Bunt beleuchtete Eimer an einer Wand, dafür geht ein Mann eine Treppe hinaus (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Uli Deck)

Die Künstlerin Rosalie ist tot Musik und Licht

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Sie war Malerin, Installationskünstlerin und Bildhauerin. Dabei setzte sich Rosalie immer wieder mit Musik auseinander, schuf Werke für die Bayreuther Festspiele und auch für die SWR Donaueschinger Musiktage. Reinhard Ermen erinnert an die vielseitige Künstlerin Rosalie, die am 12. Juni im Alter von 64 Jahren gestorben ist.

Eine Unermüdliche, die ganz für ihre Arbeit lebte

Rosalie hatte eigentlich nie Zeit. Sie war eine von den Unermüdlichen, die ganz für ihre Arbeit lebten, die sie glücklich machte. Oft arbeitete sie an mehreren Projekten gleichzeitig, doch wenn man es geschafft hatte, mit ihr einen offiziellen Termin zu bekommen, sprach sie von dem Projekt, das als nächstes dran war, mit einer solchen Emphase, als sei es das einzige, das sie gerade beschäftigte.

Ihre Phantasie war ohnehin grenzenlos, ihr Tatendrang war geradezu beängstigend, und gleichzeitig war sie ein Organisationstalent und ganz ohne Frage ein Kommunikationsgenie. Selbst hartgesottene Zweifler konnte sie, etwas salopp gesagt, durch ihr entwaffnendes Auftreten schnell um den Finger wickeln. Dabei war ihr schwäbisches Naturell irgendwie auch befremdlich. Und Kommunikationsgenie hin oder her, vor dem Mikrophon wirkte sie fast ein wenig schüchtern, ja kindlich, - aber sehr bestimmt.

Ohne Musik war das meiste, was sie machte, nicht denkbar

Im Februar 1953 wurde sie in Gemmrigheim am Neckar geboren. Zuerst studierte sie Germanistik und Kunstgeschichte in Stuttgart, dann an der dortigen Akademie Malerei, Grafik und Plastisches Arbeiten und schließlich Bühnenbild in München bei Jürgen Rose. Das war wohl der entscheidende Schritt, denn als Künstlerin der Szene wurde sie bald berühmt, obwohl sie immer Wert darauf legte, mehr zu sein.

Einordnungsversuche führen zu nichts, aber vielleicht könnte man sagen, dass Rosalie zuallererst, ein optisches Gegenüber zur Musik realisieren wollte, denn ohne Musik ist das meiste, was sie machte (Ausnahmen bestätigen die Regel) nicht denkbar. Unterwegs zu diesem intermedialen Universalismus legte sie auch ihren bürgerlichen Namen ab. Fragen danach mochte sie gar nicht. "Das ist ein Künstlername", sagte sie. "Bei mir im Pass steht "Ordens- oder Künstlername: Rosalie. Natürlich gibt es auch die Heilige Rosalie als Schutzheilige von Palermo, aber mit der hab ich ganz bestimmt gar nichts zu tun!"

Zum Tod der Stuttgarter Lichtkünstlerin und Bühnenbildnerin Rosalie Beleuchtete Eimer und kletternde Flossenmännchen

Rosalie (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Die Stuttgarter Künstlerin Rosalie 1997 vor ihrer Installation "genial trivial" vor dem Schloss Ludwigsburg. Rosalie, deren bürgerlicher Name "Gudrun Müller" war, wurde am 24. Februar 1953 im baden-württembergischen Gemmrigheim geboren. Am 12. Juni 2017 ist sie im Alter von 64 Jahren gestorben. picture-alliance / dpa - Bild in Detailansicht öffnen
Rosalie entwarf Bühnenbilder für zahlreiche Operninszenierungen - wie hier für die Wagner-Oper "Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg" am Badischen Staatstheater Karlsruhe 2012. 1990 bis 1994 entwarf sie Bühnenbild und Kostüme für die vier Abende des "Ring des Nibelungen" von Richard Wagner bei den Bayreuther Festspielen. picture-alliance / dpa - Uli Deck/dpa Bild in Detailansicht öffnen
Donaueschinger Musiktage - Plakat 2006 - Variante in pink von Rosalie SWR - pink rosalie Bild in Detailansicht öffnen
"Konzertinstallation" als neue Orchesterkultur: die Uraufführung der Licht- und Orchesterskulptur "Hyperion" von Georg Friedrich Haas und rosalie bei den Donaueschinger Musiktagen 2006 mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg - ohne Dirigenten! SWR - Foto: Clemens Zoch Bild in Detailansicht öffnen
Währenddessen laufen bereits die Proben für das Abschlusskonzert, in dem Georg Friedrich Haas' Werk "Hyperion" mit einer Lichtinstallation der Stuttgarter Künstlerin rosalie uraufgeführt wird. SWR - Bild in Detailansicht öffnen
2008 kamen Rosalies beleuchtete Eimer als "Hyperion_Fragment" in den Lichthof 7 des ZKM Karlsruhe. picture-alliance / dpa - Uli Deck Bild in Detailansicht öffnen
Das SWR Vokalensemble erscheint zumeist in bestem Licht. Klanglich muss das kaum unter Beweis gestellt werden. Aber so schön wie bei einer Aufführung mit Werken von György Ligeti, Iannis Xenakis und Matthias Pintscher vor dem Hintergrund von rosalies Lichtinstallation "CHROMA_LUX" im Karlsruher ZKM im Jahr 2010 gelang dies selten. SWR - Alexander Kluge Bild in Detailansicht öffnen
Für die Fassade der Sparkasse in Heilbronn gestalte Rosalie die so genannten "Flossies". picture-alliance / dpa - Bernd Weißbrod/dpa Bild in Detailansicht öffnen
Noch bis zum 2. Juli zeigt das Schauwerk Sindelfingen Werke von Rosalie in der Ausstellung "Lichtwirbel" Schauwerk Sindelfingen - Foto: Wolf-Dieter Gericke, © rosalie Bild in Detailansicht öffnen

Der Bayreuther "Ring" in den 1990er-Jahren machte sie bekannt

Spätestens seit dem Bayreuther „Ring“ war dieser Künstlername in aller Munde. Zwischen 1994 und 1998 konnte man ihre Version der Tetralogie auf dem Grünen Hügel erleben, und obwohl James Levine seinerzeit dirigierte und Alfred Kirchner Regie führte, dominierte die Präsenz ihrer Bilder das Projekt; keinesfalls zum Schaden von Richard Wagner.

Aus heutiger Perspektive erscheinen Rosalies „Ring“-Bilder wie eine notwendige Befreiung vom konzeptionellen Verkomplizierungszwang, der nach wie vor das Theatergeschäft, nicht zuletzt in der Oper, bestimmt. Das war keinesfalls unproblematisch. Rosalie arbeitete mit einem dekorativen Furor, ja mit kindlicher Lust, sie reaktivierte längst tot gesagte Abstraktionstendenzen.

Ihr Farbsinn forderte den guten Geschmack schon mal heraus

Ihre zeitweilige Vorliebe für Kunststoffgranulat war gewöhnungsbedürftig, ihr Farbsinn forderte den guten Geschmack schon mal heraus. Aber solche Zweifel wurden von den großen Augenblicken einfach aufgesogen.

Zum Beispiel „Siegfried“, zweiter Akt: Grün ausgeleuchtete Regenschirme imaginierten den Wald, sie bewegten sich sanft zu Musik, sie atmeten sozusagen mit. "Mit dieser Licht- und Schattenprojektion war ich dann sehr glücklich. Ich wollte nie einen deutsch-mythischen Wald - Stamm an Stamm, sondern etwas Freies, und auch diese grüne Farbe, die wiederum mit einer Bläue zusätzlich beleuchtet, etwas Luftiges und etwas Poetisches, was das Waldweben ausmacht."

Licht war eine Schlüsselinstanz von ihrer Arbeit

Sie konnte aus nichts etwas machen. Sie war eine Meisterin der produktiven Zweckentfremdung. Das Ergebnis war oft eine atemberaubende Transzendenz der Dinge. Für die Donaueschinger Musiktage, bzw. für die Uraufführung von „Hyperion“ von Georg Friedrich Haas 2006 ließ sie 3160 weiße Kunststoffeimer in Reih und Glied zu einem Fries um den Klang herum und über den Köpfen der Zuhörer in der Baarsporthalle installieren. Unter jedem Eimer steckte eine LED Leuchte; alle Farben waren möglich. „Konzert für Licht und Orchester“ hieß die Musik von Haas, die hier als Übergangsraum der Sinne kongenial in Szene gesetzt wurde.

Konzertinstallation, Licht- und Orchesterskulptur "Hyperion", Donaueschinger Musiktagen 2006 (Foto: SWR, SWR - Foto: Clemens Zoch)
Uraufführung "Hyperion" von Georg Friedrich Haas und rosalie bei den Donaueschinger Musiktagen 2006 SWR - Foto: Clemens Zoch

Licht war ohnehin eine Schlüsselinstanz von Rosalies Arbeit. Vielleicht war sie zuallerletzt, bzw. zuallererst eine Lichtbildnerin. In letzter Zeit bündelte sie diese Energien oft als Lineaturen in mehreren Schichten. Lichtzeichnungen waren das, wenn man so will, Hell-Dunkelkommentare, die wie Schraffuren auftraten; so auch in ihrer letzten Arbeit. In der Hamburger Elbphilharmonie ließ sie im Mai dieses Jahres sieben schlanke Leuchtkästen hinter dem Podium aufhängen, die Gustav Mahlers achte Sinfonie mit lichten, farbigen Unterstreichungen begleiteten und die Riesenmusik einer neuen Wahrnehmung öffneten: Das Stück behielt seine Monumentalität und bekam einen neuen Hörraum.

Bericht über Rosalies aktuelle Ausstellung "Lichtwirbel" in Sindelfingen

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