Bitte warten...

Ein Utopist, kein Verräter Am Staatstheater Wiesbaden hatte "Judas" nach Amos Oz Uraufführung

Kulturthema am 2.3.2017 von Maja Hattesen

Ein überzeugender, aber todtrauriger Abend, so bilanziert Maja Hattesen die Uraufführung von "Judas" am Theater Wiesbaden. Das Stück basiert auf einem Roman von Amos Oz, der sich darin mit dem Thema des Verrats auseinandersetzt. Regisseur Clemens Bechtel inszeniert das Stück als Familiendrama zwischen Schwiegervater und Schwiegertochter, die den Tod des Sohnes und Ehemannes beklagen. Der kam im arabisch-israelischen Unabhängigkeitskrieg ums Leben. Ein junger Pfleger beteiligt sich an den Gesprächen über die Zeit der Staatengründung Israels. Der Bühnentext kreist um das Verrats-Thema, gesellschaftlich und familiär: Judas, der Verräter, wird wie bei Amos Oz, zum großen Utopisten und Revolutionär, dessen unkonventionelles Handeln den Frieden erst ermöglicht.

Die Bühne ist wie ein aufgerissenes Grab, lose Platten aus schwarzem Schiefer stapeln sich übereinander, auf ihnen stolpern und hinken die Hauptfiguren dieses Abends hin und her, über Gott und die Welt parlierend – der alte Hausherr Gershom Wald, der sich mit seiner Schwiegertochter Atalja in dieses düstere Haus zurückgezogen hat, an Krücken, die Beine hinter sich her schleifend. Hierhin gerät nun der Mittzwanziger Schmuel Asch. Er meldet sich auf eine Anzeige als Gesellschafter für diesen alten geschwätzigen Mann - womöglich eine halbauthentische Figur, die als Sholem Asch tatsächlich in Palästina als Schriftsteller gelebt und sich mit dem Judasthema als Autor beschäftigt haben mag. Der Neuzugang am Wiesbadener Theater Maximilian Pulst spielt diesen Studienabbrecher Schmuel Asch überzeugend fahrig, sein Auftreten ist mehr ein Herantasten. Es dauert nicht lang und wir begreifen, dass er diesem Familiengrab schon bald nichts Vitales mehr entgegensetzen kann. Zu nehmend gerät seine Garderobe außer Kontrolle, in seiner Aktentasche sein unvollendetes Werk über Judas – ein zerknüllter Haufen Papier.

Der Tod des Ehemanns und Sohnes lastet auf der Familie

Schon bald wird klar: Schwiegervater Wald und Schwiegertochter Atalja beklagen das gleiche Leid: Den Verlust des Sohnes und des Ehemannes. Micha wurde grausam im arabisch-israelischen Unabhängigkeitskrieg verstümmelt und sein Tod lastet nun auf dieser unfreiwillig zusammengewürfelten Kleinfamilie, die sich vielleicht in Schmuel Asch diesen jungen toten Soldaten wieder holen will, der diese Lücke füllen muss, die ein sinnloser Krieg gerissen hat. Rainer Kühn als Wald übertönt die grausame Stille der Notgemeinschaft mit herrlichem Trotz – während die geheimnisvolle Schöne Atalja meist schweigt.

Judas als Utopist und Revolutionär

Immer wieder kreisen die Männer-Gespräche in diesem oft sehr komplexen Bühnentext um die Zeit von vor zehn Jahren, als Israel als Staat gegründet wurde und um Judas als vermeintlichen Verräter.

Amos Oz hat das Verratsthema in seinem Roman gegen den Strich gebürstet: Er, der selbst durch sein Friedensengagement immer wieder des Verrats am israelischen Volk bezichtigt wurde, stellt uns den Judas als größten Utopisten und Revolutionär dar, der einen unpopulären und völlig unbegreiflichen Weg einschlug, um so erst das Wunder der Auferstehung Jesu vom Tode zu ermöglichen – das Wunder des Friedens.

Überzeugender, aber todtrauriger Abend

Diese Perspektive auf Judas ist nicht neu. Sie wurde auch immer wieder aufgegriffen in der Literatur. Aber sie ist eben radikal anders, denn schließlich wurde der Judas in der christlichen Welt stets auch als Christusmörder verteufelt. Amos Oz bezieht seine Lesart nun auf den Friedensaktivisten Abrabanel, der sich als der Vater von Atalja herausstellt und dem es nicht gelang, Ben Gurion von einem friedlichen Nebeneinander von Juden und Arabern zu überzeugen.

Regisseur Clemens Bechtel kreiert nun auf der Bühne überzeugend eine Wohngemeinschaft am Abgrund, in der ein Nebeneinanderher-Leben zweier verletzter Dickhäuter zwar möglich, aber unmenschlich erscheint. Am Ende liegen mitten in der Wohnküche immer mehr tote Soldaten auf dem Boden – das Mahnmal eines Jahrzehnte langen Konfliktes, der ohne Ausweg erscheint. Viel Applaus für einen todtraurigen Abend.

Weitere Themen in SWR2