b41-Tanzabend an der Oper Düsseldorf (Foto: Oper Düsseldorf/Gert Weigelt)

Tanz „Cellokonzert“: Grandioser Endspurt von Martin Schläpfer in Düsseldorf

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Die Choreographie „Cellokonzert“ mit Musik von Dmitrij Schostakowitsch ist die letzte Uraufführung von Martin Schläpfer in Düsseldorf vor seinem Wechsel zur Staatsoper in Wien. Sie gehört zum mehrteiligen Tanzabend „b.41” mit weiteren Inszenierungen von Jiří Kylián und Martha Graham. Wir sehen ein grandioses Ensemble in Bestform.

Tanz „Cellokonzert“: Grandioser Endspurt von Martin Schläpfer in Düsseldorf

b41-Tanzabend an der Oper Düsseldorf (Foto: Oper Düsseldorf/Gert Weigelt)
Brechende Wellen einer rauen See, tosender Wind am einsamen Strand, auf den sich eine Gruppe von Tänzern langsam zu bewegt. Fast 40 Jahre nach der Uraufführung am Stuttgarter Ballett hat Kylians Arbeit „Forgotten Land“ über Werden und Vergehen nichts an ihrer Wirkung verloren. Oper Düsseldorf/Gert Weigelt Bild in Detailansicht öffnen
Zu teils erbarmungslosen Tönen von Benjamin Brittens Komposition „Sinfonia da Requiem“ setzt das Ballett am Rhein die Zeitlosigkeit von Kilians Gedanken in makellose expressive Tanzkunst um. Wie aufgeschreckte Vögel strecken die Tänzer mit dem Rücken zum Publikum ihre Arme leicht gekrümmt nach außen, den Kopf nach unten geneigt. Oper Düsseldorf/Gert Weigelt Bild in Detailansicht öffnen
Inspiriert war Kilian auch von Edward Munchs Gemälde „Tanz des Lebens“, in dem dieser seine große Liebe in drei Phasen festhält. Kilian stellt wie er drei Frauengestalten in den Mittelpunkt. In weit schwingenden roten, weißen und schwarzen Kostümen, die die Tänzerinnen sanft umspielen wie Wellen im Wasser, durchleben sie zu melancholischen Tönen den Zyklus von Leben und Tod, bevor sie am Ende in einem Reigen verschmelzen. Oper Düsseldorf/Gert Weigelt Bild in Detailansicht öffnen
Der Mittelteil des Abends ist Martha Graham gewidmet. Die amerikanische Choreografin revolutionierte Mitte der 1920er Jahre den Tanz und brach mit vielen bislang maßgeblichen Kriterien. Sie hinterfragte sowohl das als „ideal“ propagierte Bild der klassischen Ballerina, als auch des traditionellen Balletts. Oper Düsseldorf/Gert Weigelt Bild in Detailansicht öffnen
Ein Beispiel: „Lamentation“, ein nur vierminütiges Solo. Martin Schläpfer überlässt diesen Part seiner langjährigen Tänzerin Camille Andriot, Sie ist in einen körperlangen elastischen Schlauch gewickelt und vollführt eine Art Mumientanz. Vor hundert Jahren war das ein Skandal. Oper Düsseldorf/Gert Weigelt Bild in Detailansicht öffnen
Yuko Kato steht aufrecht aber mit beinahe rechtwinklig geneigtem Kopf vor ihrem Partner (Calogero Failla). Eine Geste der Demut, vielleicht auch der Wunsch nach Harmonie. Später wird eine ganze Reihe Tänzer diese Haltung einnehmen und innehalten. Gert Weigelt / Oper am Rhein Bild in Detailansicht öffnen
Vor einer riesigen Spirale im Hintergrund liegen Trümmer. Vielleicht muss man sie überwinden, um dem Weg der Spirale zu folgen. Diese Frage wird Martin Schläpfer nur stellen, nicht beantworten. Gert Weigelt / Oper am Rhein Bild in Detailansicht öffnen
Seine mit leichter Hand choreografierte tänzerische Dynamik ohne eigentliche Handlung zerbricht Martin Schläpfer dabei immer wieder in einzelne Fragmente. - Auf dem Bild: Chidozie Nzerem und So-Yeon Kim Gert Weigelt / Oper am Rhein Bild in Detailansicht öffnen
Dazwischen montiert er Zitate aus dem klassischen Ballett oder der Ballettgeschichte, die in seiner anspruchsvollen zeitgenössischen Tanzsprache wie kleine Ausrufezeichen aufblitzen. Etwa Battements, bei der die Tänzer einen Fuß schnell gegen das Standbein klopfen lassen. Gert Weigelt / Oper am Rhein Bild in Detailansicht öffnen
Oder er lässt Marcos Menha in der Pose von Nijinskys Faun in die Knie gehen. Gert Weigelt / Oper am Rhein Bild in Detailansicht öffnen
Das Cellokonzert ist mit seinen Soli, Duetten, Trios und Ensemblevarianten auf Spitze oder flacher Sohle nicht nur technisch fast unverschämt facettenreich und komplex, sondern wirbelt durch die schnellen montageartigen Wechsel aufkommende melancholische Gefühle kräftig durcheinander. - Auf dem Bild: Daniel Vizcayo, Aleksandra Liashenko, Edward Cooper und Sinthia Liz Gert Weigelt / Oper am Rhein Bild in Detailansicht öffnen
Wir sehen ein grandioses Ensemble in Bestform. Der Vorhang fällt, während ein Teil der Gruppe, die sich zusammengefunden hat, im Dunkeln verschwindet. Die anderen bleiben auf der Bühne in Bewegung. Alles ist im Fluss und muss sich erst wiederfinden. Gert Weigelt / Oper am Rhein Bild in Detailansicht öffnen
Und so spielt ein bisschen Martin Schläpfers eigener Weg mit in das Cellokonzert hinein. Denn nur ein Teil der herausragenden Kompanie wird mit nach Wien gehen. Dort wartet das 100-köpfige Wiener Staatsballett auf den Schweizer. Eine steile Karriere, die am Staatstheater Mainz ihren Anfang nahm. - Auf dem Bild: Calogero Failla, Yuko Kato Gert Weigelt / Oper am Rhein Bild in Detailansicht öffnen

Vor 20 Jahren begann der kometenhafte Aufstieg des Schweizer Choreografen Martin Schläpfer am Mainzer Staatstheater. Nach zehn Jahren „Ballettwunder am Rhein“ zog der heute 59-Jährige mit fast der ganzen Kompanie nach Düsseldorf. Dort führte er das Ballett an die Spitze der führenden Kompanien Europas. Ab 2020 übernimmt er das Ballett der Staatsoper in Wien. In der verbleibenden halben Spielzeit zeigt er Highlights seiner Zeit in Düsseldorf.

„Cellokonzert“. Tanzabend von Martin Schläpfer am der Oper Düsseldorf. Die nächsten Aufführungen am 29. und 30. November sowie am 19. Dezember 2019.

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