Bühne Warten auf die Katastrophe: „Architecture“ von Pascal Rambert in Straßburg

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Dauer
Sendedatum
Sendezeit
18:40 Uhr
Sender
SWR2

Warum haben die europäischen Eliten kaum etwas getan, um den Ersten Weltkrieg abzuwenden, die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts? Dieser Frage folgt der französische Regisseur Pascal Rambert in seinem Theaterstück „Architecture“, uraufgeführt diesen Sommer auf dem Festival d’Avignon. Rambert konzentriert sich auf eine bildungsbürgerliche Familie aus Wien, Philosophen, Komponisten, Architekten, Psychologen, Journalisten und Verhaltensforscher. Wie reagiert dieses Bildungsbürgertum um 1911, als sich rechte politische Tendenzen in der Gesellschaft bereits breitmachen? Jetzt feiert das Stück seine Premiere am Théâtre national in Straßburg.

Bühne Warten auf die Katastrophe: „Architecture“ von Pascal Rambert in Straßburg

"Architecture" am Theatre National Strasbourg (Foto: Jean-Louis Fernandez)
Emmanuelle, Anfang 50, stammt aus einer Familie des Wiener Bildungsbürgertums. Sie ist Psychoanalytikerin. Im Krieg hat sie ihren Mann verloren. Dabei hatte sie bereits vor Kriegsausbruch eine seltsame, die Öffentlichkeit vergiftende Gereiztheit vernommen: „Wir gehen schlecht miteinander um. Für unsere Sprache ist es eine grauenhafte Epoche – die Menschen brüllen sich gegenseitig an. Keiner hört wirklich zu. Die Gesellschaft ist verrückt. Diese Verrücktheit färbt auch stark auf die einzelnen Individuen ab.“ - Auf dem Bild: Laurent Poitrenaux, Emmanuelle Béart und Arthur Nauzyciel. Jean-Louis Fernandez Bild in Detailansicht öffnen
„Der Untergang der Monarchie, eine neue Weltaufteilung, nichts davon habe ich mitbekommen“, sagt Emanuelle. „Dabei habe ich doch, wie viele Intellektuelle, an meinem Fenster gewacht. Mit Geschichte ist es wie mit einem Schatten, kaum wendet man sich ihm zu, schon hat er dich in die Knie gezwungen.“ - Auf dem Bild: Laurent Poitrenaux und Emmanuelle Béart Jean-Louis Fernandez Bild in Detailansicht öffnen
Zu Beginn des Stückes befinden wir uns im Jahr 1911. Emmanuelles Familie besteht aus neun Personen und wird vom herrischen Vater Jacques dominiert. Wie seine Tochter gehört auch er zu den Intellektuellen, ist Architekt und verkörpert die alte, zum Untergang verdammte Welt der Monarchie. - Auf dem Bild: Marie-Sophie Ferdane und Jacques Weber Jean-Louis Fernandez Bild in Detailansicht öffnen
Als Pascal Rambert begonnen hat, „Architecture“ zu schreiben, war es genau dieses Bildungsbürgertum, das ihn interessiert hat. „Was ich in dieser Epoche sah, waren vor allem höchst talentierte Menschen, die mit großem Intellekt gewappnet waren, sich allerdings nicht gegen den aufkeimenden Nationalsozialismus wehren konnten oder zu wehren wussten.“- Auf dem Bild: Jacques Weber und Marie-Sophie Ferdane Jean-Louis Fernandez Bild in Detailansicht öffnen
Gewehrt haben sich die Eliten auch nicht vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Gesellschaftliche und politische Spannungen der Vorkriegsjahre spiegeln sich direkt in der Familie wider. Je näher die Katastrophe rückt, desto brutaler gehen die Familienmitglieder miteinander um, desto roher wird ihre Sprache. Konflikte kochen hoch, Privates scheint hierbei oft Priorität vor Politischem zu haben. - Auf dem Bild: Stanislas Nordey, Jacques Weber und Marie-Sophie Ferdane Jean-Louis Fernandez Bild in Detailansicht öffnen
Sie sind zwar gefangen in ihrem innerfamiliären Konflikt, sind sich aber durchaus ihrer Lethargie, ihrer Ohnmacht bewusst: „In 100 Jahren werden wir schrecklich verurteilt werden. Man wird nicht verstehen, wie Leute wie wir, die doch zu der Bevölkerungsschicht mit Grips gehören, in den Krieg ziehen konnten. Alle ziehen in den Krieg. Man glaubt immer selbstständig entscheiden zu können, Akteur der eigenen Epoche zu sein, doch man erleidet sie sehr viel mehr, als dass man sie gestalten kann.“ - Auf dem Bild: Emmanuelle Béart und Laurent Poitrenaux Jean-Louis Fernandez Bild in Detailansicht öffnen
Ein historisches Drama oder doch brandaktuell? Während des dreistündigen Spiels, sind Vergleiche mit der heutigen politischen und gesellschaftlichen Situation fast unausweichlich, findet auch Pascal Rambert: „Sei es in Frankreich, in Spanien die populistische Partei Vox, in Großbritannien der Brexit: Überall lebt der Populismus auf. Wir haben heute so viel mehr Ablenkung, als die Menschen von damals, zum Beispiel durch unsere Handys. Wie würden wir reagieren, wenn es wieder zu so einer Zeit kommen würde?“ - Auf dem Bild: Audrey Bonnet und Pascal Rénéric Jean-Louis Fernandez Bild in Detailansicht öffnen

„Architecture” von Pascal Rambert am Théâtre national in Straßburg. Die nächsten Aufführungen (französisch) am 15., 16. und 17. sowie täglich vom 19. bis 24. November 2019.

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