Opernkritik Janáčeks "Kátja Kabanová" in Mainz

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Von Ursula Böhmer

Starregisseurin Lydia Steier hat wieder in Mainz inszeniert. Dieses Mal hat sie sich Leoš Janáčeks Oper "Kátja Kabanová" vorgenommen. Packend und plausibel erzählt Steier diese Geschichte einer junge Frau, die Ehebruch begeht, die ewig gleiche Geschichte von Machtmissbrauch, Bigotterie – und dem Scheitern an unhinterfragten Idealen. Sehenswert, meint Ursula Böhmer.

Opernkritik Lydia Steier inszeniert Janáčeks "Kátja Kabanová" in Mainz

Kátja Kabanová (Foto: Pressestelle, Staatstheater Mainz - Foto: Andreas Etter)
Eine junge Frau begeht Ehebruch – und zerbricht schließlich an den strengen Moralvorstellungen ihrer Zeit: Das ist der Plot, den der Russe Alexandr N. Ostrowski in seinem 1859 uraufgeführten Schauspiel "Gewitter" erzählt. Der Tscheche Leoš Janáček komponiert aus dem Stoff 1921 wiederum eine Oper: "Kátjá Kabanová". Das im Grunde zeitlose Sujet hat die amerikanische Regisseurin Lydia Steier am Staatstheater Mainz nun wieder in die Entstehungszeit von Ostrowskis Schauspiel, ins 19. Jahrhundert, zurückverlegt. Ursula Böhmer hat sich bei der Premiere am 27.1. angesehen, ob diese Idee aufgegangen ist.Die nächsten Vorstellungen von "Kátja Kabanová" am Staatstheater Mainz sind am 27.1., 13.2., 12.3., 10.4. und 23.4.Im Bild: Alexander Spemann als Tichon Ivanytsch Kabanov, Lotta Yilmaz als das Kind, Linda Sommerhage als Varvara, Nadja Stefanoff als Katherina (Kátja), Derrick Ballard als Savjol Prokofjevitsch Dikoj, Gundula Hintz als Marfa Ignatjevna Kabanová (Kabanicha) und der Chor des Staats… Pressestelle Staatstheater Mainz - Foto: Andreas Etter Bild in Detailansicht öffnen
Durch die Trauermusik im Vorspiel zur Oper "Kátjá Kabanova" nimmt Leoš Janáček das tragische Ende seiner Titelfigur schon vorweg. Während das Philharmonische Staatsorchester Mainz unter Dirigent Paul-Johannes Kirschner diese Musik mit vielfarbigen Klangfacetten untermalt – bei denen mancherorts allerdings noch an der Intonation gefeilt werden könnte, erzählt Regisseurin Lydia Steier die Vorgeschichte zur Oper: Kátja sitzt am Fenster und erblickt auf der Straße einen jungen Mann, Boris Grigorjevitsch. Das ist der Beginn der Ehebruchsgeschichte, die sie am Ende in den Selbstmord treiben wird.Im Bild: Johannes Mayer als Vanja Kudrjasch und Steven Ebel als Boris Grigorjevitsch Pressestelle Staatstheater Mainz - Foto: Andreas Etter Bild in Detailansicht öffnen
Die exzellente Nadja Stefanoff verkörpert die Kátja in Mainz mit ganzer Seele: als eine Träumerin, die gern von frei fliegenden Vögeln singt – und doch nicht den Mut hat, selbst loszufliegen. Denn in ihrer Gesellschaft ist kein Platz für Träumer. Kátja Leben dreht sich im ewig gleichen Kreis. Die Mainzer Bühne lässt sich entsprechend auf drei Lebens-Situationen drehen: ...Im Bild: Nadja Stefanoff als Katherina (Kátja) Pressestelle Staatstheater Mainz - Foto: Andreas Etter Bild in Detailansicht öffnen
... 1. Ein Biedermeier-Zimmer, das sich nach hinten hin perspektivisch zum einzig möglichen Fluchtpunkt verjüngt: dem Fenster, an dem Kátja immer sitzt. 2. Ein Außenbereich mit schattenhaftem Gartentor und dem Haus ihres Liebsten. ...Im Bild: Lotta Yilmaz als das Kind, Nadja Stefanoff als Katherina (Kátja), Alexander Spemann als Tichon Ivanytsch Kabanov und Linda Sommerhage als Varvara Pressestelle Staatstheater Mainz - Foto: Andreas Etter Bild in Detailansicht öffnen
... 3. Eine Puppen-Manufaktur, in dem fleißige Näherinnen Trachtenpuppen herstellen. Ausgerechnet die Kabanicha, Kátja herzlose Schwiegermutter, ist hier Fabrikchefin.Im Bild: Gundula Hintz als Marfa Ignatjevna Kabanová (Kabanicha) und Lotta Yilmaz als das Kind Pressestelle Staatstheater Mainz - Foto: Andreas Etter Bild in Detailansicht öffnen
Die fabelhafte Gundula Hintz singt die boshafte Kabanicha, die ihre Schwiegertochter demütigt, wo sie nur kann. Sie hat alle im Griff – auch den Sohn und die kleine Enkelin, die sich verängstigt immer an eine der Trachtenpuppen klammert.Im Bild: Nadja Stefanoff als Katherina (Kátja), Alexander Spemann als Tichon Ivanytsch Kabanov, Gundula Hintz als Marfa Ignatjevna Kabanová (Kabanicha) und Lotta Yilmaz als das Kind Pressestelle Staatstheater Mainz - Foto: Andreas Etter Bild in Detailansicht öffnen
Die stummen Puppen verkörpern mit ihren arbeitssamen Schürzchen und goldenen Häubchen, die sie wie einen Heiligenschein tragen, ganz das Frauen-Ideal dieser klaustrophobischen Welt. Zumindest bei Tageslicht: Denn nachts werden die Heiligen hier alle zu Huren – und treiben es mit heimlichen Liebhabern, in allen Ecken. Am tollsten natürlich die Kabanicha, die sich mit dem Kaufmann Dikoj vergnügt.Im Bild: Lotta Yilmaz als das Kind, Maria Dehler als Glascha und Alexander Spemann als Tichon Ivanytsch Kabanov Pressestelle Staatstheater Mainz - Foto: Andreas Etter Bild in Detailansicht öffnen
Dikoj ist bei Bassbariton Derrick Ballard ein unberechenbarer Unsympath, der seinen Neffen gewaltsam an der kurzen Leine hält – und den Schöngeist damit erst recht in die Arme seiner Seelenverwandten Kátja treibt.Im Bild: Sven Ebel als Boris Grigorjevitsch, Johannes Mayer als Vanja Kudrjasch, Maria Dehler als Glascha und Derrick Ballard als Savjol Prokofjevitsch Dikoj Pressestelle Staatstheater Mainz - Foto: Andreas Etter Bild in Detailansicht öffnen
Schüchtern, zartfühlend nähern sie sich an – und Kátja hat sich fürs erste Treffen das Heiligenschein-Häubchen der Trachtenpuppen aufgebunden. Doch lange hält dieser Selbst-Schutz nicht. Die Puppen durchziehen Lydia Steiers Regiekonzert wie ein Leitmotiv – und entwickeln schließlich ein Eigenleben: Nachdem Kátja ihren Ehebruch öffentlich zugegeben hat, klettern die Mainzer Chordamen mit puppenhaft-motorischen Bewegungen zu ihr ins Zimmer und begraben sie unter sich. Packend und plausibel erzählt Lydia Steier die ewig gleiche Geschichte von Machtmissbrauch, Bigotterie – und dem Scheitern an unhinterfragten Idealen. Sehenswert.Im Bild: Nadja Stefanoff als Katherina (Kátja) und der Chor des Staatstheater Mainz Pressestelle Staatstheater Mainz - Foto: Andreas Etter Bild in Detailansicht öffnen
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