Franz Xaver Kroetz wiederentdeckt am Theater Dortmund "German Angst"

Kulturthema am 19.12.2016 von Dorothea Marcus

Mit Kroetz auf der Spur des deutschen Populismus: die Regisseurin Wiebke Rüter hat in Dortmund zwei Stücke aus dem Kleinbürgertum von Franz-Xaver Kroetz zu einem gemacht: "Furcht und Hoffnung in Deutschland: Ich bin das Volk". Mit eingebauten Filmsequenzen versucht sie, die etwas angestaubten Kroetz-Texte zu aktualisieren. Aber obwohl die Schauspieler zum Teil großartige Leistungen auf der Bühne zeigen, wirkt das Stück insgesamt wie ein "redundanter Ruf in die linksliberale Echokammer, der aber in Zeiten von zunehmender Fremdenfeindlichkeit in Deutschland auch nicht schaden kann", so die Kritikerin Dorothea Marcus.

Aus zwei Stücken, 300 Seiten und 50 Szenen hat die Regisseurin jene Kroetz-Dialoge herausgefiltert, die am heutigsten klingen und sie auf drei Darsteller aufgeteilt. Vor allen Dingen aber hat Wiebke Rüter eine Dokumentarfilmerin erfunden, die sich gar nicht für Arbeitslosigkeit interessiert, aber einen Film darüber drehen muss, um nicht ihren Job zu verlieren. Sie eröffnet eine Distanzebene zu den Kroetz-Figuren, indem sie einen Großteil der Handlung inszeniert und abfilmen lässt. Etwa den arbeitslosen, verzweifelten Willy und seine stoische Frau Martha, ein abstiegsangstvolles Mittelstandspaar in einer rosa-tristen Ikea-Einbauküche. Ihre Dialoge werden zunächst nur als Live-Film auf dem Vorhang gezeigt.

Mit Film-Fiktion gegen verstaubte Kroetz-Texte

Und so weiß man eigentlich nie, ob das Bühnengeschehen die Wahrheit, die Theater-Wahrheit oder eine Film-Fiktion darstellen soll. Ein geschickter Schachzug ist das, um mit den heute etwas muffig wirkenden Kroetz-Texten umzugehen. Wer spricht schließlich noch von "Arbeitslosen" als ernsthaftem Problem, heute sind es schließlich "Hartz IV-Empfänger", ein Begriff, indem die tendenziell schmarotzende Grundhaltung schon angelegt ist. Ständig schwankt der Abend zwischen einer bieder klebrigen Kroetz-BRD und Assoziationen an heutiges AfD-Deutschland hin und her.

Klischeedeutschland und Xenophobie

Bald öffnen sich der Vorhang und die verschlossene Ikea-Küche und machen den Blick frei auf einen klischeehaft typischen deutschen Wald-Foto-Vorhang, mit Vogelzwitschern untermalt. Zu Martha und Willi gruppieren sich lose andere Kroetz-Figuren: etwa ein populistischer Politiker, der das Asylrecht ändern will und seine einsame Assistentin befingert. Diese nimmt die Pille, obwohl sie keinen Mann hat, lässt sich aber dann doch mit einem sogenannten "Ausländer" ein:

Redundanter Ruf in die linksliberale Echokammer

Großartig schafft es die Schauspielerin Julia Schubert, die rassistisch verbrämte, naiv-biedernde Lüsternheit der deutschen Sekretärin zu zeigen, die schließlich von einem Braunbär von der Bühne getragen wird. Das Monster und das Mädchen. Die zwei anderen Darstellern lassen ihre Figuren dagegen oft zur Karikatur verkommen. Nur selten geht es ans Eingemachte. Wenn Marlena Keil etwa von der guten Tradition des Brennens in Deutschland spricht, an die sich die Asylanten eben anpassen sollten, erreicht das fast die zynische Sprach- und Kalauerkunst einer Jelinek. Und doch: Das Stück wirkt über weite Strecken wie ein etwas redundanter Ruf in die linksliberale Echokammer. Da werden Zuspitzungen und Gefahren vorgeführt, die zumal dem Theaterpublikum schon lange bewusst sein dürften.

Trotzdem kann es nicht schaden, zu erinnern, dass Fremdenfeindlichkeit und Radikalisierung auch eine lange bundesdeutsche Vorgeschichte haben. Zumal in einer Stadt, in der fast zeitgleich zur Premiere eine Kirche von Rechtsradikalen besetzt wurde.

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