Bühne Lacht kaputt, was euch kaputt macht: „Hundeherz” in Mannheim

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6:00 Uhr
Sender
SWR2

Der in einen Menschen verwandelte Hund Lumpikow will Moskau von streunenden Katzen reinigen. Eine klare Parallele zu den stalinistischen Säuberungen. In der Bühnenfassung der Geschichte von Michail Bulgakow am Nationaltheater Mannheim nimmt der groteske Humor dem Terror die Angst.

Berühmt wurde Michail Bulgakow erst posthum mit seinem Roman „Der Meister und Magarita”. Vermutlich hätte er die Veröffentlichung dieses Romans in der Stalinzeit auch nicht überlebt. Weniger bekannt ist seine Geschichte „Das hündische Herz” oder auch „Hundeherz”. Sie konnte erst kurz vor dem Mauerfall veröffentlicht werden. Auch hier geht es um Kritik am real existierenden Sozialismus, verkleidet in die übernatürliche Parabel von der Verwandlung eines Hundes in einen Menschen.

Bühne Lacht kaputt, was euch kaputt macht: „Hundeherz” in Mannheim

„Hundeherz“ am Nationaltheater Mannheim (Foto: Nationaltheater Mannheim / Christian Kleiner)
Zwischen Mensch und Hund sind die Verhältnisse klar: Der Mensch sagt dem Hund, wo es langgeht. Schließlich hat er (oder sie) ja Verstand – und nicht nur Instinkt. So denkt man sich das, als Mensch. Dass die tatsächlichen Grenzen zwischen Mensch und Hund weniger klar sind, darum geht es in Michail Bulgakows Roman Hundeherz. Nationaltheater Mannheim / Christian Kleiner Bild in Detailansicht öffnen
Moskau 1924: Der Wissenschaftler Preobrashenski implantiert dem Straßenhund Lumpi die Hoden und das Hirn eines Menschen. Das Ergebnis überrascht selbst den abgebrühten Professor. Ebenso seinen Assistenten Bormenthal (László Branko Breiding, links) und die Haushälterin Sina (Almut Henkel, rechts): aus Mensch und Hund entsteht etwas Neues. Aus Lumpi wird Lumpikow (Robin Krakowski). Nationaltheater Mannheim / Christian Kleiner Bild in Detailansicht öffnen
Natürlich erinnert das an Mary Shelleys Frankenstein oder auch an die Sage vom Golem, an Geschichten, in denen der Mensch die Grenzen der Schöpfung überschreitet und selbst Leben schafft. Als Bulgakow Hundeherz in den 1920er Jahren veröffentlichen wollte, wurde der Roman als bissige Parabel auf den neuen sowjetischen Menschen verstanden – und gleich verboten. Erst 1987 konnte das Buch erscheinen. Sieht man die Mannheimer Inszenierung von Hundeherz, kann man die Sowjet-Zensur fast verstehen. Dieser neue Mensch ist ein ziemlich ekelhafter Typ. Nationaltheater Mannheim / Christian Kleiner Bild in Detailansicht öffnen
Regisseur Christoph Bornmüller inszeniert Hundeherz überbordend komisch, als Slapstick-Kammerspiel, das in weiten Teilen in der Wohnung des Professors spielt. In einer sehr bürgerlichen Wohnung hängen an den Wänden Gemälde: „Gericaults Floß der Medusa“. Und „Washington überquert den Potomac“, große Augenblicke der Menschheit. Genau dieses bürgerliche Pathos wird ebenso unterlaufen wie das kommunistische Pathos: Bourgeoisie und Sowjetstaat, Hund und Mensch, das alles ist lächerlich. Nationaltheater Mannheim / Christian Kleiner Bild in Detailansicht öffnen
Überdreht ist auch das 70er Jahre Bühnenbild. Auch die Kostüme, die eher an Breschnew statt an Stalin erinnern, signalisieren großen Unfug. Ebenso die Darsteller: Boris Koneczny spielt den Professor Preobrashenski mit deutlichen Anleihen bei Helge Schneider (Mitte). Der Assistent Bormenthal trägt ein irres Lächeln im Gesicht, das genauso übertrieben ist wie die Oberweite der Haushälterin. Nationaltheater Mannheim / Christian Kleiner Bild in Detailansicht öffnen
Im Zentrum dieser großartigen Inszenierung aber steht Lumpi - ein herrlicher Hund. Robin Krakowski bleibt auf der Bühne als Mensch im Hundekostüm erkennbar und erinnert mehr an den frühen Udo Lindenberg als an eine zoologisch korrekte Hunderasse. Die Verwandlung findet im Verhalten statt: Krakowski bellt und hechelt, schwänzelt und geifert, beißt und wird geschlagen, springt und fällt. Grandios. Ein herrlicher Hund. Und gleichzeitig: ein schrecklicher Mensch. Nationaltheater Mannheim / Christian Kleiner Bild in Detailansicht öffnen
Diese Verwirrung der Gattungsgrenzen ist auch eine Kritik an den sowjetischen Verhältnissen: So will etwa der Hund Lumpi als Mensch Lumpikow die Stadt Moskau von streunenden Katzen bereinigen - die Parallele zu den stalinistischen Säuberungen ist klar. Aber: der groteske Humor nimmt dem Terror die Angst. Lacht kaputt, was euch kaputt macht. Nationaltheater Mannheim / Christian Kleiner Bild in Detailansicht öffnen

„Hundeherz” nach der Erzählung von Michail Bulgakow am Nationaltheater Mannheim. Die nächsten Aufführungen am 18. Januar, am 8. und 12. Februar 2020.

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