für Ethik ist, Klytämnestra ist ein weitbekannter Theaterstar und ihre Tochter Iphigenie, die hier Iphigenia heißt, ist mit ihren 21 Jahren auf dem besten Weg zur erfolgreichen Pianistin.

Bildungsbürgerliche Vorzeigefamilie mit Schatten

Eine bildungsbürgerliche Vorzeigefamilie, könnte man meinen, und eigentlich weit entfernt von jenem wuchtigen Mythos vom Helenenraub, vom griechischen Heer auf dem Weg nach Troja und vom Heerführer und Vater Agamemnon, der seine Tochter opfern soll und will, um die Götter und die Winde günstig zu stimmen.

Doch genau dieses Opfer als Motiv ist es, das die Regisseurin Ewelina Marciniak und ihre Autorin Joanna Bednarczyk für ihre Neuschreibung ihrer „Iphigenia“ inspiriert hat.

Missbrauchsopfer Iphigenia muss schweigen

Iphigenia wird bei ihnen zum Missbrauchsopfer durch den eigenen Onkel Menelaos. Und sie ist das Opfer des eigentlich so geliebten Vaters Agamemnon, der ihr das Schweigen über das Geschehene abverlangt, um die eigene Karriere nicht zu gefährden.

Und Iphigenia ist auch das Opfer der Mutter Klytämnestra, die ihr das Verstummen ihres Geschlechts gleichsam im Generationentransfer einschreibt.

 Rhythmische Choreographien erzeugen starke Szenen

Ewelina Marciniak entwickelt diesen antiken Opferplot im Format des 21. Jahrhunderts auf einem leeren Podest vor steiler Spiegelwand. Dabei gruppiert sie ihr starkes Ensemble um den einzig herumstehenden Flügel für die Pianistin Iphigenia.

Zugleich lässt sie die traumatisch infizierte Familiensaga dann und wann auch körperlich in rhythmische Choreographien ausbrechen. Das erzeugt immer wieder durchaus starke Szenen und Momente, die das archaische Opfermotiv gerade auch aus einer feministischen Perspektive interessant machen.

Ewelina Marciniak und ihre Autorin wollen zu viel

Doch zugleich wollen Ewelina Marciniak und ihre Autorin immer mehr, je länger das Stück dauert. Da teilt sich Iphigenia in eine junge und eine ältere Variante, was wohl darauf verweisen soll, dass hier auch Motive aus der Goethe‘schen „Iphigenia auf Tauris“ eingeflossen sind, die eine humanistisch gereifte Frau zeigt.

Da verbalisieren Figuren gleich ihre eigene Psychoanalyse oder fallen unvermittelt ins Versmaß Goethes, während Schauspieler ihre eigenen Rollen reflektieren.

Das alles trägt aber immer weniger zur Verdeutlichung bei und so scheint es, als ersticke diese durchaus interessante Versuchsanordnung letztlich an ihrer eigenen Ambition. 

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