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„Story-Ballett“ nennt Stéphen Delattre seine Art, mit erzählerischen Stoffen umzugehen. Jetzt hat er mit seiner Delattre Dance Company die eigene Tanzversion von Lewis Carrols 1865 erschienenem Kinderbuch-Klassiker „Alice im Wunderland“ an den Mainzer Kammerspielen auf die Bühne gebracht. Eine Inszenierung, die großen Wert legt auf die Figurenzeichnung jedes Einzelnen. Delattre findet ein begeistertes Publikum, das ihn am Ende des knapp dreistündigen Abends wie einen Popstar feiert.

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Delattre Dance Company mit „Alice im Wunderland” an den Mainzer Kammerspielen (Foto: Mainzer Kammerspiele/Klaus Wegele, artclassics)
Blaue Augen, blonde Haare, ein gold-blaues Kleidchen, im Gesicht eine kindlich aufgeregte Neugier: So sieht Ballettdirektor Stéphen Delattre seine „Alice“ — im wahrsten Sinne also wie aus dem Bilderbuch. Mainzer Kammerspiele/Klaus Wegele, artclassics Bild in Detailansicht öffnen
Mélanie André tanzt die Hauptrolle mit exaltierten Bewegungen und klassischer Finesse. Sie findet mühelos in die wundersame Traumwelt ihrer Kunstfigur hinein, erdacht vom Oxforder Mathematikprofessor Charles Dodgson, alias Lewis Carroll. Delattre Dance Company GbR / Folker Gratz Bild in Detailansicht öffnen
Dass Dodgson — der das prüde viktorianische Zeitalter miterlebte — sich nicht nur für die kindliche Fantasie begeisterte, sondern auch etwas zu sehr für Kinder selbst, spielt in der Tanzproduktion von Stephen Delattre — wie in den meisten Adaptionen bislang — konsequent keine Rolle. Mainzer Kammerspiele/Klaus Wegele, artclassics Bild in Detailansicht öffnen
Zu einer eigens für Alice kreierten Musikkomposition von Davidson Jaconello, bleibt Stéphen Delattre sehr eng an der Geschichte von „Alice im Wunderland“. Er jongliert mit Realität und Illusion, mit den Gegensätzen von Gut und Böse, erfindet einen schwarzen Hasen als Gegenspieler des weißen und lässt dem ein oder anderen düsteren Gedanken freien Lauf. Schwarze Schmetterlinge flattern unheilvoll über die Leinwand, als wären wir bei Hitchocks Film „Die Vögel“. Mainzer Kammerspiele/Klaus Wegele, artclassics Bild in Detailansicht öffnen
Videoprojektionen sind ein wichtiger Teil des Bühnenbildes in Delattres Choreografie — als Verlängerung des realen Bühnenbildes, das aufgrund der relativ kleinen Bühne geschickt spartanisch und funktionell ausfällt. So stürzt Alice in einer filmisch animierten Spirale in das besagte Wunderland. Türen werden dort riesengroß oder winzig klein und wir begegnen den üblichen Verdächtigen: der Herzkönigin, dem Hasen, dem Hutmacher und dem Hofstaat. Mainzer Kammerspiele/Klaus Wegele, artclassics Bild in Detailansicht öffnen
Herrlich quirlig tanzt Alekseij Canepa den weißen Hasen und führt wie ein Erzähler durch die Geschichte, ahnt Unheil, spinnt die Fäden und das immer mit hohem tänzerischen Tempo. Er steht „Alice“ wie ein Talisman zur Seite – und vollführt mit ihr elegante Pas de Deux. Mainzer Kammerspiele/Klaus Wegele, artclassics Bild in Detailansicht öffnen
Auch die Königin — mit rotem üppigem Hut und aufwändig drappiertem Kleid — ist gut getroffen. Ihren Hofstaat führt sie dominant und unerbittlich, das macht Stéphen Delattre mit ihren angespannten Bewegungen deutlich. Mainzer Kammerspiele/Klaus Wegele, artclassics Bild in Detailansicht öffnen
Klassischer Tanz und zeitgenössische Bewegungen durchmischen sich in dieser Chorografie — auch auf Spitze wird getanzt. Im modernen Ballett ist das nicht mehr selbstverständlich. Mainzer Kammerspiele/Klaus Wegele Bild in Detailansicht öffnen
Dass sich der ehrgeizige Ballettdirektor mit einer größeren Company und einer größeren Bühne noch mehr austoben könnte, steht außer Frage. Doch hier legt er bewusst wert auf die Figurenzeichnung jedes Einzelnen. Mainzer Kammerspiele/Klaus Wegele, artclassics Bild in Detailansicht öffnen
„Story-ballett“ nennt Stephen Delattre seine Art mit erzählerischen Stoffen umzugehen. Er tut es mit hohem Engagement und findet dafür ganz offensichtlich ein begeistertes Publikum, dass ihn am Ende des knapp dreistündigen abends wie einen Popstar feiert. Mainzer Kammerspiele/Klaus Wegele, artclassics Bild in Detailansicht öffnen

Alle kommenden Vorstellungen sind bereits ausverkauft. Die Kammerspiele raten, sich nach noch erhältlichen Restkarten an der Abendkasse zu erkundigen.

Alice im Wunderland. Ein Ballett von Stéphen Delattre nach dem Roman von Lewis Carroll. Mainzer Kammerspiele, nächste Vorstellungen am 8., 9. Februar und am 10. März.

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