Theater Die dunkle Seite von Thaddäus Troll am Schauspiel Stuttgart

Von Karin Gramling

Thaddäus Troll gilt noch heute als schwäbischer Heimatdichter schlechthin, dank seinem ironischen Buch „Deutschland deine Schwaben“. Dass der große Schwaben-Deuter im Zweiten Weltkrieg in einer Propaganda-Kompanie gearbeitet und das Leiden der Juden im Warschauer Ghetto mit antisemitischen Texten verhöhnt hat, wissen nur wenige. Diese andere Seite zeigt jetzt Gernot Grünewalds „Thaddäus Troll – kein Heimatabend“ am Stuttgarter Schauspiel.

Staatsschauspiel Stuttgart Bilder zu "Thaddäus Troll. Kein Heimatabend" von Gernot Grünewald

Szene aus "Thaddäus Troll. Kein Heimatabend" (Foto: Schauspiel Stuttgart - Foto: Björn Klein)
„Rotznas, Giftspritz, gescheckter Dackel…“ Seinen Landsleuten aufs Maul schauen, das konnte keiner so gut wie der Dichter Thaddäus Troll. Bissig und ironisch erklärte er den Deutschen beispielsweise die schwäbische Mentalität: „Wo jeder auf sein Häusle spart, hat er auch nichts zu kauen. Und wenn er 40, 50 ist, dann fängt er an zu bauen. Doch wenn er endlich fertig ist, schnappt ihm das Arschloch zu. Oh, Schwabenland, gelobtes Land, wie wunderbar bist du.“ Schauspiel Stuttgart - Foto: Björn Klein Bild in Detailansicht öffnen
In einer rasanten Revue bringt Regisseur Gernot Grünewald, selbst in Stuttgart geboren, das Leben des vielseitigen schwäbischen Dichters auf die Bühne. Mit gleich vier sehenswerten Schauspielern mit Schnauzer und typischer Strickjacke als Thaddäus Troll (Jannik Mühlenweg, Sebastian Röhrle, Benjamin Pauquet und Giovanni Funiati). Schauspiel Stuttgart - Foto: Björn Klein Bild in Detailansicht öffnen
In der Nachkriegszeit hält er den Schwaben den Spiegel vor. Geprägt vom Pietismus waren sie dem Vergnügen eher abgewandt, auf gut schwäbisch: „verhockt“. Aber auch rebellisch, wenn sie nur einen Herrn über sich anerkennen, nämlich Gott. Schauspiel Stuttgart - Foto: Björn Klein Bild in Detailansicht öffnen
Wenn es um Trolls umstrittene Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg geht, schlüpfen die Schauspieler in Soldatenuniformen (Sebastian Röhrle und Benjamin Pauquet). Dann schreibt der junge Soldat, der eigentlich Hans Bayer heißt: „Der Krieg ist schrecklich und doch merkwürdig faszinierend und mitreißend, ich hätte um der Menschheit willen keinen stärkeren Wunsch, als dass er bald beendet sei.“ Schauspiel Stuttgart - Foto: Björn Klein Bild in Detailansicht öffnen
Als Kriegsberichterstatter ist Hans Bayer mit einer Sondereinheit unterwegs, die Kriegspropaganda betreibt. Doch seinen Tagebüchern vertraut er die kaum zu ertragenden Grausamkeiten an, die er an der Ostfront wirklich erlebt. Nach dem Krieg schweigt er darüber. Schauspiel Stuttgart - Foto: Björn Klein Bild in Detailansicht öffnen
Rückblickend sagt Thaddäus Troll alias Hans Bayer (Sebastian Röhrle) über diese Zeit: „Ich flüchte vor dem Gedanken, dass ich damals feige war. Wenn nur ein paar Tausend meines Schlages aufgestanden wären, dann wäre der Nationalsozialismus nicht gekommen.“  Später engagiert er sich für den Wahlkampf von Willy Brandt. Über Politik schreiben will er nicht. Schauspiel Stuttgart - Foto: Björn Klein Bild in Detailansicht öffnen
Der Feuilletonist Hans Bayer ist kein Held. Wenn er kämpft, dann mit den Waffen der Kritik oder der Satire. Bei näherer Betrachtung findet er die Welt zum Lachen, aber das, was die Menschen aus ihr gemacht haben, zu ernst zum Heulen. Er kann sich vor Verzweiflung nur dann retten, wenn er die Welt heiter betrachtet. Schauspiel Stuttgart - Foto: Björn Klein Bild in Detailansicht öffnen
Wie zwiegespalten Bayer bzw. Thaddäus Troll war, zeigt auch die Bühne, die den Raum und die Zuschauer in zwei Hälften teilt. Hinter Glaskabinen tippt der Kriegsberichterstatter, mitunter blutverschmiert, schwitzend, mit Dreck überzogen, auf der Schreibmaschine. Auf der anderen Seite eine Greenbox. Schauspiel Stuttgart - Foto: Björn Klein Bild in Detailansicht öffnen
Grandiose Effekte entstehen hier. Zum Beispiel legen sich die vier Troll-Darsteller auf den Boden (Sebastian Röhrle, Giovanni Funiati, Jannik Mühlenweg und Benjamin Pauquet), formiert wie Fallschirmspringer. Dank des Filmhintergrundes scheint es, als ob sie über Stuttgart fliegen. Mit Hilfe einer Videoleinwand lässt sich das auf jeweils beiden Seiten verfolgen. Schauspiel Stuttgart - Foto: Björn Klein Bild in Detailansicht öffnen
Alles jedoch vermag diese Inszenierung nicht zu erzählen. Den Tod von Thaddäus Troll (hier: Sebastian Röhrle), der 1980 schwer depressiv Selbstmord beginnt, erklingt ironisch aus dem Off: „Um die heutige Beerdigung komme ich mit dem besten Willen nicht herum, wohl aber kann ich Euch und mir, die elendigen Beschönigungen eines Nachrufs ersparen, perfekt war er nie, eher imperfekt.“  Dennoch: Ein Theaterabend mit einer insgesamt gelungenen Annäherung an Thaddäus Troll. Schauspiel Stuttgart - Foto: Björn Klein Bild in Detailansicht öffnen
Dauer

„Thaddäus Troll – kein Heimatabend“ von Gernot Grünewald am Schauspiel Stuttgart, unter Verwendung von Texten von Hans Bayer/Thaddäus Troll. Die nächsten Aufführungen am 6., 7. und 8. Mai sowie am 23., 25. und 26. Juli.

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