Opernkritik "Der Kaiser von Atlantis" am Pfalztheater Kaiserslautern

Von Ursula Böhmer

Am Pfalztheater Kaiserslautern stand mit Viktor Ullmanns Oper "Der Kaiser von Atlantis" wieder ein Werk eines von den Nazis verfemten Künstlers auf dem Spielplan. Regisseur Hansgünther Heyme will etwas zu sehr betroffen machen, meint Ursula Böhmer. Die Musik dagegen kommt lebensbejahend daher und wird sehr hörenswert präsentiert.

Ein größenwahnsinniger Kaiser wird seiner Macht beraubt – weil der Tod beschließt, niemanden mehr sterben zu lassen: Das ist Thema der Oper "Der Kaiser von Atlantis oder die Tod-Verweigerung". Das einstündige Werk schrieb der jüdische Komponist Viktor Ullmann 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt. Eine Aufführung wurde letztlich verboten – doch Ullmann konnte das Manuskript noch herausschmuggeln, bevor er 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Die Uraufführung der Oper fand trotzdem erst 1975 in Amsterdam statt.

Ein "Laut-Sprecher" im Prolog

Ein Lautsprecher stellt Stück und Figuren im Prolog der Oper vor. Tatsächlich tritt der Lautsprecher hier auch als "Laut-Sprecher" auf: Denn Bariton Bartolomeo Stasch benutzt auf der Werkstattbühne des Pfalztheaters Kaiserslautern ein altes Rundfunkmikrofon. Seine klangvoll-warme Stimme ist allerdings ein herber Kontrast zu seinen mechanisch-seelenlosen Bewegungen und der schwarzen Gestapo-Lederjacke, die er trägt.

Bilder von der Operninszenierung Viktor Ullmanns "Der Kaiser von Atlantis" am Pfalztheater Kaiserslautern

Proben zur Oper "Der Kaiser von Atlantis" (Foto: Pfalztheater Kaiserslautern - Foto: Isabelle Girard de Soucanton)
Kihoon Han (Tod), Tae Hwan Yun (Harlekin) Pfalztheater Kaiserslautern - Foto: Isabelle Girard de Soucanton Bild in Detailansicht öffnen
Bartolomeo Stasch (Lautsprecher) Pfalztheater Kaiserslautern - Foto: Isabelle Girard de Soucanton Bild in Detailansicht öffnen

Der Tod lässt niemanden mehr sterben

Puppenhaft-mechanisch tritt auch die "Trommler"-Figur auf, die in Kaiserslautern glasklar-höhensicher von Rosario Chávez gesungen wird. In einer skurrilen Moll-Version des "Deutschlandlieds" ruft sie im Namen des Kaisers zum "Krieg aller gegen alle" auf, um das vermeintlich Böse zu vernichten. Das ruft den erbosten Tod auf den Plan, der schließlich selbst entscheiden will, wann er seine Sense schwingt.

Der Südkoreaner Kihoon Han schwingt als Tod auf dem eisernen Baugerüst, das auf der Werkstattbühne steht, allerdings keine Sense, sondern ein Schwert. Denn er spielt sich hier gern als kleiner Napoleon auf, trägt entsprechend Uniformjacke mit Schulterstücken. Der Tod lässt fortan niemanden mehr sterben – hat aber die Rechnung ohne den Kaiser gemacht: Der kann den Krieg, dank der Unsterblichkeit seiner Soldaten, nun noch mehr ausschlachten.

Ein Kaiser im Größenwahn

Die Soldaten entdecken allerdings auch ihren Liebes- und Lebenshunger wieder – es kommt zur Revolte gegen den Kaiser, der sich umso mehr in seinem Größenwahn verschanzt. In Kaiserslautern hockt der Chinese Ke An als Kaiser hoch oben auf dem Eisengerüst an einem kleinen, ausklappbaren Tischchen: Ein Schreibtischtäter in Braunhemd samt Hakenkreuz-Armbinde, der fernab von der Welt nur noch über sein rotes Telefon erreichbar ist.

Am Ende muss sich der Kaiser dem Tod geschlagen geben. In Kaiserslautern ziehen daraufhin alle Darsteller ihre Kostüme aus und stehen in der Streifenkluft der KZ-Häftlinge da. Und der Tod scheucht sie von der Bühne – direkt unter die Gaskammer-Dusche. Die Dusche ist am Ende aber ein bisschen des Guten zu viel.

Inszenierung setzt zu viel auf Betroffenheit

Regisseur Hansgünther Heyme will betroffen machen – zumal die Inszenierung in Kooperation mit der Aktion "Ludwigshafen setzt Stolpersteine" läuft. Das gelingt ihm mit den einfachen Mitteln des Stegreiftheaters auch sehr gut. Doch letztlich fällt die Utopie von einer humanen Friedenswelt, die Viktor Ullmann mit seiner Oper allen Widrigkeiten entgegensetzen wollte, damit ganz unters Gerüst.

Ullmanns Musik spricht da eine andere Sprache – ein bei aller Melancholie lebensbejahendes Konglomerat aus Tanzmusik, Anklängen an Gustav Mahler und Luther-Choral, das die Mitglieder des Pfalztheater-Orchesters unter Dirigent Uwe Sandner hier absolut hörenswert umsetzen.

Wiedergutmachung für verfemte Komponisten

Seit 2008 findet sich im Pfalztheater Kaiserslautern jährlich mindestens ein Werk eines von den Nazis verfemten Künstlers im Spielplan. Mit Viktor Ullmanns Oper "Der Kaiser von Atlantis" wurde diese Reihe nun fortgesetzt. Max Knieriemen hatte der Genese dieser Reihe in Kaiserslautern und in den Archiven vorab nachgestöbert.

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Regisseur Hansgünther Heyme über "Der Kaiser von Atlantis"

Hansgünther Heyme ist der Regisseur von "Der Kaiser von Atlantis" am Pfalztheater in Kaiserslautern. Bei der Inszenierung war ihm wichtig, dass die sechs Gesangspartien von nicht-deutschen Sängern vorgetragen werden.

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