Premiere "Marat/Sade" am Deutschen Theater Berlin Das Volk zwischen Barbarei und Mündigkeit

Kulturthema am 28.11.2016 von Ina Beyer

Peter Weiss' Stück "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade" - meist kurz "Marat/Sade" genannt - ist ein Drama um zwei Kontrahenten, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Marquis de Sade und Jean Paul Marat, der Wortführer der französischen Revolution. Der eine steht für puren Individualismus, der andere für politisch-sozialen Umbruch. Dazwischen: Das Volk. Brandaktuelle Themen - poppig, politisch inszeniert von Stefan Pucher am Deutschen Theater in Berlin. "Phantastisch!" meint unsere Kritikerin Ina Beyer.

Ein phantastisches Stück. Warum wird es so selten gespielt? fragt man sich. Um so mehr nach einer Inszenierung wie der von Stefan Pucher. Kongenial sinnlich wie sinnhaft setzt dieser die beiden Protagonisten - den Narziss de Sade und den Sozialisten Marat in Szene. Sprichwörtlich. Schon Peter Weiss hat in seinem komplexen Stück witzig und wortgewaltig Fakten und Fiktion, Geschichte, Philosophie und Theater geschickt verquickt.

Es geht um die Mutter der Revolutionen einst in Paris und um die Frage inwieweit betrifft uns noch dies. Was ist Veränderung damals und heute, wer ist das Volk und wer die anderen Leute.

Das Drama spielt auf mehreren zeitlichen Ebenen: Die letzte Nacht von Jean Paul Marat, Wortführer der französischen Revolution, steht im Mittelpunkt. Am 13. Juli 1793 wird er von Charlotte Corday ermordet. Diese reale Begebenheit lässt Peter Weiss als Theaterstück im Stück aufführen - inszeniert von Marquis de Sade und gespielt von den Insassen einer Irrenanstalt: dem Hospiz zu Charenton. Dort wiederum war de Sade selbst in seinen letzten Lebensjahren von 1803 bis 1814 eingesperrt. Eine weitere Zeitspanne: die Gegenwart der Zuschauer - kenntlich gemacht durch Einschübe in die Handlung.

Als Ausrufer begleitet Anita Vulesica - virtuos wie das gesamte Ensemble - durch diesen Abend, der ganz auf "Illusionen und Sensationen, originale Gespenster und Geistererscheinungen" setzt. Diese Werbeworte zieren die Wand des Varieté-Theaters, das hier nun als Bühne auf der Bühne dient. Wenn sich der Vorhang lüftet, schaut man auf eine bühnenbreite Treppe, die sich nach hinten verjüngt, rechts und links flankiert von ebenfalls nach hinten kleiner werdenden Portalen.

Sagt de Sade und ist doch auch nur ein von Geschichte und Gedanken gebeutelter Darsteller auf der Lebensbühne. Wie alle anderen auch. Jeder spielt seine Rolle. Stefan Pucher findet dafür ein so triviales wie treffendes Bild: die Schauspieler agieren als ihre eigenen Kasperlepuppen. Echt sind nur Köpfe und Oberkörper. Davor sind Kostüme und Beine in Miniaturgröße gespannt. Die Schuhe baumeln oder balancieren in Beckenhöhe sitzend agierenden Darsteller. Berückende Bewegungen und Bilder entstehen so und lassen wie nebenbei ständig das Spiel im Spiel mitlaufen. Nur der Chor, der das Volk verkörpert, ist und bleibt die ganze Zeit lebensgroß. Und was er zu sagen hat klingt in seiner Aktualität dann auch fast beängstigend realistisch. Gegenwärtig.

Aktuell bis heute auch die Thesen de Sades, der für einen bis zum äußersten geführten gewaltfreien aber restaurativen Individualismus steht und die Gedanken Marats, dem die politisch- soziale Umwälzung vor durchaus gewaltbereiten revolutionären Augen flackert. Das besondere an Stück und Inszenierung ist, dass sie auf hochpoetische Weise Welt und Geschehen fassen. Zu klugen Gedanken verdichtet und in feinsinnige Szenen überführt.

Peter Weiss hat mit Marat/Sade ein zeitlos zeitgenössisches Werk über Demokratie und Demagogie, über soziale Bewegungen und Vereinzelung, über Volkes Wut und Glut. Stefan Pucher und sein bestechendes Ensemble fächern es poppig und politisch auf. Witzig und weise. Lustig und listig. Phantastisch.

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