Bühne Selbstzerfleischung: „Schäfchen im Trockenen“ von Anke Stelling am Schauspiel Stuttgart

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Sendezeit
6:00 Uhr
Sender
SWR2

Wann ist man eigentlich in der vielbeschworenen Mitte der Gesellschaft angekommen? Mit dieser Frage setzt sich Anke Stelling in ihrem Roman „Schäfchen im Trockenen“ auseinander. Für die Geschichte über eine Clique von Mittvierzigern im gehobenen Berliner Prenzelberg-Milieu hat die Autorin den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse bekommen. Das Buch hinterfragt am Beispiel von mehreren Freunden die Chancengleichheit in unserer Gesellschaft. Das Schauspiel Stuttgart hat den Roman am 16. November 2019 auf die Bühne gebracht.

Bühne „Schäfchen im Trockenen“ von Anke Stelling am Schauspiel Stuttgart

„Schäfchen im Trockenen“ von Anke Stelling (Preis der Leipziger Buchmesse 2019) in der Regie von Sabine auf der Heyde am Schauspiel Stuttgart (Foto: Schauspiel Stuttgart/Björn Klein)
Es hätte ja so schön werden können. Eine befreundete Clique zieht in Berlin zusammen in ein gemeinsames Bauprojekt. Nur eine schert mit ihrer Familie aus: die wenig erfolgreiche und mittellose Schriftstellerin Resi. Schauspiel Stuttgart/Björn Klein Bild in Detailansicht öffnen
Warum sie die finanzielle Hilfe eines Freundes ausschlug, erklärt Resi so: „Dass Ingmar uns nur Geld leihen wollte, um uns in seiner Nähe zu behalten. Um die Baugruppe mit uns zu würzen. Und sie für sich und nach außen als Sozialprojekt darstellen zu können. … Ich mach dir nicht den Clown und erleichtere dir nicht dein Gewissen und dich nicht um dein Geld. Da musst du dir wen anders suchen, Digger.“ Schauspiel Stuttgart/Björn Klein Bild in Detailansicht öffnen
Gleich drei Schauspielerinnen verkörpern auf der Bühne die Resi (Katharina Hauter, Sylvana Krappatsch und Therese Dörr). Mal laut und wütend, mal leise und resigniert. Aber auch zum Lachen, wenn zum Beispiel alle drei parallel mit ihren Zigaretten in der Luft herumwedeln und sich aufregen. Sehr klug bricht Regisseurin Sabine auf der Heyde so die Romanvorlage auf, die ein einziger langer Monolog der Schriftstellerin Resi an ihre Tochter ist. Dabei stellt sie die soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit in Frage. Schauspiel Stuttgart/Björn Klein Bild in Detailansicht öffnen
Resi provoziert schließlich mit einem entlarvenden Buch über das Leben der Baugruppe im schicken, bionadegetränkten, überkorrekten grün angehauchten Prenzlauer Berg Milieu. Die Freunde kündigen ihr zur Strafe die Wohnung. Vor allem ihr alter Freund Ulf fühlt sich verletzt, weil sie das gemeinsame Leben ablehnt. Schauspiel Stuttgart/Björn Klein Bild in Detailansicht öffnen
Es folgt ein wilder Rollentausch – die drei Schauspielerinnen und ihr Kollege Sebastian Röhrle erzählen dabei, wie die ganze schwäbische Clique nach dem Abitur nach Berlin gekommen war. Scheinbar alle gleich und befreit von sozialen Gegensätzen. Im Lauf der Jahre hat es allerdings Resi als einzige versäumt, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Sie rutscht ins Kreativ-Prekariat ab. Die anderen zementieren ihren Wohlstand mit fetten Erbschaften oder weil sie die richtigen Berufe ergriffen haben. Schauspiel Stuttgart/Björn Klein Bild in Detailansicht öffnen
Auf der ansonsten schwarzen leeren Bühne reichen ein paar Tische. Die Baugruppe feiert dort ihre Feste. Resis Kinder lümmeln später daran herum. Alle tragen Overalls. Soziale Unterschiede machen sich hier nicht an Klamotten fest. Dazu viel handgemachte Musik – als Soundtrack der gemeinsamen Vergangenheit. Schauspiel Stuttgart/Björn Klein Bild in Detailansicht öffnen
„Schäfchen im Trockenen“ ist eine sehr lebendige Inszenierung, und dennoch zu lang geraten. Denn Resi ist keinesfalls eine sympathische Heldin. Am Ende dreht sie in ihrer selbstzerstörerischen, sich selbst zerfleischenden Art ein paar Runden zu viel. Man hat da schon längst verstanden, worum es geht. Aber vielleicht wollte man das anwesende Mittelstandspublikum ja auch ein bisschen nachhaltig quälen mit der Frage, wie gerecht es in unserer Gesellschaft heute wirklich zugeht. Und wie weit sich jeder selbst von seinen ursprünglichen Idealen entfernt hat. Schauspiel Stuttgart/Björn Klein Bild in Detailansicht öffnen

„Schäfchen im Trockenen“ von Anke Stelling, in einer Bearbeitung von Sabine Auf der Heyde und Carolin Losch am Schauspiel Stuttgart. Die nächsten Aufführungen am 19. - 21. November 2019 sowie am 2. - 5. Januar 2020.

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