Bühne Thomas Schmauser als „König Lear“ an den Münchner Kammerspielen

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Sendedatum
Sendezeit
6:00 Uhr
Sender
SWR2

Bekannt wurde Thomas Schmauser einem großen Publikum in seiner Fernsehrolle als Münchner Modemacher Rudolf Moshammer. Nun ist der 46jährige an die Münchner Kammerspiele zurückgekehrt. Unter der Regie von Stefan Pucher stand er jetzt in der Premiere von „König Lear“ auf der Bühne, aber nicht in einer Übersetzung von Shakespeares Original, sondern in einer Neufassung des Schriftstellers Thomas Melle.

Bühne „König Lear“ an den Münchner Kammerspielen

König Lear an den Kammerspielen in München (Foto: Foto: Arno Declair)
Der Wolkenhimmel auf dem Rundhorizont im Bühnenhintergrund leuchtet rosa, als würde er von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne erhellt. Das schafft die passende Abendstimmung für die Heldendämmerung, zu der Thomas Melle Shakespeares Tragödie „König Lear“ zugespitzt hat. Foto: Arno Declair Bild in Detailansicht öffnen
Wie im Western sind auch bei Shakespeare die Helden meist weiße Männer, und so prangt der Schriftzug „The End“ in geschwungenen Lettern wie im Abspann eines Hollywoodfilms über dem bungalowartigen Kubus, in dem König Lear hier residiert. Foto: Arno Declair Bild in Detailansicht öffnen
Der alte König trägt in Gestalt von Thomas Schmauser einen papageienbunten Anzug und gibt anfangs eher den König der Partylöwen als einen würdigen Monarchen. Dieser Lebemann scheint eher daran gewöhnt, Blondinen im Arm zu haben, als Frauen auf Augenhöhe zu begegnen. Foto: Arno Declair Bild in Detailansicht öffnen
Das ist schon bei Shakespeare so: Dass Lear seinen Machtverzicht bald bitter bereut. Und doch hat Thomas Melle die Vorlage nicht einfach nur ein wenig modern aufgepeppt, indem er beispielsweise aus Lears Gefolge Follower gemacht hat. Bei Shakespeare wird der anfangs herrische Lear zum bemitleidenswerten Opfer der Intrigen seiner Töchter. - Im Bild: Jelena Kuljić Foto: Arno Declair Bild in Detailansicht öffnen
Melles Fassung dagegen setzt die Töchter ins Recht, indem sie deutlich macht: es ist höchste Zeit, dass dieser Typus Mann mitsamt seinem tradierten Herrschaftsanspruch abdankt. Foto: Arno Declair Bild in Detailansicht öffnen
Das ist natürlich eines der großen Themen unsere Tage, da die Donald Trumps dieser Welt um die Restauration einer überkommenen patriarchalischen Gesellschaftsordnung ringen, in der sie und ihresgleichen noch gänzlich unangefochten das Sagen hatten. Foto: Arno Declair Bild in Detailansicht öffnen
Melle dreht das Thema allerdings noch eine Umdrehung weiter. Was daran liegen könnte, dass er selbst, nun ja, zwar kein alter, aber doch auch schon ein etwas älterer weißer Mann ist. Was im Übrigen für Regisseur Stefan Pucher gleichfalls gilt. Foto: Arno Declair Bild in Detailansicht öffnen
Und so werfen Melle und Pucher die ebenso spannende wie provokante Frage auf, ob die viel gescholtenen alten weißen Männer – bei aller überfälligen Kritik, der sie inzwischen ausgesetzt sind – nicht auch ein sehr bequemes Feindbild darstellen. Foto: Arno Declair Bild in Detailansicht öffnen
So wie die Lear-Töchter Goneril und Regan hier gezeichnet werden, sind doch erhebliche Zweifel daran angebracht, ob sie wirklich eine gerechtere, egalitäre Gesellschaft anstreben, oder einfach nur selbst die Macht an sich reißen wollen. Wobei ihnen Lear den idealen Vorwand bietet, erfüllt er doch in seiner aufbrausenden Art perfekt das Klischee vom polternden Patriarchen. Zunächst zumindest. Foto: Arno Declair Bild in Detailansicht öffnen
Mit zunehmender Spieldauer aber wandelt sich dieser Lear, zumal so, wie Thomas Schmauser ihn spielt. Aus Jähzorn wird bei Schmauser Verzweiflung, schließlich verspulter Irrsinn und zuletzt sanfter Sarkasmus. Alles zusammen lässt ihn eher als sympathischen Sonderling erscheinen, denn als twitternde Trump-Type, die sich aus der Figur womöglich auch hätte stricken lassen. - Im Bild: Samouil Stoyanov und Thomas Schmauser Foto: Arno Declair Bild in Detailansicht öffnen
Da ist es ein bisschen schade, dass Stefan Pucher diese tolle Darstellerleistung mit Regie-Aktionismus zukleistert. Vor allem gegen Ende mehren sich die Gesangseinlagen und rotiert die Drehbühne, um den Fortgang der Handlung zu beschleunigen, fast so als hätte Pucher Sorge, Thomas Schmauser und seine famosen Mitspieler, darunter Wiebke Puls, Gro Swantje Kohlhof oder Samouil Stoyanov, könnte die Spannung nicht auch so halten. Dennoch, unterm Strich: Melles Heldendämmerung strahlt ziemlich hell am Theaterhimmel. Foto: Arno Declair Bild in Detailansicht öffnen

„König Lear“ von William Shakespeare, übersetzt und bearbeitet von Thomas Melle, in der Regie von Stefan Pucher an den Münchner Kammerspielen. Die nächsten Aufführungen am 2., 12., 14. und 20. Oktober 2019.

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