Der deutsch-iranischen Theateraustausch an der Akademie der Künste Berlin Alles neu macht das Theater?

Kulturthema am 8.2.2016 von Ina Beyer

Gerade ist Thomas Ostermeiers  "Hamlet"-Inszenierung beim alljährlich in Teheran stattfindenden Theaterfestival "Fajr" mit dem großen Preis der Jury ausgezeichnet werden. Das Festival zeigt alljährlich internationale und nationale Produktionen. Es ist eines der zentralen Theaterereignisse des Landes. Das Theater im Iran entwickelt sich zum Leitmedium der dortigen Kunstszene sagen Beobachter. Es sucht neue Körpersprachen, experimentiert mit Ästhetiken und erobert zunehmend auch den Stadtraum. In der Berliner Akademie der Künste fand gestern unter der Überschrift "Aufbrüche im Iran" ein Tag zum iranischen Theater statt - mit iranischen Kulturschaffenden wie der jungen Choreografin Modjgan Hashemian. Gezeigt wurde auch die Videoaufzeichnung von "Woyzeck" des iranischen Regisseurs Reza Servati.

Es erinnert vieles an eine Arbeit von Robert Wilson: Exakt choreografierte Bewegungen, bunte, perfekt gesetzte Lichteffekte, viele künstlich erzeugte Geräusche. Das Bühnenbild: eine Halfpipe aus Holz, rechts und links ein Podest. Darauf Woyzeck (gleich zweimal), Marie oder der Tambourmajor, die sich immer wieder sehr sinnbildlich in den Abgrund der Halbröhre stürzen. Die Inszenierung der Max Theatre Group aus Teheran ist von 2013. Sie wirkt mit ihrer strengen Form und klaren Poesie sehr modern und steht durchaus für eine Tendenz im iranischen Theater. Wie die gesamte Gesellschaft unter Präsident Hassan Rohani ist es gerade dabei, sich zu wandeln, zu befreien, zu verändern. Am 26. Februar aber wählen die Iraner wieder - neben den Abgeordneten des Parlaments auch den Expertenrat, der das geistliche Oberhaupt der Islamischen Republik nominiert. Was danach kommt, weiß niemand - und die Dramaturgin und Schauspielerin Narges Hashempour warnt davor, zu sehr mit einem westlichen geprägten und gesteuerten Blick auf die Entwicklung im Land zu schauen. Sie fragt:

In der Gesellschaft wie im Theater. Das wird im Iran dominiert vom "Dramatic Art Centre" - der staatlichen Behörde, die jedes Stück absegnen muss. Es fördert auch das alljährliche internationale "Fajr-Theaterfestival" in Teheran mit 3,6 Millionen Euro. Dorthin strebt ein interessiertes, aufgeschlossenes iranisches Publikum - aber auch zunehmend in verbotene Tanzperformances, die deswegen an geheimen Orten und auf Zuruf stattfinden. Es gibt im Iran keine Tanzausbildung. Tanzen ist Frauen ohnehin auf der Bühne nicht erlaubt. Modjgan Hashemian hat an der Berliner Ernst- Busch-Schule Choreografie studiert. Sie lebt in Deutschland, reist aber oft auf eigene Kosten in ihre Heimat, um dort mit Künstlern im Untergrund zu arbeiten.

Zunehmend private Investoren engagieren sich für die jungen Performer - stellen ihre Galerien zur Verfügung, sponsern Talente. Schaffen eine Nische - die aber wiederum ihren Preis hat. Im wahrsten Wortsinne: Kunst wird kommerzialisiert, unterliegt persönlichen Vorlieben. Modjgan Hashemian arbeitet lieber ungebunden. Hat ein Video mit Tänzern auf den Dächern Teherans gedreht. Dächer haben für sie eine große Bedeutung: schon als Kind hat sie sich dort frei gefühlt. Keine Wände. Keine Angst. Viel Raum.

Es gab eine Zeit großen Aufbruchs für das Theater im Iran - zu Zeiten des Schiras-Kunstfestivals. Es fand 1967 bis 1977 statt. Angeregt hatte es Farah Pahlavi. Einheimische und westliche Künstler zeigten ihre Produktionen - darunter Peter Brook oder John Cage. Zunehmend aber waren die Künstler den Vorwürfen der iranischen Opposition ausgesetzt, mit dem rigiden Regime des Shah zu kooperieren Nach der islamischen Revolution war an experimentelles Theater dann ohnehin nicht mehr zu denken. Und heute? Frauen dürfen nur mit dem Kopftuch auftreten, Männer nicht berühren auf der Bühne, überhaupt herrschen strenge formale Regeln. Aber das ist wieder nur der westliche, oberflächliche Blick. Narges Hashempour fragt erneut:

Gern reisen deutsche Ensembles in den Iran - die Berliner Schaubühne oder das BE etwa - aber zu selten sind iranische Gruppen zu Gast hierzulande. Aber im Februar sind ja wieder Wahlen. Und wie sagt ein iranisches Sprichwort: "Geduld ist ein Baum, dessen Wurzeln bitter sind, dessen Frucht aber sehr süß ist.

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