Eine Bilanz der Osterfestspiele Salzburg Ein Fest für Shakespeare

Kulturthema am 29.3.2016 von Jörn Florian Fuchs

Mit einem Schleier fängt alles an. Dieser erfüllt fast die ganze Bühne des Großen Festspielhauses. Elegant hüllt er die im Sturm vor Zypern ums Überleben kämpfende venezianische Flotte ein, hierbei handelt es sich um den Sächsischen Staatsopernchor, der seine Sache grundsolide macht. Fein und ästhetisch wirkt das, dekorative, aber durchaus geschmackvolle Videoprojektionen sorgen für schöne Atmosphären. Regisseur Vincent Boussard, Bühnenbildner Vincent Lemaire und Kostümbildner Christian Lacroix haben sich Verdis "Otello" vorgenommen und liefern das ab, was man von ihnen erwartet: schöne Bilder, wenig Deutung.

Otello ist übrigens ungeschminkt, also weiß. Ebenso blass die Personenführung. Höhepunkt der Emotionalität: Otello gerät in Wut und wirft dabei seine Jacke grimmig zu Boden. Noch viel problematischer als die Szene ist allerdings Christian Thielemann am Pult der Sächsischen Staatskapelle. Thielemann reiht konzeptlos Idee an Idee, jagt von einem Moment zum anderen, rast wütend durch den ersten und zweiten Akt, um den dritten und vor allem vierten Akt völlig grundlos zu verschleppen. Ein Verdi ohne Esprit und Italianità – und mit schwachen Sängern. José Curas Otello klingt konstant angestrengt und monochrom, Carlos Álvarez' Iago wirkt müde, Álvarez singt die Partie aber immerhin technisch korrekt. Dorothea Röschmann ist eine unangenehm schrill timbrierte Desdemona. Lediglich Georg Zeppenfeld als Lodovico und Benjamin Bernheim als Cassio überzeugen.

Shakespeare geisterte auch durch die Festspiel-Konzerte. Carl Maria von Webers "Oberon"-Ouvertüre zum Beispiel wurde von Salzburg-Debütant Vladimir Jurowski kraftvoll zum Leben erweckt. Als schöne Ergänzung gab es Hans Werner Henzes achte Sinfonie, die ebenfalls den „Sommernachtstraum“ verarbeitet – eine herrlich abgründige Spielerei.

Auch Christian Thielemann widmete sich Shakespeare, er dirigierte. Peter Tschaikowskys "Romeo und Julia – Fantasieouvertüre". Leider gerieten die 'liebevollen' Passagen arg langatmig und belanglos, der Krach zwischen Montagues und Capulets hingegen eskalierte eher unschön, nämlich unpräzise.

Besser gelang Beethovens "Missa solemnis" mit Thielemann und den Dresdnern. Thielemann hat eine exakte Vorstellung, wo vorübergehende, leichte Abstufungen zu umso größeren Wirkungen führen. Es sind genau kalkulierte Szenen, als Teil eines virtuosen Überwältigungstheaters. Toll die Solisten, allen voran Krassimira Stoyanova. Man fragt sich, warum sie nicht die Desdemona singen durfte.

Zum Höhepunkt der Osterfestspiele wurde die Auftragskomposition "Four Women from Shakespeare" von Manfred Trojahn, es handelt sich um vier Minidramen und ein Intermezzo. Gebannt folgt man Julia, Ophelia, Titania und Lady Macbeth auf ihrer jeweiligen Reise durch Seelenlandschaften. Juliane Banse überzeugte mit guter Technik, lies aber einige Feinheiten vermissen, da wäre etwa Marlis Petersen eine deutlich bessere Besetzung gewesen.

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