"Mount Olympus" beim Festival Foreign Affairs der Berliner Festspiele 24-Stunden griechische Ausnahmezustände

Kulturthema am 29.6.2015 von Oliver Kranz

Eine ziemlich außergewöhnliche Theaterpremiere gab es am Wochenende in Berlin. Im Haus der Berliner Festspiele erlebte die Produktion "Mount Olympus" ihre Uraufführung – eine 24-Stunden-Performance zum Thema griechische Tragödie. Für Zuschauer, die rund um die Uhr dabei sein wollten, standen Feldbetten im Foyer, auf der Wiese vor dem Theater durfte gezeltet werden.

Am Ende bebte der ganze Saal. Es hatte schon während der Aufführung immer wieder Szenenapplaus gegeben, am Schluss hielt es niemand mehr auf den Sitzen. Dabei war "Mount Olympus" keine leichte Kost – eine Aufführung, die man eher spüren, als intellektuell begreifen kann. Jan Fabre hat Fragmente antiker Tragödien zusammenmontiert, erzählt aber keine Geschichte.

Zentralfigur ist Dionysos, der Gott des Weines, der Fruchtbarkeit und der Ekstase. Aus dem Kult zu seinen Ehren entstand im antiken Griechenland das Theater. In der Aufführung ist er ein beleibter Mann, der seinen Bauch im Rhythmus der Technobeats vibrieren lässt. Um ihn herum tanzen Menschen in antiken Gewändern, die mit blutigen Fleischfetzen um sich werfen. Sie lecken sich lüstern die Lippen und kreisen mit den Hüften – sexbesessen und zügellos.

Da hebt Dionysos den Finger. Nur ein bisschen Wahnsinn, sagt Dionysos, hat er den Menschen eingehaucht, schon ziehen sie in den Wald und feiern Orgien. Es geht um menschliche Triebe – um Gier nach Sex und Anerkennung. Dabei wird nichts psychologisch gedeutet.

Mount Olympus (Foto: (Pressestelle) Berliner Festspiele - © Wonge Bergmann)
Szene: Foreign Affairs 2015 / Berliner Festspiele 25.06.-06.07.2015 Troubleyn / Jan Fabre - Mount Olympus - Andrew Van Ostade (Pressestelle) Berliner Festspiele - © Wonge Bergmann

Gustav Koenigs spielt Ödipus, Hippolytus und Eteokles. Seinen ersten Auftritt hat er jedoch als eine Art Drill Sergeant. Er leitet eine Gruppe an, die eiserne Ketten als Springseile nutzt. Eine Viertelstunde schlagen die Ketten im Takt, ehe die ersten Schauspieler zusammenbrechen. Aus der Erschöpfung resultiert eine andere Art von Wahrhaftigkeit.

Das ist der Punkt, den Jan Fabre erreichen möchte. Die Schauspieler sollen Gefühle nicht vortäuschen, sondern wirklich durchleben. Doch der Regisseur hat die Akteure auch Clowns-Szenen einstudieren lassen. Tragik und Humor, Spannung und Entspannung wechseln sich ab.

Viele Zuschauer blieben die ganze Nacht im Theater. Im Foyer waren Feldbetten aufgebaut und im Garten vor dem Theater hatten einige Zuschauer ihr Zelt aufgeschlagen, um sich kurz mal hinzulegen. Eine völlig neue Theatererfahrung. Da in der Inszenierung keine durchgängige Geschichte erzählt wird, kann man beliebig oft aus- und wieder einsteigen; da man weiß, dass 24 Stunden zur Verfügung stehen, hat man beim Zusehen mehr Geduld als bei kurzen Stücken.

Es gibt viele langsame Szenen und einige schnelle. Am Ende wird wieder getanzt. Der Theatermarathon endet mit einem Schlussspurt – und die Energie springt über. Großer Jubel im Haus der Berliner Festspiele.

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