Das Nederlands Dans Theater im Haus der Berliner Festspiele Kunst schlägt Kitsch

Kulturthema am 29.10.2015 von Elisabeth Nehring

Seit 15 Jahren hat Berlin eines der bedeutendsten Tanzensembles Europas nicht mehr gesehen. Das Nederlands Dans Theater, kurz NDT genannt, war seit 15 Jahren nicht mehr dort, obwohl sie in den 80er und 90er Jahren auf Berliner Bühnen Dauergast waren. Dementsprechend waren die Erwartungen hoch und das große Haus der Berliner Festspiele ausverkauft. Drei Choreographien haben die Niederländer mitgebracht: zwei Stücke der Haus-Choreographen Paul Lightfood und Sol León (davon eine Deutschlandpremiere) und eine Produktion des assoziierten Choreographen Marco Goecke. Goecke, eigentlich Haus-Choreograph am Ballett Stuttgart, wurde gerade erst in diesem Sommer von dem Magazin "tanz" zum "Choreographen des Jahres" gekürt. In Berlin hat er nun seine jüngste Produktion "Thin Skin" zum ersten Mal in Deutschland gezeigt.

Immer wieder zuckt die Hand, zuckt und krampft, als ob sie sich von etwas Unsichtbarem befreien möchte. Dem dazugehörigen Körper geht es nicht besser: er windet sich, bebt, flattert, zittert, steht dann wieder urplötzlich still in einer fast klassisch anmutenden Pose. Fast krankhaft wirken die Ausbrüche, die die Tänzerkörper in der 30-minütigen Choreographie "Thin Skin" von Choreograph Marco Goecke immer wieder befallen.

Die Stimme von Patti Smith – zugleich rau und klar – passt zu dieser eigentümlichen Bewegungssprache. Einige Songs von dem legendären Debütalbum der amerikanischen Rocksängerin werden zur Choreographie von "Thin Skin" eingespielt: neue deutsche Ballettkultur trifft hier auf amerikanische Popgeschichte.

Choreograph Marco Goecke ist nicht nur mit vielen Auszeichnungen bedacht worden, sondern wird auch gerne als 'junger Wilder' bezeichnet. Und tatsächlich bricht seine Bewegungssprache mit allen Mustern des Klassischen Balletts: gekrümmte Rücken und wie im Schmerz nach vorne zusammengezogene Oberkörper konterkarieren das stets nach oben strebende Ideal der klassischen Aufrichtung. Und wenn die Tänzer einmal ganz gerade und still verharren, scheinen sie unter einer extremen Anspannung zu stehen: als ob sie stets nur einatmen, den Atem anhalten und niemals ausatmen würden. Großartig halten sie diese Spannung, großartig ist auch ihr Vermögen, mit Goeckes kleinteiliger, äußerst subtiler choreographischer Handschrift umzugehen.

Auch in ‚"hoot The Moon" von 2005 überzeugen die Tänzer mühelos. Das nur 20-minütige Stück von Sol León und Paul Lightfood wird ganz und gar geprägt von einem raffinierten Bühnenbild: verschachtelte Wände auf der Drehbühne geben den Blick auf immer neue Zimmer frei – und in jedem wartet ein anderes Paar. Anziehung und Abstoßung, Gewalt und Zärtlichkeit, Einsamkeit und Nähe – Lightfood und León loten in verschiedenen Szenen das komplexe Seelenleben von Paarbeziehungen aus. Dabei spielt sich das Verstörende, auch Schmerzhafte fast ausschließlich in den Gesichtern ab, die sich immer wieder urplötzlich zu seltsamen Grimassen verzerren. Die Körper dagegen behalten eine äußerst elegante Klarheit und große Virtuosität, aber auch sie erzählen von den Tiefen und Untiefen des Ineinander-Verstrickt-Seins: etwa, wenn eine Ballerina ihr Bein zu einem Battement 180 Grad in die Luft wirft, es scharf wie ein Schwert wieder zu Boden fallen lässt und ihr Tanzpartner dabei kurz, aber heftig in den Schultern zusammenzuckt. Dann wird dieser sekundenkurze körperliche Moment zu einem aussagekräftigen Statement über das, was Beziehungen mit Menschen anrichten können.

Das große Rätsel des Abends aber betrifft den letzten Teil, die Choreographie "Stop-Motion" von 2014, ebenfalls von Sol León und Paul Lightfood. Wie ein Choreographen-Duo, das eine so subtile Choreographie wie "Shoot the Moon" kreiert hat, derart in Kitsch abgleiten kann, ist unerklärlich. Und wenn ich Kitsch sage, meine ich auch Kitsch! Die Tänzer müssen hier bedeutungsschwer über die Bühne gehen, sich in dekorativ aufstaubenden weißen Mehl wälzen und zu schmachtenden Geigenklängen schmachtende Bewegungssequenzen ausführen. "Stop-Motion", immerhin ganze 35 Minuten lang, ist nach den beglückenden ersten beiden Teilen einfach nur als geschmackliche Verirrung zu bezeichnen. An dem Ensemble liegt das nicht – die Tänzer des NDT gehören, das hat dieser Abend trotz des choreographischen Ausrutschers wieder bewiesen, immer noch zu den besten, die es im Feld des zeitgenössischen Balletts gibt.

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