Bühne Spätskandinavische Dekadenz: „Brand“ von Ibsen am Schauspiel Frankfurt

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Dauer
Sendedatum
Sendezeit
18:40 Uhr
Sender
SWR2

Zur Begrüßung Ibsen: Roger Vontobel bringt am Schauspiel Frankfurt zum Auftakt der Buchmesse mit Gastland Norwegen das erste Erfolgsstück des Dramatikers, „Brand“, auf die Bühne. Aus dem Stück über religiösen Fanatismus wird eine pompöse Bebilderung skandinavischer Dekadenz.

Bühne Spätskandinavische Dekadenz: „Brand“ von Ibsen am Schauspiel Frankfurt

„Brand“ von Henrik Ibsen am Schauspiel Frankfurt (Foto: Schauspiel Frankfurt / Birgit Hupfeld)
Zu Beginn ist der Pastor Brand (Heiko Raulin) in Frankfurt ein sehr innerlicher Sinnsucher und Selbstsucher, einer, dem die Angepasstheit „fauler Seelen“ zuwider ist und der das „wahre Leben“ sucht, das für ihn später in einer „Eis-Kirche“ in den kalten Bergen Norwegens liegt. Schauspiel Frankfurt / Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Heiko Raulin beginnt die Rolle in Frankfurt als schwarzer Eremit, der dem Existentialismus Kierkegaards, einer schonungslosen Selbstbefragung, viel näher ist als religiösem Sendungsbewusstsein. Schauspiel Frankfurt / Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Dieser Pastor Brand hat einen Ekel vor dem Mittelmaß, und er wagt auch etwas. Im Unwetter geht er über hohe Berge, um einer Selbstmörderin (Heidi Ecks) in ihrer letzten Stunde beizustehen. Schauspiel Frankfurt / Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Schon rein akustisch kling das alles nach Geisterbahn. Roger Vontobel hat das Stück leider sehr pathetisch in Szene gesetzt, wie eine gesprochene Wagner-Oper. Schauspiel Frankfurt / Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Die neue Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel, die das ursprünglich in Verse gefasste „Ideen-Drama“ in alltagstauglichere Prosa zurückholt, geht völlig unter in den moralischen Bekenntnissen des Pfarrers, der eine Gemeinde von Ausgegrenzten um sich schart (Heiko Raulin mit Isaak Dentler, links). Schauspiel Frankfurt / Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Brands Frau Agnes, anrührend zurückhaltend gespielt von Jana Schulz, ist dem Pfarrer mit seiner Vision vom aufrichtigen Leben zunächst völlig verfallen. Sie läuft sogar ihrem Bräutigam davon, um mit dem Gottsucher Brand in die Berge zu gehen. Schauspiel Frankfurt / Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Aber dann stirbt das gemeinsame Kind im rauen Klima, und Brand zwingt sie, die Kleider des Kindes (und damit ihre Erinnerungen) an die Armen zu verschenken. Alles schenken oder nichts – ist Brands grausame Devise. Daran zerbricht die Beziehung, daran zerbricht letztlich auch Brand – der sich im sehr schematisch gebauten Stück zwischen einer Heiligen und einer Hure bewegt. Schauspiel Frankfurt / Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Neben der loyalen Ehefrau Agnes gibt es einen sexuell verführerischen Waldgeist, einen Troll, eine Hexe, gespielt von Katharina Bach (in der Mitte mit Heiko Raulin), die zu gewalttätig-balladesken Gitarrensounds immer wieder singt und kreischt. Schauspiel Frankfurt / Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Die grandiose Bühne von Olaf Altmann zeigt die eisigen Berge Norwegens, in denen Brand seine Kirche bauen will, als leere, ansteigende, glatte, blitzartig gezackte Fläche - während aus dem Untergrund die sozial Benachteiligten wie aus einem Höllenschlund hervordrängen. Schauspiel Frankfurt / Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Der Lichtdesigner Johan Delaere taucht das alles in ein so düsteres Dunkel, dass die Seelenlage dieses Pfarrers mehr bildlich zu spüren ist als in den pathetischen, verhallten Monologen, mit denen die Regie uns quält. Schauspiel Frankfurt / Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Natürlich schwingt als Referenzraum unter dieser Inszenierung ein völlig anders gepolter moralischer Rigorismus immer mit: der von Greta Thunberg, deren politische Erweckungsrufe ebenfalls Kompromisse kaum zulassen. Das scheint weiten Teilen des Publikums als Subtext durchaus bewusst zu sein, obgleich Roger Vontobel jede Andeutung vermeidet. Er lässt den von einer Lawine verschütteten Brand am Ende als Ötzi im schneeigen Schlamm erfrieren. Schauspiel Frankfurt / Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Vontobels Inszenierung versinkt in pompösen Bildern skandinavischer Dekadenz, statt die Forderungen von Pastor Brand auf den Prüfstand zu stellen Schauspiel Frankfurt / Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen

Henrik Ibsen feierte seinen Durchbruch 1866 mit einem heute eher unbekannten Stück. Als „Lesedrama“ sorgte es in Norwegen für Furore: „Brand“, über einen Pfarrer, der den Egoismus der Menschen, vor allem aber die Doppelmoral von Kirche und Staat, anprangert. In der Einsamkeit der Berge schart er eine kleine Gemeinde um sich und will sie zum „richtigen Leben“ führen – während er im Privaten Mutter, Frau und Kind wegen seiner Hartherzigkeit verliert.

„Brand“ von Henrik Ibsen am Schauspiel Frankfurt. Deutsch von Hinrich-Schmidt-Henkel. Eine Neuübersetzung, gefördert vom Gastland der Buchmesse 2019, Norwegen. Die nächsten Aufführungen am 21. Oktober, 2., 7. und 11. November 2019.

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