Bühne Lachen über den Schlachtfeldern: „Tyll“ von Daniel Kehlmann in Wiesbaden

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Dauer
Sendedatum
Sendezeit
12:33 Uhr
Sender
SWR2

„Tyll“ von Daniel Kehlmann war der große neue Roman zum 400. Jahrestag des Ausbruchs des 30-jährigen Kriegs. Dem Staatstheater Wiesbaden gelingt eine überzeugende Bühnenfassung über den ins Barock verpflanzten Narren.

Bühne „Tyll“ von Daniel Kehlmann am Theater Wiesbaden

"Tyll" nach dem Roman von Daniel Kehlmann am Staatstheater Wiesbaden (Foto: Staatstheater Wiesbaden / Foto: Karl & Monika Forster)
Erde bedeckt die Bühne, von der Decke hängen Papierfahnen, die im Laufe des Stückes immer wieder abgerissen und durch neue ersetzt werden. Mit schwarzer Farbe pinseln die Figuren Jahreszahlen drauf – ohne Chronologie scheinbar geht es im Stück mal voran und dann wieder zurück. Staatstheater Wiesbaden / Foto: Karl & Monika Forster Bild in Detailansicht öffnen
Gefangen in dieser Zeitschleife taumeln einfache Dorfbewohner gleich zu Anfang wild hin und her, heimgesucht von schrecklichen Visionen, allesamt sind sie eingenäht in schmutzige Verbände – der Krieg, er hört niemals auf. Staatstheater Wiesbaden / Foto: Karl & Monika Forster Bild in Detailansicht öffnen
Wie in Daniel Kehlmanns erster Szene im Roman stürzen sich diese Dorfbewohner wie Schiffbrüchige auf Till Eulenspiegel, den scharfzüngigen Spaßmacher. Schon hier wird klar, der Narr bietet keine Rettung, das Lachen keinen Ausweg aus dem Elend des Krieges Staatstheater Wiesbaden / Foto: Karl & Monika Forster Bild in Detailansicht öffnen
Tyll ist aber eine Projektionsfläche – wenn er doch nur das Lachen zurückbrächte, oder sogar ein Bote aus der Vergangenheit wäre? Einer, der wissen muss, wie man Kriege verhindert? Staatstheater Wiesbaden / Foto: Karl & Monika Forster Bild in Detailansicht öffnen
„Besser als friedlich zu sterben ist nicht zu sterben“, sagt Tyll und wird darum zum Wiedergänger aus dem finsteren Mittelalter. Dieser eselsohrige Schelm zeigt ihnen, wie aus einem lustigen Spiel –nämlich ein paar Schuhen, um die man sich balgt, ein ganzer Krieg entfacht werden kann – wie das Große im Kleinen schon gärt. Staatstheater Wiesbaden / Foto: Karl & Monika Forster Bild in Detailansicht öffnen
Regisseur Tilo Nest erzählt in durchgängig düsteren Bildern wie das einfache Volk, wie die Familie von Till Eulenspiegel durch Armut fast erdrückt wird, wie der Vater als Ketzer gehängt und Tyll als Kind fast sterben muss. Mit großer Spielfreude suhlen sich die Akteure in den körperlichen und mentalen Deformationen ihrer Figuren. Staatstheater Wiesbaden / Foto: Karl & Monika Forster Bild in Detailansicht öffnen
Tyll hingegen wird mit Eselsohren gleich zweimal verkörpert, einmal jung und einmal alt: Sein Doppelgänger aus der Kindheit mit ihren Dämonen begleitet ihn stets wie eine unliebsame zweite Haut. Staatstheater Wiesbaden / Foto: Karl & Monika Forster Bild in Detailansicht öffnen
Es ist gerade Kehlmanns lakonische Sprache, die dem Theatertext als Folie dient und der auf der Bühne ungemein gut funktioniert. Zum Beispiel bei der einsamen Winterkönigin, die ihrer Heimat beraubt, der Gauklerin Nele gegenübersteht. Beide müssen feststellen, dass ihnen erst der Krieg eine gemeinsame Geschichte von Flucht und Vertreibung eröffnet. Staatstheater Wiesbaden / Foto: Karl & Monika Forster Bild in Detailansicht öffnen
Dass der Krieg oben wie unten Verheerendes anrichtet, daraus serviert uns Regisseur Tilo Nest eine Art düsteres Weihnachtsmärchen für Erwachsene – mit eindringlich pastoraler Chormusik, die unter die Haut geht. Staatstheater Wiesbaden / Foto: Karl & Monika Forster Bild in Detailansicht öffnen
Tylls triumphierendes Lachen über den Schlachtfeldern wird am Schluss zu einem Lachen der traurigen Gewissheit, dass sich nie etwas ändern wird. Staatstheater Wiesbaden / Foto: Karl & Monika Forster Bild in Detailansicht öffnen

Nicht nur Kehlmanns lakonische Sprache erscheint für die Bühne nahezu ideal. Die Verheerungen des Krieges werden in der Regie von Tilo Nest zu einer Art düsterem Weihnachtsmärchen – mit dem triumphierenden Lachen des Narren über den Schlachtfeldern, einem Symbol für die traurige Gewissheit, dass sich nie etwas ändern wird.

„Tyll“ Nach dem Roman von Daniel Kehlmann, in einer Fassung von Tilo Nest und Hanno Friedrich am Staatstheater Wiesbaden. Die nächsten Aufführungen am 6. und 7., 11., 13. sowie 15. September 2019.

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