Bühne Sexuelle Fantasien im Schulaufsatz: „Final Fantasy“ nach Oscar Wilde in Berlin

Bühne Sexuelle Fantasien im Schulaufsatz: „Final Fantasy“ nach Oscar Wilde in Berlin

„Final Fantasy“ an der Volksbühne Berlin (Foto: Volksbühne Berlin / Katrin Ribbe)
„Lust als Trieb und Mythos, als Tabuthema, Verbot, Befreiung, Sünde und Privileg, als Machtinstrument und Manipulationswerkzeug. Lust als Konstruktion“, verheißt der Ankündigungstext zu Lucia Bihlers Inszenierung „Final Fantasy“. Volksbühne Berlin / Katrin Ribbe
Gleich zu Beginn stöhnt dann auch das Wesen auf der schwarzen Guckkastenbühne vielversprechend (Teresa Schergaut). Ganz in einen weißen Glitzeroveral gekleidet, ruckt und zuckt der grazile Körper. Volksbühne Berlin / Katrin Ribbe
Doch Lust? Trieb? Befreiung? Davon erzählt es nichts. Schon gar nicht in seinem Gesicht. Das weiße Wesen ist ein Alien. Glatzköpfig starrt es mit großen, schwarzen Fliegenaugen und aufgerissenem Mund gen Publikum. - Auf dem Bild: Maria Walser, Katja Gaudard und Daniel Nerlich Volksbühne Berlin / Katrin Ribbe
Alle sind hier Außerirdische auf der Terrasse des Herodes. Warum? Das bleibt eines der ungelösten Rätsel dieses Abends. Alle sehen gleich aus. Nur die Polster um Hüften, an Schultern oder Ellenbogen fallen unterschiedlich aus. - Auf dem Bild: Teresa Schergaut, Katja Gaudard, Daniel Nerlich und Simon Mantei Volksbühne Berlin / Katrin Ribbe
So erscheint ausgerechnet Salomé, die Verkörperung idealer Schönheit und purer Erotik, als veritables Dickerchen mit ordentlich Speck überall. - Auf dem Bild: Maria Walser, Katja Gaudard, Teresa Schergaut, Simon Mantei und Daniel Nerlich. Volksbühne Berlin / Katrin Ribbe
Eines der überdeutlichen Zeichen eines ganz und gar auf solche Äußerlichkeiten ausgerichteten Abends. Das weibliche Schönheitsideal soll unterlaufen, kommentiert, konterkariert werden. - Auf dem Bild: Katja Gaudard und Teresa Schergaut Volksbühne Berlin / Katrin Ribbe
Im wahrsten Sinne oberflächlich ist das - wie leider auch die gesamte, auf rein optische Reize und bildmächtige Szenen setzende Inszenierung. Sprache? Ein überflüssiges Detail. Unter ihren Alienmasken sind sie alle kaum zu verstehen. Es könnte Absicht sein. Volksbühne Berlin / Katrin Ribbe
Die Texte werden stupide aufgesagt. Mehr nicht. Die biblischen Anleihen sind vollkommen ausgespart, ein, zwei kleine Fremdtexte lieblos eingefügt. Darin ist von den Ausdeutungen, Zuschreibungen von Weiblichkeit in Literatur oder Mythen die Rede. Auf dem Niveau eines Schulaufsatzes. - Auf dem Bild. Simon Mantei, Teresa Schergaut und Katja Gaudard Volksbühne Berlin / Katrin Ribbe
Im schwarzen Geviert der Bühne wird Szene für Szene abgespult. Die weißen Wesen vom anderen Stern verrenken ihre Körper, winden sich auf dem schwarzen Boden oder den Treppenstufen zum Palast, der hinten mit drei Rundbögen angedeutet wird. Ab und zu flimmern Projektionen. Fischlaich auf stacheligen roten Weichteilen. Volksbühne Berlin / Katrin Ribbe
Hm. Vielleicht hilft ein Blick ins Programmheft: Da findet sich ein Manifest der Regisseurin. 11 Forderungen. „Bild sticht Text.“ Oder: „Die Show ist ein Ritual ist eine Show“. Und „Der Raum muss sein Geheimnis bewahren". Durchgestrichen hingegen: „Künstlerische Ehrlichkeit statt Schonung“. Volksbühne Berlin / Katrin Ribbe
Warum sich Lucia Bihler ausgerechnet die schonungslose, starke, ehrliche Salomé für ihre Einstandsinszenierung an der Volksbühne ausgewählt hat, bleibt die große Frage. Volksbühne Berlin / Katrin Ribbe
Der Wille der Regisseurin zu einer starken Form mit bildmächtigen Szenen, viel Körpereinsatz und Klang ist erkennbar. Sonst aber hat sie an diesem Abend mit ihrer Protagonistin nichts gemein. Volksbühne Berlin / Katrin Ribbe

„Final Fantasy“ nach Oscar Wildes Salomé an der Berliner Volksbühne ist voller bildmächtiger Szenen, hat mit der Protagonistin jedoch nichts gemein.

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