Serdar Somuncu inszeniert „Mein Kampf“ von George Tabori in Konstanz In Konstanz: Kein Kampf

Am 21.4.2018 von Karin Wehrheim

War das alles die Aufregung wert? „Mein Kampf“ von George Tabori hatte am Abend des 20. April Premiere am Theater Konstanz, "Führers Geburtstag". Mit provokanten Ideen hatte die Inszenierung von Serdar Somuncu international für Aufsehen gesorgt. Wer ein Hakenkreuz trug, sollte kostenlosen Eintritt erhalten. Jüdisch-christliche Organisationen riefen zum Boykott auf. Die Premiere wurde von Sicherheitskräften und Polizei begleitet. Doch es wurde ein eher mauer Theaterabend.

Regen aus Hakenkreuzschnipseln und Davidstern-Aufklebern

Tatsächlich muss niemand sich irgendetwas anheften, keine Hakenkreuzbinde, keinen Davidstern. Erst kurz vor Ende des Tabori-Stückes regnet es auf die 400 Premierengäste Hakenkreuzschnipsel und Davidstern-Aufkleber herab.

Kaum einer greift danach. Dabei wollte Hans Wölken beispielsweise ein Hakenkreuz tragen. Dass es ihm nicht darum ging, den Eintritt zu sparen, war auf einem Zettel an seinem Hemd zu lesen. "Ich will das Hakenkreuz als Provokation. Hitler oder Mainstream - worüber denken die Leute nach? Die denken alle über nichts nach."

Hakenkreuz-Interessenten auf einmal nicht mehr da

Etwa 50 Interessenten für Freikarten gegen Hakenkreuz gebe es, so hatte es das Theater vor einer Woche verkündet, doch die meisten ruderten zurück. Zwei oder drei seien es noch, hieß es vor der Premiere. Eine Besucherin mit Premierenabo wollte sich trotz der Diskussionen vorab eine eigene Meinung bilden. Und einen Davidstern tragen: "Dieses geschundene Volk - wenn man sich da eineinhalb Stunden für einsetzt, finde ich das nicht schlecht."

Halbnackte Maskierte prügeln scheinbar älteren Mann nieder

Stattdessen stürmen gleich zu Beginn – während Bilder aus der Tagesschau laufen - ein paar halbnackte Maskierte mit Hakenkreuz auf den Armen und Knüppeln in der Hand den Saal. Sie greifen sich einen älteren Mann aus dem Publikum und knüppeln ihn scheinbar nieder.

Regisseur und Kabarettist Serdar Somuncu der mit szenischen Lesungen aus Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“ mit großem Erfolg durch das Land getourt ist, hatte vor der Premiere erklärt, es gehe ihm darum, das Publikum zu sensibilisieren dafür, dass die Demokratie auch heute immer stärker in Gefahr sei.

Jude Herzl hilft dem Antisemiten Hitler

Diskussionsstoff liefert George Taboris 30 Jahre altes Stück zur Genüge. Es erzählt von dem Juden Schlomo Herzl, der den jungen Adolf Hitler unter seine Fittiche nimmt, 1910 in einer Unterkunft für gescheiterte Existenzen in Wien.

Auf zynische Weise ist der junge Hitler dem Juden Herzl dafür dankbar: "Ich danke Dir für Deine Handreichung. Wenn meine Zeit gekommen ist, werde ich Dich ansprechen und belohnen. Ich werde Dir einen neuen Ofen kaufen, damit Du es schön warm hast. Wenn Du dann richtig alt bist, finde ich eine saubere Lösung für Dich." Herzl, der Jude, macht aus Hitler den späteren Despoten mit Oberlippenbart, Seitenscheitel und erhobenem Arm.

"Mein Kampf" von George Tabori in der Inszenierung von Serdar Somuncu Wie aus Hitler Hitler wurde

Thomas Fritz Jung, Andreas Haase und Peter Posniak in "Mein Kampf" von George Tabori, in der Inszenierung von Serdar Somuncu in Konstanz. (Foto: SWR, Theater Konstanz - Foto: Illja Mess)
Die "Farce" von George Tabori beschreibt die Wiener Jahre von Adolf Hitler, eine Art "Making of" des Diktators. Hitler (Peter Posniak, rechts) erscheint 1910 als erfolgloser Studienaspirant im Männerwohnheim. Herzl (Thomas Fritz Jung) und Lobkowitz (Andreas Haase) sind Sparringspartner bei der Entwicklung des harmlosen Mannes zum blutrünstigen Demagogen. Theater Konstanz - Foto: Illja Mess Bild in Detailansicht öffnen
Gretchen, eine Art Männerphantasie der unfreiwilligen Wiener Wohnheim-Kommune (Laura Lippmann), berückt auch Herzl (Thomas Fritz Jung). Der Jude nimmt bald den jungen Hitler unter seine Fittiche. Theater Konstanz - Foto: Illja Mess Bild in Detailansicht öffnen
Peu à peu verwandelt sich Hitler (Peter Posniak, im Hintergrund) in "Mein Kampf" schließlich in den späteren Diktator. Eine Entwicklung, die absurderweise nur dank der Nächstenliebe von Herzl und sogar der Beihilfe Gottes (Thomasz Robak als "Himmlisch") möglich ist. Theater Konstanz - Foto: Illja Mess Bild in Detailansicht öffnen
Schließlich werden in "Mein Kampf" auf tragikomische Weise die christlichen Werte in der schwarzen Messe des Diktators geopfert. Peter Posniak als Hitler in der Konstanzer Inszenierung von Serdar Somuncu. Theater Konstanz - Foto: Ilja Mess Bild in Detailansicht öffnen
Besonders tragisch ist die Rolle des Juden Herzl im Männerwohnheim (Thomas Fritz Jung, links). Denn erst die Fürsorge von Herzl, seine guten Tipps und Tricks, machen aus dem jungen Hitler (Peter Posniak) den späteren Diktator. Selbst den Titel für sein eigenes Buch, "Mein Kampf", überlässt Herzl dem fatalen Schützling. Theater Konstanz - Foto: Ijla Mess Bild in Detailansicht öffnen
Am Ende von "Mein Kampf" ist auch die negative Entwicklung der Persönlichkeit Hitlers abgeschlossen. Aus dem junger Wiener Studentenanwärter (Peter Posniak, rechts) ist der düstere Demagoge geworden. Herzl (Thomas Fritz Jung) hat ein fatales Werk Theater Konstanz - Foto: Illja Mess Bild in Detailansicht öffnen

Auftritte für AfD-Politiker und Donald Trump

Serdar Somuncu erlaubt sich große Freiheiten mit Taboris Farce. Er fügt AfD-Politiker ein, lässt Herzls Freund Lobkowitz, der sich für Gott hält, aussehen wie Donald Trump. Hitler legt zu Schlagermusik einen Strip mit Riesendildo hin. Das erntet Lacher.

Ruhiger Abend für Polizei - keine Demonstrationen und Blockaden

Ein Zuschauer geht allerdings unter Protest, als Herzls Freundin Gretchen sagt, KZs seien doch total schön grün und gut geheizt gewesen.

Polizeikräfte vor dem Theater und Sicherheitspersonal drinnen ziehen anschließend ab, Demonstrationen oder Blockaden - Fehlanzeige.

„Mein Kampf“ am Theater Konstanz - eine Zusammenfassung im Filmbeitrag von „Kunscht!“

Kommentar zur Tabori-Inszenierung in Konstanz: Tabubruch Holocaust

Wer bereit ist, bei der Premiere von George Taboris „Mein Kampf“ am Theater Konstanz ein Hakenkreuz-Symbol zu tragen, erhält freien Eintritt, wer zahlt, soll einen Davidstern tragen. Wie ist diese Aktion zu deuten in Zeiten des wachsenden Antisemitismus?

Für manche ist „Führers Geburtstag“ immer noch ein wichtiges Datum. Am 20. April versammeln sich immer wieder „Alte Kameraden“ zum Heldengedenktag. In ganz anderer Form tun das – seit neuestem – auch Leute, denen man das gar nicht zugetraut hätte.

Das Theater Konstanz bringt an Führers Geburtstag „Mein Kampf“ von George Tabori heraus – und bietet allen, die ein Hakenkreuz-Symbol tragen, freien Eintritt. Das ist insofern eine avantgardistische, Tabu brechende Idee, als das Tragen von nationalsozialistischen Symbolen in der Öffentlichkeit verboten ist. Im Namen der Kunstfreiheit aber soll das nun möglich sein.

Möglichkeit: junge Rechtsradikale verabreden sich

Was wird passieren? Zweierlei ist möglich. Zum einen, dass niemand ein Hakenkreuz tragen möchte und folglich alle auf den freien Eintritt verzichten. Möglich ist aber auch, dass junge Rechtsradikale sich vor dem Theater verabreden, Hakenkreuze anlegen und die Vorstellung für sich okkupieren. Dann hätte das Theater ein Problem.

"Mein Kampf" von George Tabori in der Inszenierung von Serdar Somuncu Wie aus Hitler Hitler wurde

Thomas Fritz Jung, Andreas Haase und Peter Posniak in "Mein Kampf" von George Tabori, in der Inszenierung von Serdar Somuncu in Konstanz. (Foto: SWR, Theater Konstanz - Foto: Illja Mess)
Die "Farce" von George Tabori beschreibt die Wiener Jahre von Adolf Hitler, eine Art "Making of" des Diktators. Hitler (Peter Posniak, rechts) erscheint 1910 als erfolgloser Studienaspirant im Männerwohnheim. Herzl (Thomas Fritz Jung) und Lobkowitz (Andreas Haase) sind Sparringspartner bei der Entwicklung des harmlosen Mannes zum blutrünstigen Demagogen. Theater Konstanz - Foto: Illja Mess Bild in Detailansicht öffnen
Gretchen, eine Art Männerphantasie der unfreiwilligen Wiener Wohnheim-Kommune (Laura Lippmann), berückt auch Herzl (Thomas Fritz Jung). Der Jude nimmt bald den jungen Hitler unter seine Fittiche. Theater Konstanz - Foto: Illja Mess Bild in Detailansicht öffnen
Peu à peu verwandelt sich Hitler (Peter Posniak, im Hintergrund) in "Mein Kampf" schließlich in den späteren Diktator. Eine Entwicklung, die absurderweise nur dank der Nächstenliebe von Herzl und sogar der Beihilfe Gottes (Thomasz Robak als "Himmlisch") möglich ist. Theater Konstanz - Foto: Illja Mess Bild in Detailansicht öffnen
Schließlich werden in "Mein Kampf" auf tragikomische Weise die christlichen Werte in der schwarzen Messe des Diktators geopfert. Peter Posniak als Hitler in der Konstanzer Inszenierung von Serdar Somuncu. Theater Konstanz - Foto: Ilja Mess Bild in Detailansicht öffnen
Besonders tragisch ist die Rolle des Juden Herzl im Männerwohnheim (Thomas Fritz Jung, links). Denn erst die Fürsorge von Herzl, seine guten Tipps und Tricks, machen aus dem jungen Hitler (Peter Posniak) den späteren Diktator. Selbst den Titel für sein eigenes Buch, "Mein Kampf", überlässt Herzl dem fatalen Schützling. Theater Konstanz - Foto: Ijla Mess Bild in Detailansicht öffnen
Am Ende von "Mein Kampf" ist auch die negative Entwicklung der Persönlichkeit Hitlers abgeschlossen. Aus dem junger Wiener Studentenanwärter (Peter Posniak, rechts) ist der düstere Demagoge geworden. Herzl (Thomas Fritz Jung) hat ein fatales Werk Theater Konstanz - Foto: Illja Mess Bild in Detailansicht öffnen

Das Mitspieltheater, um dieses handelt es sich hier, ist eine abgenudelte Form der 1970-er Jahre, als man das Publikum selbst zur theatralischen Aktion nötigen wollte. Das Mitspielen hat sich nicht bewährt: der Erkenntnisgewinn war gering, die Laienspieler blamierten sich meist auf offener Bühne, und die meisten Theater kehrten stillschweigend zu differenzierteren Spielweisen zurück.

Die einen fühlen sich mit Hakenkreuz großartig, die anderen eher beschissen

Wie fühlt man sich, wenn man ein Hakenkreuz trägt? Na, ganz einfach: die einen fühlen sich großartig, die anderen eher beschissen. Das ist die sehr schmale Erkenntnis, die die Konstanzer Theatermacher ihren Zuschauern ermöglichen wollen. Aber mehr noch: wer eine reguläre Karte kauft, der soll einen Davidstern anlegen.

Hier wird es nun erst recht peinlich: echte Holocaust-Überlebende, Juden, Israelis werden die Theatralisierung, die theatralische Ausnutzung ihrer Traumata zurecht ablehnen; und für alle anderen, für die Nicht-Juden, ist die geborgte Opferrolle eine Anmaßung – sie sind keine Juden und verschaffen sich durch den Davidstern nur das falsche, aber wohlige Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen.

Nicht Erkenntnis, sondern Aufmerksamkeit als Ziel

Erkenntnis ist aber wohl gar nicht das Ziel der Konstanzer Theaterleute, eher gieren sie nach Aufmerksamkeit. Die ist heute gerade durch antisemitische Aktionen leicht zu haben: soeben wurde in Berlin ein Rapper mit dem „Echo“-Musikpreis bedacht, der seinen fitnessgestählten Körper mit den unterernährten Leibern von „Auschwitzinsassen“ vergleicht und vorschlägt „mache wieder mal nen Holocaust“. Rappende Antisemiten und deutsche Theaterleute haben eines gemeinsam: sie halten sich für Tabubrecher. Und es nützt gar nichts, sich darüber aufzuregen - das ist ja genau das, was sie wollen.

Der Intendant des Theaters Konstanz, Christoph Nix (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Foto: Patrick Seeger)
Intendant Christoph Nix picture-alliance / dpa - Foto: Patrick Seeger

George Taboris „Mein Kampf“ erzählt übrigens von dem künstlerischen Versager Adolf Hitler, der in einem Wiener Männerwohnheim von dem Juden Shlomo Herzl psychisch aufgepäppelt wird. Auch das Konstanzer Theater bedarf der Fürsorge. Sagen wir so: wenn der Konstanzer Intendant Prof. Dr. Dr. Christoph Nix sich ein Hakenkreuz anlegt und gratis seine eigene Vorstellung besucht, dann ist auch für uns alles in Ordnung. Christoph Nix in vollem Wichs – das Mitspieltheater vom Bodensee hat die schönsten Vorstellungen noch vor sich.

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