Shakespeare am Schauspiel Stuttgart Eine einzige schöne Liebesszene

Shakespeare am Schauspiel Stuttgart Eine einzige schöne Liebesszene

Szene aus "Romeo und Julia" am Schauspiel Stuttgart (Foto: Pressestelle, Schauspiel Stuttgart - Foto: Thomas Aurin)
Es war fast zu erwarten, dass der Regisseur Oliver Frljic die Shakespeare-Vorlage völlig zertrümmern würde. Seine Inszenierung mischt Szenen aus allen Phasen des Stücks wild durcheinander und ersetzt den politischen Familienzwist der Montagues und Capulets durch einen anderen Konflikt: den zwischen Homo- und Heterosexualität. Pressestelle Schauspiel Stuttgart - Foto: Thomas Aurin
Romeo ist zunächst dem Tybalt, einem Vetter der Julia, homoerotisch zugetan. Ja, genau dem, den er später totschlagen wird. In einem wilden Vor-Spiel küssen die beiden sich mit Ausdauer und lassen schon mal die Hosen runter, bevor Romeo sich eines anderen und vielleicht nicht unbedingt besseren besinnt: er liebe eine Frau, verkündet er – wie fast immer in dieser Inszenierung: schreiend – seinem Lover.Auf dem Bild: David Müller als Tybalt, Romeo Jannik Mühlenweg, außerdem Valentin Richter als Benvolio und Christoph Jöde als Mercutio. Pressestelle Schauspiel Stuttgart - Foto: Thomas Aurin
Klar ist also schon ganz am Anfang, dass die Leidenschaft hier alle Beteiligten in wüste Körper-Ekstasen forttragen wird. Klar ist auch, dass Liebe und Tod innig mit einander verschwistert sind, denn auch der Orgasmus ist ein kleiner Tod, und der ganze erste Teil findet auf einem Friedhof statt.Auf dem Bild Nina Siewert als Julia und Gabriele Hintermaier als Lady Capulet. Pressestelle Schauspiel Stuttgart - Foto: Thomas Aurin
Überhaupt wird viel Wert auf optische Effekte gelegt: die Kosten für die teuren Spiegelwände, vor und hinter denen die Liebenden und ihre Gegner Versteck spielen, entsprechen nicht annähernd der Quantität an Gehirnschmalz, die in der Aufführung steckt.Auf dem Bild: Julia Siewert (Julia) und Benjamin Pauquet als Graf Paris. Pressestelle Schauspiel Stuttgart - Foto: Thomas Aurin
Frljics weitgehend zeremonielle Gruftie-Inszenierung legt Romeo und Julia gleich zu Beginn in ihre Särge, begräbt damit aber auch das Stück. Zwar wird ausdauernd beteuert, wer liebe, reite auf Fäden durch die Luft… und könne nicht fallen. Pressestelle Schauspiel Stuttgart - Foto: Thomas Aurin
Von Liebe jedoch ist zunächst nicht viel zu sehen. Man zeigt vielmehr die Versuche von Julias Vater, die Tochter günstig zu verschachern, und die Kämpfe testosterongesteuerter Jungmannen.Auf dem Bild: Valentin Richter (Benvolio) und Christoph Jöde (Mercutio). Pressestelle Schauspiel Stuttgart - Foto: Thomas Aurin
Die Aufführung kommt erst zum Punkt, als alle rollstuhlfahrenden Familienmitglieder und putzigen Kostümträger sich verkrümelt haben und das Paar allein ist. Schauspiel Stuttgart - Foto: Thomas Aurin
Der sehnige Jannik Mühlenweg und die fordernde, ständig fallende, mit ihrer Kurzhaarfrisur wie eine Jeanne d’Arc der Leidenschaften agierende Nina Siewert spielen am Schluss eine beklemmend lange, intensive, fast sprachlose Szene, in der sie das „Liebst du mich?“ immer wieder in eine ausweglose, animalische Körperlichkeit übersetzen. Pressestelle Schauspiel Stuttgart - Foto: Thomas Aurin
Die ständig wiederholten, bisweilen nervenden Signalsätze der Inszenierung bekommen hier auf einmal einen Sinn, weil sie in eine Szene purer Liebes-Verzweiflung münden. Wegen dieser einen, unendlichen langen Szene lohnt sich die ganze Aufführung. Pressestelle Schauspiel Stuttgart - Foto: Thomas Aurin
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