Theater Berlinern im Labor: „Die Ratten“ in Frankfurt

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Dauer
Sendedatum
Sendezeit
12:40 Uhr
Sender
SWR2

Ursprünglich stand ein Stück von Regisseurin Mateja Koleznik zur Saisoneröffnung am Frankfurter Schauspiel auf dem Programm. Doch nach der Erkrankung Kolezniks sprang Felicitas Brucker kurzfristig ein und inszeniert den Klassiker „Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann in der Sterilität eines Labors. Verarmung und Elend, die das Drama schildern möchte, bleiben ausgespart. So kann keine psychologische Tiefe entstehen.

Theater "Die Ratten" von Gerhart Hauptmann am Schauspiel Frankfurt

"Die Ratten" von Gerhart Hauptmann am Schauspiel Frankfurt (Foto: Schauspiel Frankfurt / Foto: Birgit Hupfeld)
Im Mittelpunkt des Dramas steht eine Frau, die sich nichts sehnlicher wünscht als ein Kind: Putzfrau Henriette John hat ihr Erstgeborenes wenige Tage nach der Geburt verloren und bleibt danach kinderlos. Sie trifft auf das polnische Dienstmädchen Pauline, das ungewollt schwanger ist, und sich in einer Zwangslage befindet. Schauspiel Frankfurt / Foto: Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Frau John überredet Pauline, das Baby zu bekommen und es ihr nach der Entbindung zu überlassen. Vor ihrem Mann behauptet sie, es sei das gemeinsame leibliche Kind. Der glaubt es, denn als Maurerpolier ist er häufig auf Montage. Schon bald droht das Lügenkonstrukt zu zerbrechen. Den düsteren Soundtrack zum Drama liefert ein Live-Gitarrist. Schauspiel Frankfurt / Foto: Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Gerhart Hauptmanns Stück „Die Ratten“ beruht auf einem Zeitungsbericht von 1907. Er siedelte die Handlung in einer heruntergekommenen Berliner Mietskaserne an. Regisseurin Felicitas Brucker verzichtet darauf, das Elend zu illustrieren. Sie lässt die Schauspieler auf einer gläsernen Drehbühne agieren, die sich anfangs nur millimeterweise bewegt. Schauspiel Frankfurt / Foto: Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Alle Figuren werden permanent ausgestellt, niemand tritt auf oder ab. Schauspieler, die gerade nicht an der Handlung beteiligt sind, bewegen sich im durchsichtigen Rund, oftmals im Zeitlupentempo. Schauspiel Frankfurt / Foto: Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Dem tragischen Handlungsstrang rund um die Kindesentführung stellt Hauptmann einen komödiantischen Teil gegenüber. Die Inszenierung zeigt hier zum Teil schrille Figuren, die sich selbst karikieren und - dicht am Original - die Nähe zum Expressionismus andeuten. Schauspiel Frankfurt / Foto: Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Der ehemalige Theaterdirektor Hassenreuter ist arbeitslos. Er vergnügt sich mit seiner Geliebten, hängt den Ideen des klassischen Theaters nach. Dafür erntet er Kritik von seinem exaltierten Schauspielschüler Erich Spitta. Schauspiel Frankfurt / Foto: Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Dramaturg Alexander Leiffheidt hat den Originaltext verschlankt. Er hat einige moderne Textpassagen eingeflochten, die allerdings etwas bemüht wirken. Schauspiel Frankfurt / Foto: Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Für „Die Ratten“ hat Felicitas Brucker das Theater in ein Labor verwandelt - und vielleicht wirkt die Inszenierung genau deshalb seltsam steril. Im Gegensatz zu Hauptmann zeigt sie keine Verarmung und kein Elend. Schauspiel Frankfurt / Foto: Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Aus dem Originaltext hat die Regisseurin jedoch den Berliner Dialekt der Unterschichtsfiguren übernommen. Diese Kunstsprache bleibt über zwei Stunden hinweg schwer verständlich und wirkt dadurch wie eine Barriere. Schauspiel Frankfurt / Foto: Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Den Schauspielern kann man keinen Vorwurf machen: Sie agieren engagiert. Und doch will - trotz des zutiefst menschlichen Dramas - keine psychologische Tiefe entstehen. Schauspiel Frankfurt / Foto: Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen

„Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann in der Inszenierung von Felicitas Brucker am Schauspiel Frankfurt. Die nächsten Vorführungen am 9., 15., 22. und 23. September 2019.

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