"Kaspar Hauser" - Hans Thomallas neue Oper in Freiburg Das Findelkind, das aus dem Schlamm kam

Kulturthema am 11.4.2016 von Karsten Umlauf

Es ist der 26. Mai 1828, da torkelt ein 16jähriger Junge über den Nürnberger Unschlittplatz. Was er redet, ergibt nicht viel Sinn, woher er kommt, weiß niemand und an seinen Namen kann er sich auch erst später erinnern: Kaspar Hauser. Der scheinbar isoliert aufgewachsene Junge war schon zu Lebzeiten das vielleicht berühmteste Findelkind Europas, manche halten ihn immer noch für einen legitimen Erben der badischen Großherzöge. So überraschend wie er gekommen ist, starb er jedenfalls auch wieder: durch einen Messerstich, von dem ebenfalls nicht geklärt ist, ob er ihn sich selbst zugefügt hat oder ob dahinter ein echter Mordversuch steckt.

Der Mythos Kaspar Hauser hat viel Künstler inspiriert zu Liedern, Gedichten oder Filmen. In Freiburg hatte an diesem Wochenende eine Kaspar Hauser Oper ihre Uraufführung, geschrieben von dem in Chicago lebenden Hans Thomalla.

Schlammspuren von einem, der zeitlebens nicht greifbar war

Wenn Komponist und Regisseur zum Schlussapplaus mit Gummistiefeln herauskommen, dann muss auf der Bühne etwas passiert sein. Glitschig und rutschig ist es, überall ist hellgrauer Schlamm verteilt. Kaspar Hauser hat seine Spuren hinterlassen. Es ist der sinnliche Bühnenausdruck für einen, der zeitlebens nicht greifbar war: Kaspar Hauser taucht hier zu Beginn aus einem Schlammloch auf und er wird die von Kopf bis Fuß grau glänzende Flüssigkeit bis zum Ende der Oper nicht mehr los.

Der Countertenor Xavier Sabata buchstabiert, stammelt und singt sich auch immer wieder glockenrein durch die Titelrolle. Bewundernswert allein schon, weil ihm ständig der Matsch von der Stirn tropft. Aber auch sonst eine grandiose Bühnenerscheinung als kindlich-naiver Hauser, der von fern an Wagners "reinen Toren" Parsifal erinnert, der aber außer seinem rein körperlichen Da-Sein und dem Wunsch, dazugehören zu wollen, zu wenig Kommunikation in der Lage ist.

Video: Interview mit dem Countertenor Xavier Sabata

Eine hellgrüne Wand im Halbrund

Zu sehen ist weder 19. Jahrhundert noch Nürnberg oder Ansbach, der Ort, an dem Hauser angeblich geboren wurde und wo er im Dezember 1833 den Folgen einer Stichwunde erlag. Eine grellgrüne Wand im Halbrund ist alles, was man sieht. Davor versammeln sich die Zeitzeugen, allerdings im modern städtischen Outfit - bunte Hemden, Stoffhosen, Rollkragen, Kleider - und versuchen, aus dem grauen Gast, der sich am Boden windet, schlau zu werden.

Das Eigene und das Fremde

Sie machen Experimente, heucheln Freundschaft, es gibt sogar so etwas wie eine kleine Liebesszene. Zwischendurch halten sie mal Plakate hoch mit den Worten "Wer Bist Du?" die sich umgruppieren lassen zu der Aussage "Du Bist Wer." Dahinter steht aber wohl mindestens genau so dringend die Frage: Wer sind wir? "Das Eigene und Das Fremde" ist das eigentliche Thema dieses Stücks und dieser Inszenierung, ohne platt auf Flüchtlinge oder Ausländer aktualisieren zu müssen. Den grauen Schlamm, mit dem sie auch ein Stück weit beschmiert und bespritzt sind, versuchen die Alteingesessenen am Ende übrigens wieder loszuwerden mit Schrubbern und Lappen, was ihnen nicht gelingt.

Als Musiktheater-Musik zu wenig greifbar

Als szenische Metapher funktioniert das alles ziemlich gut, ist aber auch relativ schnell klar. Man hat genügend Zeit darüber nachzudenken, denn die Musik bietet einem wenig dramatische Entwicklung. Über einem Grundton, einer Art musikalischen Ursuppe, die schon erklingt, bevor es eigentlich losgeht, fächern sich immer wieder schillernde Klangfarben auf, es gibt berückend schöne Inseln aus Saxofon, Streicher- und Harfensounds die das Philharmonische Orchester Freiburg unter Daniel Carter gut ausbalanciert und sensibel präsentiert.

Aber als Musiktheater-Musik, ist das Stück von Hans Thomalla insgesamt zu wenig greifbar. Das passt andererseits natürlich wieder irgendwie zu seinem Protagonisten. Auf jeden Fall lässt die Oper auch dem Betrachter viel Spielraum für Projektionen, Zuschreibungen und eigene Blickwinkel.

In Erinnerung bleibt das Schlussbild: Nachdem Kaspar in seinem eigenen Schlammloch ertränkt wurde, errichtet man ihm ein Denkmal mit seinen Habseligkeiten in der Hand, einem Hut und einem Zettel. Es ist das Abbild des originalen Ansbacher Kaspar Hauser Standbilds mit dem Titel "Das Kind von Europa". Aber aus seinem Mund tropft Blut. Ein grausiges Zukunftsmodell.

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