Bühne Starke Dialoge: „Frauensache“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe

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Dauer
Sendedatum
Sendezeit
12:40 Uhr
Sender
SWR2

Die Karlsruher Schauspieldirektorin Anna Bergmann und ihr Team sind immer auf der Suche nach guten Theaterstücken, die sich mit weiblichen Rollenmuster und gesellschaftlichen Debatten auseinandersetzen. In dieser Spielzeit wollten sie ein Stück über neue, rechtspopulistische Frauenbilder auf die Bühne bringen, fanden aber keines. Und so haben sie eines in Auftrag gegeben – und zwar bei dem erfolgreichen Autorenduo Lutz Hübner und Sarah Nemitz. „Frauensache“ in der Regie von Alexandra Liedtke ist ein Stück voller pointierter Dialoge.

Bühne „Frauensache“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz in Karlsruhe

„Frauensache“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe (Foto: Badisches Staatstheater Karlsruhe / Thorsten Wulff)
Um die Frauenärztin Beate (Lisa Schlegel) entbrennt ein Konflikt um Abtreibungsfragen. Beate ist liberal und möchte Abtreibungen ermöglichen, wenn es unumgänglich scheint. Zugleich sucht die Ärztin nach einer Nachfolgerin für ihre Praxis. Badisches Staatstheater Karlsruhe / Thorsten Wulff Bild in Detailansicht öffnen
Als Nachfolgerin scheint die junge Ärztin Hanna (Swana Rode) in Frage zu kommen. Doch die ist zugleich eine radikale Abtreibungsgegnerin mit einem faschistischem Weltbild. Indem sie Abtreibungen verhindert, glaubt sie dem Erhalt eines "deutschen Staatsvolks" zu dienen. Badisches Staatstheater Karlsruhe/Thorsten Wulff Bild in Detailansicht öffnen
Zu den beiden Ärztinnen in die Praxis kommt Elke (Marie-Joelle Blazejewski). Sie ist ungewollt schwanger und verzweifelt. Weil sie eine feste Stelle in Aussicht hat, möchte sie das Kind abtreiben. Unversehens gerät sie so nun auch noch zwischen die Fronten der beiden Ärztinnen. Badisches Staatstheater Karlsruhe/Thorsten Wulff Bild in Detailansicht öffnen
Während Beate (Lisa Schlegel) bereit ist, eine Abtreibung durchzuführen, bietet Hanna (Swana Rode) der verzweifelten Frau eine Arbeit auf einem Biohof an - unter der Voraussetzung, dass sie das Kind austrägt. Elke (Marie-Joelle Blazejewski) überlegt, ob sie dieses Angebot annehmen soll. Zwischen den beiden Ärztinnen bricht nun offener Streit aus. Badisches Staatstheater Karlsruhe / Thorsten Wulff Bild in Detailansicht öffnen
Hinter der jungen, fanatischen Ärztin stecken organisierte Abtreibungsgegner wie Gudrun (Ute Baggeröhr), die eine neue, nationalistische Agenda betreiben. Badisches Staatstheater Karlsruhe/Thorsten Wulff Bild in Detailansicht öffnen
Die junge Arzthelferin Mira (Sarah Sandeh) sieht, was sich da zusammenbraut. Doch ihren Befürchtungen schenkt niemand Glauben. Badisches Staatstheater Karlsruhe / Thorsten Wulff Bild in Detailansicht öffnen
So vertraut sich Mira der gutgläubigen Bürgeramtsleiterin Angelika an (Claudia Hübschmann, rechts). Doch die beschwichtigt und sieht keine Gefahr. Badisches Staatstheater Karlsruhe/Thorsten Wulff Bild in Detailansicht öffnen
Bei einer Podiumsdiskussion prallen schließlich die Positionen unversöhnlich aufeinander. Frauenärztin Beate (Lisa Schlegel) trifft dabei wieder auf ihre alte Konkurrentin Gudrun (Ute Baggeröhr). Badisches Staatstheater Karlsruhe / Thorsten Wulff Bild in Detailansicht öffnen
Beate muss sich nun überlegen, ob sie ihre Praxis wirklich an eine junge, fanatische Nachfolgerin übergibt - oder doch an ein Versorgungszentrum verkauft. Badisches Staatstheater Karlsruhe/Thorsten Wulff Bild in Detailansicht öffnen
In den Konflikten, die die Frauen austragen, bleiben männliche Figuren im Hintergrund, bestimmen aber heimlich das Geschehen. Hinter der fanatischen Ärztin steht der Kopf einer rechten Ökobewegung, hinter der Bürgeramtsleiterin ein ehrgeiziger Mann, der die Frauenarztpraxis kaufen möchte. So soll das Stück von Lutz Hübner und Sarah Nemitz ein breites gesellschaftliches Spektrum abbilden. Badisches Staatstheater Karlsruhe / Thorsten Wulff Bild in Detailansicht öffnen

Streit zweier Frauenärztinnen

Beate kann und will nicht mehr. Die 63-jährige hat jahrzehntelang alles gegeben in ihrer gynäkologischen Praxis auf dem Land. Jetzt sollen die jungen Frauen ran. In Hanna meint sie die perfekte Nachfolgerin gefunden zu haben. Begeisterungsfähig und engagiert, aber, wie sich mit der Zeit herausstellt: am rechten Rand, bei einer völkischen Lebensgemeinschaft.

Hanna ist dementsprechend strikte Abtreibungsgegnerin und hetzt Beate, die in ihrer Praxis legale Schwangerschaftsabbrüche durchführt, Mahnwachen vors Haus und beschwört im Netz eine Hetz- und Hasskampagne herauf. Zum Showdown zwischen den beiden Ärztinnen kommt es bei einer öffentlichen Podiumsdiskussion. Beate glaubt, als redegewandter Alt-68erin könne ihr da nichts passieren, aber sie hat nicht mit der rhetorisch geschulten Kommunalpolitikerin und der perfide agierenden Hanna gerechnet. Der öffentliche Auftritt wird zum Desaster.

Frauensolidarität und Kinderliebe nur für Weiße

Lutz Hübner und Sarah Nemitz haben in ihr Stück viel reingepackt, manchmal droht es überfrachtet zu werden. Vor allem, als auch noch die Geschichte der Sprechstundenhilfe, die aus Syrien fliehen musste, mit hineinkommt. Aber in der Auseinandersetzung zwischen ihr und Hanna wird eben besonders deutlich, dass sich Hannas Frauensolidarität und Kinderliebe nur auf weiße, deutsche Frauen und Kinder bezieht.

Am Ende waren die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer wohl erleichtert, dass Beate nicht der jungen, rechtspopulistischen Konkurrentin das Feld überlassen, sondern beschlossen hat, eine der dienstältesten Frauenärztinnen zu werden.

Engagiertes Theater über gesellschaftlich relevante Themen

Ein Theaterstück, das in kurzen, schlaglichtähnlichen Szenen und pointierten Dialogen zeigt, dass Fragen nach Frauenbildern und Familienpolitik gerade heute wieder hochbrisante Themen sind und letztendlich die gesamte Gesellschaft betreffen. Und ein Abend, der wieder einmal bewiesen hat, dass sich engagiertes Theater gut dafür eignet, Finger in Wunden zu legen und aktuelle, gesellschaftsrelevante Themen zu verhandeln. Gerne mehr davon.

„Frauensache“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz in der Regie von Alexandra Liedtke am Badischen Staatstheater Karlsruhe. Die nächsten Aufführungen am 6. und 18. Dezember 2019.

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