Györgi Ligeti am Opernhaus Zürich „Le Grand Macabre“: Der Tod ist ein alberner Hochstapler

Von Bernd Künzig

Die Schrecken des 20. Jahrhunderts prägten Leben wie Werk des ungarischen Komponisten Györgi Ligeti: Seine Oper „Le Grand Macabre“ ist ein groteskes Angststück mit beklemmender Musik. In Zürich macht die ehemalige Mainzer Opernchefin Tatjana Gürbaca aus dem existentialistischen Todesspiel von 1978 ein absurd-bizarres Spektakel von musikalischer wie schauspielerischer Höchstleistung. Sehenswert!

„Le Grand Macabre“ am Opernhaus Zürich In Györgi Ligetis grotesker Oper treibt der Tod sein Unwesen

Nekrotzlar (Leigh Melrose) (Foto: Opernhaus Zürich - Herwig Prammer)
Der Tod nimmt im Werk von György Ligeti eine bedeutende Rolle ein. Das Leben des ungarischen Komponisten im 20. Jahrhundert war geprägt von Tod und Vertreibung. In „Le Grand Macabre“, Ligetis einzigem Musiktheater, treibt der Tod höchstpersönlich sein Unwesen: als Hochstapler namens Nekrotzar. Im Bild: Nekrotzlar (Leigh Melrose) Opernhaus Zürich - Herwig Prammer Bild in Detailansicht öffnen
Nekrotzar entsteigt einem Friedhofsgrab, kündigt dramatisch das Ende der Welt an und terrorisiert die Bewohner von Breughelland. Am Ende stellt er sich als Exmann der Nymphomanin Mescalina heraus und schrumpft buchstäblich zum Nichts. Im Bild: Piet vom Fass (Alexander Kaimbacher), Nekrotzar (Leigh Melrose), Astradamors (Jens Larsen) Opernhaus Zürich - Herwig Prammer Bild in Detailansicht öffnen
Ein Angststück mit einer oft beklemmenden Musik. Daran ändern auch die Toccaten mit Autohupen und Türklingeln oder die derbe Sprache des Librettos nichts. Lachen kann man, aber lustig ist es nicht. Es ist ein Spiel vom Tod, in den das massenhafte Sterben des letzten Jahrhunderts mit eingegangen ist. Im Bild: Fürst Gogo (David Hansen), Astradamors (Jens Larsen) Opernhaus Zürich - Herwig Prammer Bild in Detailansicht öffnen
Das Personal der Oper wohnt in einem Schacht, in den ab und an Licht von oben hereinfällt. Kostümiert ist es als Bewohner des Nachtasyls, das Prekariat ist nicht fern. Sie spielen Rollen in dieser Anti-Anti-Oper. Wie in Ligetis Metamusik lässt Gürbaca Theater im Theater spielen. Im Bild: Ensemble des Opernhaus Zürich Opernhaus Zürich - Herwig Prammer Bild in Detailansicht öffnen
Es gibt Türen aus diesem Schacht. Die führen aber nur in Abstellkammern in denen ein Schild mit „No Exit“ hängt. Der Todbringer Nekrotzar wird von oben aus einem Raumschiff wie bei Jules Verne abgelassen. Der stimmgewaltige Leigh Melrose gibt ihn als eine Mischung aus gefallener Gottheit und Idiot. Im Bild: Nekrotzkar (Leigh Melrose) Opernhaus Zürich - Herwig Prammer Bild in Detailansicht öffnen
Auf die sonst üblichen sadomasochistischen Accessoires beim Hofastronomen Astrodamors und seiner nymphomanischen Gattin Mescalina wird verzichtet. Stattdessen: Szenen einer Ehe, in der Jens Larsen sich sängerisch wie darstellerisch vom feinsten Charakterfach gibt. Im Bild: Mescalina (Judith Schmid), Astradamors (Jens Larsen) Opernhaus Zürich - Herwig Prammer Bild in Detailansicht öffnen
Der Herr von Breughelland, Fürst Gogo, ist ein armer Junge mit roter Strickmütze, gequält von seinen korrupten Ministern. David Hansen gibt die Counterpartie tonhöhensicher und geradezu anrührend. Im Bild: Fürst Gogo (David Hansen), Nekrotzkar (Leigh Melrose) Opernhaus Zürich - Herwig Prammer Bild in Detailansicht öffnen
Der Chor ist im Zuschauerraum postiert. So springt das Polittheater vor die vierte Wand. Die Ansprachen der grotesken Minister werden wie beim arabischen Frühling mit geworfenen Schuhen beantwortet. Im Bild: Schwarzer Minister (Oliver Widmer), Weißer Minister (Martin Zysset) Opernhaus Zürich - Herwig Prammer Bild in Detailansicht öffnen
Der musikalische Höhepunkt ist der Auftritt von Eir Inderhaug als Geheimdienstchefin Gepopo. Ihr Koloratursopran ist eine Offenbarung in dieser haarsträubenden Partie. Die Philharmonia Zürich im Orchestergraben ist vom Dirigenten Tito Ceccherini bestens vorbereitet. An manchen Stellen ist es allerdings zu laut und ein etwas strafferes Tempo hätte nicht geschadet. Im Bild: Chef der Gepopo (Eir Inderhaug) Opernhaus Zürich - Herwig Prammer Bild in Detailansicht öffnen
Das besondere Ereignis ist aber Tatjana Gürbacas wunderbare, der Musik vertrauende Regie. Sie inszeniert den „Grand macabre“ als absurdes Theater. Ganz im existenziellen Sinne eines Samuel Beckett. Im Bild: Fürst Gogo (David Hansen), Schwarzer Minister (Oliver Widmer), Weißer Minister (Martin Zysset) Opernhaus Zürich - Herwig Prammer Bild in Detailansicht öffnen
Das ist ein großer Gewinn. Am Ende landen sie alle wieder im Schacht, sind noch einmal davongekommen und warten wieder darauf, dass von oben etwas passiert. No exit. Das gilt auch für die Züricher Aufführung: Die sollte man sich nicht entgehen lassen. Das Opernhaus Zürich zeigt „Le Grand Macabre“ von György Ligeti in der Inszenierung von Tatjana Gürbaca noch bis zum 2. März. Alle Termine und Tickets finden Sie hier. Im Bild: Ensemble des Opernhaus Zürich Opernhaus Zürich - Herwig Prammer Bild in Detailansicht öffnen
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