Oper Ein scheußlicher „Falstaff“ von Giuseppe Verdi an der Oper Freiburg

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Sendezeit
12:33 Uhr
Sender
SWR2

Giuseppe Verdis Falstaff, Hauptfigur der gleichnamigen Oper, ist ein Gewaltmensch, ein menschlicher Parasit, der zum Schluss als armes Würstchen im Keller endet. Verdis letzte Oper ist eine heitere Boulevard-Kömodie mit einer tiefen menschlichen Wahrheit. Anna-Sophie Mahler hat den Stoff in Freiburg jedoch bleiernd und todernst inszeniert. Die kritische Lesart von Verdis letzter Oper in Freiburg geht weder szenisch noch musikalisch auf, findet SWR2-Musikredakteur Bernd Künzig.

Oper Giuseppe Verdis „Falstaff“ an der Oper Freiburg

Falstaff am Theater Freiburg (Foto: Foto: Paul Leclaire)
Giuseppe Verdis Falstaff ist ein Störenfried. Eine Figur, die Unruhe in eine zu selbstverständlich wirkende bürgerliche Ordnung bringt. Im Bild: Anja Jung (Quickly) und Juan Orozco (Falstaff). Foto: Paul Leclaire Bild in Detailansicht öffnen
Falstaff ist als Parasit in Fords Haus eingezogen und will nun auch an dessen Frau und das Geld heran. Ein Gewaltmensch, der zum Schluss als armes Würstchen im Keller endet. Im Bild: Irina Jae-Eun Park (Alice) und Juan Orozco (Falstaff) Foto: Paul Leclaire Bild in Detailansicht öffnen
In Verdis „Fastaff“ steckt eine tiefe menschliche Wahrheit. Das heißt aber nicht, dass diese musikalische Komödie eine todernste Angelegenheit sei. Zu dieser wird der „Falstaff“ aber in Anna-Sophie Mahlers Inszenierung am Theater Freiburg: eine musikalische Komödie, die mit Bleifüßen einherstapft. Im Bild: Juan Orozco (Falstaff) Foto: Paul Leclaire Bild in Detailansicht öffnen
Nach einem zwei Akte anhaltendenden Karneval aberwitziger Kostüme wartet die Inszenierung mit dem scheußlichsten dritten Akt auf, der dem „Falstaff“ jemals angetan wurde. In einem Unterwäsche-Spektakel wird dem armen Falstaff von den ausrastenden Bürgern eine derart sadistische Gewalt angetan – Weichspüler aus dem Waschkeller eingeflößt –, dass einem nun wirklich das Lachen vergeht. Im Bild: Juan Orozco (Falstaff), Rossen Krastev (Pistola), Junbum Lee (Bardolfo), Opernchor des Theater Freiburg Foto: Paul Leclaire Bild in Detailansicht öffnen
Vielleicht eine feministische Kritik am irrtümlichen Frauenhelden und der unter der bürgerlichen Fassade schlummernden Männergewalt? Das bleibt reine Spekulation. Verdis geniale Schlussfuge wird denn auch von den Solisten und dem Chor geradezu ins Parkett gebrüllt: Hier ist eben nicht alles Spaß auf Erden, obwohl das im Text so steht. Im Bild: Inga Schäfer (Meg), Irina Jae-Eun Park (Alice), Samantha Gaul (Nannetta), Martin Berner (Ford) und Roberto Gionfriddo (Cajus) Foto: Paul Leclaire Bild in Detailansicht öffnen
Die Inszenierung ist auch deswegen so gar nicht heiter, weil Dirigent Fabrice Bollon dem Philharmonischen Orchester Freiburg einen absurd langsamen „Falstaff“ aufzwingt. Dass Verdis meistgebrauchte Tempovorschrift der Partitur „Allegro“ lautet, also schnell und heiter, ist kaum zu ahnen. Im Bild: Irina Jae-Eun Park (Alice) Foto: Paul Leclaire Bild in Detailansicht öffnen
Sicher hat man selten so viele ausgeleuchtete orchestrale Details gehört, dafür muss das Orchester aber ungemein forcieren. Was auf der Bühne zu einem regelrechten Gebrüll im ersten Bild führt. Das schleppende Tempo bringt außerdem auch Wackler zwischen Graben und Bühnenensemble mit sich. Im Bild: Junbum Lee (Bardolfo), Rossen Krastev (Pistola), Roberto Gionfriddo (Cajus), Martin Berner (Ford), Opernchor des Theater Freiburg. Hinten: Juan Orozco (Falstaff) und Irina Jae-Eun Park (Alice) Foto: Paul Leclaire Bild in Detailansicht öffnen
Verdis „Falstaff“ ist nun einmal keine Vokalsinfonie, sondern eine musikalische Komödie, bei der ein frisches Tempo entscheidend ist für die brillante Parlando-Technik des Ensembles. Das geht in der orchestralen Wucht unter. Im Bild: Martin Berner (Ford), Roberto Gionfriddo (Cajus) und Junbum Lee (Bardolfo) Foto: Paul Leclaire Bild in Detailansicht öffnen
Das alles ist umso bedauerlicher, weil Juan Orozco einen ganz famosen Falstaff singt. Auch Martin Berner gibt als Ford einen stimmschönen Gegenspieler auf vergleichbarem Niveau. Im Bild: Juan Orozco (Falstaff) und Martin Berner (Ford) Foto: Paul Leclaire Bild in Detailansicht öffnen
Das so wichtige Quartett der Frauen kann da nicht ganz mithalten. Vielleicht, weil Bollon sich allzusehr in den Orchesterdetails der Partitur verliert. Die doppelt kritische Lesart von Verdis letzter Oper in Freiburg geht weder szenisch noch musikalisch auf. Im Bild: Inga Schäfer (Meg) und Irina Jae-Eun Park (Alice) Foto: Paul Leclaire Bild in Detailansicht öffnen
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