Bühne Statt Godot kommt Greta: „Warten auf Godot“ in Mannheim

AUTOR/IN
Dauer
Sendedatum
Sendezeit
12:33 Uhr
Sender
SWR2

Samuel Becketts Klassiker „Warten auf Godot” von 1953 mit Samuel Koch als „Pozzo“ wird in der Mannheimer Inszenierung anstelle eines abstrakten Lebensrätsels zur konkreten Zeitgeist-Deutung, inklusive Greta-Thunberg-Zitaten.

Bühne „Warten auf Godot” von Samuel Beckett in Mannheim

Warten auf Godot am Nationaltheater Mannheim (Foto: Hans Jörg Michel)
Samuel Becketts „Warten auf Godot“ ist immer eine Herausforderung für die Leidensbereitschaft des Publikums. Wie viele Wiederholungen, wie viele nur leicht variierte Worte und Gesten lassen sich ertragen? Wie viel Pausen sind gerade noch möglich? Wie sehr darf die absurde Warterei zur Langeweile des Publikums werden? Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Regisseurin Sandra Strunz hat in ihrer Mannheimer Inszenierung die Handlung an einen kurzlebigen Ort verlegt – Wladimir (Martin Weigel) und Estragon (Matthias Breitenbach) warten auf dem Gelände eines Autoscooters. Dort, wo man sonst pubertäre Jugendliche beim Abhängen sehen kann, warten nun zwei mittelalte Herren. Aus dem Kassenhäuschen wabert Bühnennebel, die Leuchtreklame ist auf matt-grelles Holz gemalt. Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Der Baum, an dem sich die beiden Protagonisten gern erhängen würden, ist hier ein fast japanisch gemaltes Bäumchen, diese zarte Haiku-Pflanze würde das Gewicht der Schauspieler wohl kaum ertragen – Selbstmord ist also kein Ausweg aus Becketts Escape-Room-Szenario. - Auf dem Bild (von links): Martin Weigel (Wladimir), Samuel Koch (Pozzo), Robin Krakowski (Lucky) und Matthias Breitenbach (Estragon). Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Der Ausweg, den Regie und Darsteller in Mannheim immer wieder probieren, ist Slapstick. Matthias Breitenbach und Martin Weigel purzeln übereinander und choreografieren gekonnt. Und amüsant. Aber es beschleicht einen ein wenig das Gefühl, hier vertraue man dem Publikum nicht so ganz, nach dem Motto: mehr Entertainment, weniger Existenzialismus. Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Interessanter wird es mit dem Auftritt von Pozzo und Lucky. Samuel Koch als Pozzo (links) wird von Robin Krakowski als Lucky auf dem Rücken getragen. Pozzo als Herrenmensch im goldenen Anzug, Lucky als schlamm verschmierter Sklave. Die beiden bilden eine Einheit – der eine der Körper und der andere der Kopf. Wo Samuel Koch Pozzo mit sadistischem Understatement spielt, agiert Robin Krakowski grandios als Lucky, verausgabt sich körperlich und führt in seinem berühmten Monolog zum Kern des Stücks: „Man weiß nicht, warum“ wiederholt Lucky in einem fort. Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Beckett hat sein Stück von jedem konkreten Zusammenhang entschlackt, stattdessen steht die Zufälligkeit des Da-Seins im Mittelpunkt. Wenn ich meine Schuhe nicht trage, trägt sie eben ein anderer, sagt Estragon. Es geht also um etwas Abstraktes, darum, in der Zufälligkeit und Austauschbarkeit des Lebens nach Sinn zu suchen. Leider bleibt die Mannheimer Regie nicht abstrakt, sondern wird konkret. „How dare you, I want you to panic“, dieses Greta-Thunberg-Zitat wird Becketts Figuren in den Mund gelegt und Martin Weigel als Wladmir tanzt gegen Ende mit der Erdkugel als Luftballon. Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Vielleicht muss das ja so sein, vielleicht ist die Herausforderung, die der Klimawandel für die Gesellschaft bedeutet, tatsächlich so groß, dass sie immer wieder thematisiert werden muss. Auch im Theater. Aber für Aktivismus ist „Warten auf Godot“ schlichtweg der falsche Text. Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen

Samuel Beckett, „Warten auf Godot“ am Nationaltheater Mannheim. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. Die nächsten Aufführungen am 19. und 26. Oktober, am 9. und 15. November 2019.

AUTOR/IN
STAND