Theater Basel: Querelen um die Livestream Aufführung Stockhausens "Donnerstag aus Licht" im Internet

Kulturthema am 30.9.2016 von Bernd Künzig

Die Stockhausen-Stiftung wacht über das Werk des Meisters

Die Lage ist klar: Wer ein Werk des 2007 verstorbenen Komponisten Karlheinz Stockhausen aufführen will, muss sich in irgendeiner Art und Weise mit dessen in Kürten ansässiger Stiftung einigen. Sie verwaltet nämlich das künstlerische Erbe und wacht mit Argusaugen und –ohren über die Interpretationen. Dies galt auch für das Theater Basel, welches in der gerade begonnen Spielzeit ihre von Publikum und Kritik gefeierte Aufführung von Stockhausens Musiktheater "Donnerstag aus Licht" als Wiederaufnahme im Programm hat.

Morgen soll die Aufführung nun auch ab 16 Uhr im Internet live übertragen werden. Obwohl das Theater Basel einen Aufführungsvertrag geschlossen hat, wurde es jetzt durch das Veto der Stiftung überrascht. Die hatte bis heute rechtliche Schritte in Aussicht gestellt, um die Übertragung zu unterbinden.

Das hat zunächst formale Gründe: der Livestream wurde nämlich nur mündlich sowie per Mail vereinbart, ist aber nicht Gegenstand des eigentlichen Vertrags. Doch das ist nur der juristische Vorbehalt.

Künstlerischen Einwände gegen eine Übertragung im Internet

Schwerwiegender sind die künstlerischen Einwände der Stiftung. Denn Stockhausen hat in seinen Partituren fast alles akribisch festgelegt: als Gesamtkunstwerker regelte er darin nicht nur die musikalische Interpretation, sondern auch das Szenische Drumherum, vom Bühnenbild über die Kostüme bis hin zu den auszuführenden Gesten. Und dass alles so umgesetzt wird, wie der Meister sich das einst ausgedacht hat, darüber wacht die Stiftung.

Stockhausens frühere Soloflötistin Kathinka Paasver, selbst Stiftungsmitglied, hat diese Aufgabe am Theater Basel übernommen und auch bei der Umsetzung der elektronischen Zuspielungen mitgewirkt. Nur die Inszenierung der Regisseurin Lydia Steier stieß nicht auf Zustimmung bei den gestrengen Erbverwaltern. Deshalb wollte man zunächst die vorgebliche szenische Missachtung der Anweisungen des Komponisten nicht noch zusätzlich über das Internet verbreitet wissen.

Die beanstandete Inszenierung wurde prämiert

Das Pikante an diesem künstlerischen Streit: Gestern gab die Zeitschrift Opernwelt mit ihrer jährlichen Kritikerumfrage bekannt, dass ausgerechnet die Basler Wiedergabe von "Donnerstag" zur Aufführung des Jahres gekürt wurde. Jetzt hat sich das Theater Basel mit der Stockhausen-Stiftung geeinigt. Der Livestream kann morgen im Internet über die Bühne gehen. Die Stiftung selbst erhält Gelegenheit auf der gleichen Onlineseite, ihre Bedenken und Vorbehalte gegen die Inszenierung zu äußern. Die Nutzer haben die Möglichkeit, dies parallel zum szenischen und akustischen Geschehen zu lesen.

Die Stiftung kann ihre Einwände auch online formulieren

Laut einer Pressemitteilung des Theaters hat man damit eine Vereinbarung im Guten gefunden. Eine geradezu salomonische Entscheidung. Bleibt natürlich noch die Frage offen, wie das Werk Stockhausens in Zukunft weitergedacht werden kann, ohne dass der Segen des Meisters über den Aufführungen schwebt. Derartige Probleme sind auch beim Schauspiel bekannt. Man denke allein an die Verhandlungen mit den Erben Bertolt Brechts, die zuletzt die gefeierte Inszenierung des "Baal" durch Frank Castorf nur in limitierter Auflage gestatteten.

Letztlich könnte das Urheberrecht solche Probleme klären. Denn in 61 Jahren sind die Werke Stockhausens frei und man kann sich ihrer ohne Beteiligung von dessen gestrenger Stiftung annehmen.

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