Oper Wie Begleitmusik eines schlechten Videoclips: Puccinis „Turandot“ in Karlsruhe

AUTOR/IN
Dauer
Sendedatum
Sendezeit
6:00 Uhr
Sender
SWR2

Giacomo Puccinis letzte, bei seinem Tod 1924 unvollendet hinterlassene Oper „Turandot“ ist den meisten vor allem durch die Arie des Prinzen Calaf, „Nessun dorma“, bekannt. Sei es in Telekom-Werbefilmen oder als Handyklingelton – die multimediale Prasenz dieses Gassenhauers der klassischen Musik ist eine Steilvorlage für das Badische Staatstheater Karlsruhe, sich Puccinis letzter Oper mit digitalen Medien anzunähern.

In der Inszenierung des Mailänder Opernregisseurs Fabio Cherstich wird auf der Vorderbühne gesungen, während auf der Videoleinwand eine krude Mischung aus schlecht animierte Gewaltszenen und bonbonfarbenen Dystopien läuft, die Puccinis Oper zur Begleitmusik eines schlechten Videoclips reduziert. Wenn Oper im digitalen Zeitalter so aussehen soll, dann wäre diese besser im analogen verblieben.

„Turandot“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe

„Turandot“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe (Foto: Badisches Staatstheater Karlsruhe / Falk von Traubenberg)
Der Hit in Giacomo Puccinis Oper wird auch am Badischen Staatstheater in Karlsruhe – wie zumeist – falsch gesungen. Rodrigo Porras Garulo als Calaf verharrt auf dem höchsten Ton. Er hat das stimmliche Format dazu und sieht auch noch blendend aus: tosender Szenenapplaus. Nur hat Puccini das so nicht geschrieben. Im Bild: Rodrigo Porras Garulo (Calaf) Badisches Staatstheater Karlsruhe / Falk von Traubenberg Bild in Detailansicht öffnen
Johannes Willig am Pult ist nicht der Dirigent, der dem tenoralen Imponiergehabe etwas entgegen zu setzen hätte. Er schlägt sich durch die Partitur, überwiegend zu laut und undifferenziert. Da ist nichts zu hören von der feinen Instrumentationskunst des späten Puccini. Das Gongspiel geht ebenso unter wie die Saxophone auf der Bühne bei der erstmals mit dem Kinderchor erklingenden chinesischen Auftrittsmelodie der Turandot. Im Bild: Staatsopernchor, Cantus Juvenum e.V. Badisches Staatstheater Karlsruhe / Falk von Traubenberg Bild in Detailansicht öffnen
Die Rollen sind gut besetzt mit Elena Mikhailenko in der Titelpartie, die Minister Ping, Pang, Pong mit Edward Gauntt, Klaus Schneider und Matthias Wohlbrecht oder Seung-Gi Jung als Mandarin. Lediglich Agnieszka Tomaszewkas Liù fehlt das lyrisch Schwebende. Im Bild: Elena Mikhailenko (Turandot), Staatsopernchor. Badisches Staatstheater Karlsruhe / Falk von Traubenberg Bild in Detailansicht öffnen
Von Rollengestaltung kann keine Rede sein. Das liegt auch an der Regie von Fabio Cherstich, wenn man sie denn so nennen will. Es wird rumgestanden oder feierlich geschritten, um die Oper als szenisches Oratorium zu präsentieren, wodurch die Solisten in die klischeehaftesten Sängerposen fallen. Badisches Staatstheater Karlsruhe / Falk von Traubenberg Bild in Detailansicht öffnen
Für die Psychologie interessiert sich Cherstich gar nicht. Warum Turandot nicht heiraten will, durch unlösbare Rätselaufgaben zum männermordenden Ungeheuer ihrer Freier wird und ein Terrorregime errichtet? Warum Calaf ihr dennoch verfällt, Liù sich opfert und die eisumgürtete Prinzessin am Ende doch zu lieben lernt? Diese Fragen bleiben Rätsel, wie die der Turandot. Im Bild: Rodrigo Porras Garulo (Calaf), Kammersänger Klaus Schneider, Matthias Wohlbrecht, Staatsopernchor Badisches Staatstheater Karlsruhe / Falk von Traubenberg Bild in Detailansicht öffnen
Gesungen wird vor allem auf der Vorderbühne und an der Rampe. Das führt bei der langen Schlussszene zu einem Wettstreit der Stimmgewalt von Calaf und Turandot. Das Rampensingen liegt an den vier Leinwänden, die den Bühnenraum verengen. Auf ihnen ist als Dauerprojektion ein Video in Bonbonfarben der russischen Ausstatter AES + F zu sehen. Badisches Staatstheater Karlsruhe / Falk von Traubenberg Bild in Detailansicht öffnen
Die Dystopie eines zukünftigen Chinas, eine krude Mischung aus Metropolis, dem Wüstenplaneten, Star Wars, Matrix und Mad Max, die als Unterwäschewerbung hübsch anzusehender Models mit einem blinzelnden Buddhamädchen endet. Dazwischen schlecht animierte Gewaltszenen von Männern gegen Frauen. Im Bild: Staatsopernchor Badisches Staatstheater Karlsruhe / Falk von Traubenberg Bild in Detailansicht öffnen
Die Dystopie eines zukünftigen Chinas, eine krude Mischung aus Metropolis, dem Wüstenplaneten, Star Wars, Matrix und Mad Max, die als Unterwäschewerbung hübsch anzusehender Models mit einem blinzelnden Buddhamädchen endet. Dazwischen schlecht animierte Gewaltszenen von Männern gegen Frauen. Im Bild: Agnieszka Tomaszewska, Vazgen Gazarya, Rodrigo Porras Garulo Badisches Staatstheater Karlsruhe / Falk von Traubenberg Bild in Detailansicht öffnen
Das reduziert Puccinis Oper zur Begleitmusik eines schlechten Videoclips. Hinzu kommen scheußliche Kostüme: Liù als Krankenschwester, Calafs Vater Timur in Gaddafi-Paradeuniform, der Sohn im Söldnerlook mit Tarnhemd, Khakihose und martialischen Posen. Turandot selbst wirkt mit ihren langen blonden Zöpfen wie eine sich in die Chinoiserie verirrende Brünhilde. Im Bild: Elena Mikhailenko (Turandot), Staatsopernchor Badisches Staatstheater Karlsruhe / Falk von Traubenberg Bild in Detailansicht öffnen
Wenn Oper im digitalen Zeitalter so aussehen soll, dann wäre diese besser im analogen verblieben. Vielleicht ist das aber auch zu hoch gehängt. Möglicherweise wäre es besser gewesen, wenn die Stars der visuellen Szene in der selbsternannten Hauptstadt der Medienkunst bei dem geblieben wären, was sie wirklich können. Oper scheint es nicht zu sein. Badisches Staatstheater Karlsruhe / Falk von Traubenberg Bild in Detailansicht öffnen

Kunscht!-Autor Niko Vialkowitsch ist angetan von dem Karlsruher Experiment

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
22:45 Uhr
Sender
SWR Fernsehen

„Turandot“ von Giacomo Puccini in der Inszenierung von Fabio Cherstich läuft noch bis zum 24.7. am Badischen Staatstheater Karlsruhe.

AUTOR/IN
STAND